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Großer psychischer Druck

Bob-Jury-Präsident Manfred Schulte zieht Olympia-Bilanz

05.03.2010 | 08:00 Uhr

Brunskappel. Der Jury-Präsident der olympischen Herren-Bobrennen in Vancouver, Manfred Schulte, ist wieder zu Hause. Der 56-Jährige zog jetzt Bilanz.

Verteidigungsminister zu Guttenberg in Vancouver im Gespräch mit Bob-Jury-Präsident Manfred Schulte (r.).

Es sollten für ihn die schönsten Winterspiele werden - nach Salt Lake City und Turin. Doch dann kam alles ganz anders. „Der schreckliche Unfall an der Kunsteisbahn in Whistler hat uns zwei Wochen lang in Atem gehalten”, zieht Manfred Schulte, Jury-Präsident der olympischen Herren-Bobrennen, zu Hause in Brunskappel eine eher ernüchternde Bilanz.

Noch vor seiner Abreise nach Vancouver hatte sich der georgische Rodler die tödlichen Verletzungen auf der Olympiabahn zugezogen. „Ich war daher auf einiges vorbereitet. Doch als ich unmittelbar nach der Landung schon zur ersten Besprechung gerufen wurde, wusste ich, dass das eine harte Zeit wird”, so der 56-jährige Polizeihauptkommissar.

Und er sollte Recht behalten. Eine bis dahin nicht gekannte Sturz-Orgie zog sich wie ein roter Faden durch die Bobwettbewerbe. „Die Bahn präsentierte sich alles andere als olympiareif, obwohl die Gefahrenquellen seit zwei Jahren bekannt waren. Doch niemand hat etwas verändert. Dafür habe ich kein Verständnis”, legt Schulte den Finger in die Wunde. Abbrechen oder Schadensbegrenzung konnte daher nur das Ziel lauten.

Die Experten entschieden sich für die zweite Variante. Eine Besprechung jagte die andere, Verbesserungen wurden diskutiert. „Da gab es durchaus sinnvolle Vorschläge. Doch leider zeigten sich die Eismacher vor Ort wenig kooperativ. Man hätte z.B. am Eisprofil einiges machen können, um die Kurven zu entschärfen. Aber entweder wollte man uns nicht verstehen oder die Leute hatten keine Ahnung von ihrem Job”, schüttelt der 56-Jährige den Kopf. Das Ergebnis: Zahlreiche Unfälle beim Zweierbob, mehrere Teams traten gar nicht mehr an.

Es folgten Medienanfragen ohne Ende, die von der FIBT-Spitze höchstpersönlich beantwortet wurden. Schulte durchlebte ein Wellental der Emotionen. Höhepunkt war dann das Viererbob-Rennen. „Ich habe nächtelang kein Auge zugemacht, weil im großen Schlitten die Kurven ja noch viel enger werden”, erinnert er sich. So wurden den Piloten auf Drängen der Jury zusätzliche Trainingsläufe angeboten, „die”, so wundert sich der Brunskappler heute noch, „nur wenige Teams wahrgenommen haben”.

Das erste offizielle Training brach der langjährige Rennleiter des BSC Winterberg nach zahlreichen Stürzen ab. „Es musste etwas geschehen. Wir haben dann den Eismeister von Berchtesgaden hinzugezogen, und der hat mit seinem kanadischen Kollegen einige Veränderungen am Eis vorgenommen.” So lief das zweite offizielle Training nahezu unfallfrei.  „Wir haben alle aufgeatmet, ohne zu ahnen, dass es noch einmal chaotisch werden würde”, berichtet der 56-Jährige. Hintergrund: Für den eigentlichen Wettkampf rüsten fast alle Mannschaften noch einmal auf. Sie legen ihre schnellen Rennkufen unter und katapultieren das Gefährt noch eine Spur kräftiger in die Eisrinne.

Diese etwas größere Beschleunigung reichte, um die so genannte 50/50-Kurve zu einem fast unüberwindlichen Hindernis zu machen. Sechs Stürze waren die Folge. Bob-Ikone Wolfgang Hoppe forderte nach dem zweiten Lauf im Fernsehen vehement ein Ende des Wettbewerbs.

„Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Wäre gar nichts mehr möglich gewesen, hätte ich mich auch nicht gescheut, das Rennen abzubrechen. Mit der Auflage, das Eis noch einmal kräftig zu entschärfen, sind wir dann in den nächsten Tag gegangen. Dass das keine einfache Nacht war, kann sich jeder vorstellen”, so Schulte.

Am zweiten Wettkampftag präsentierte sich die Bahn endlich so, wie es die Jury gefordert hatte. Das Ergebnis: Kein einziger Sturz.

„Der psychische Druck, der auf uns lastete, war schon gewaltig”, möchte Schulte eine ähnliche Situation nicht noch einmal erleben. Die Querelen um die Bahn ließen auch kaum Zeit, sich außer der Damen-Skiabfahrt noch andere Wettbewerbe anzuschauen.

Schade, dass dieser schale Beigeschmack für immer zurückbleibe, meint der 56-Jährige. „Denn die Spiele selbst waren gelungen, die Stimmung an der Eisrinne und im Deutschen Haus super. Das Land ist zudem wunderschön und die Kanadier sind sehr gastfreundlich.”

Für die Eisrinne in Whistler sieht Schulte im Übrigen schwarz, wenn sich nicht einiges ändert. „Andernfalls wird dort kaum noch jemand bei einem Bob-Weltcup an den Start gehen.”

Bernd Sangermann

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