Blaue Flecken an Körper und Seele

Ein kleiner Junge sitzt verängstigt in der Ecke seines Kinderzimmers und umarmt seinen Teddy.
Ein kleiner Junge sitzt verängstigt in der Ecke seines Kinderzimmers und umarmt seinen Teddy.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Um Fachleute für Anzeichen, Verdachtsmomente und angemessene Maßnahmen zu sensibilisieren, hatte die LWL-Kinder- und Jugendklinik Marsberg zu einer halbtägigen Fortbildung eingeladen.

Marsberg..  Nachrichten über Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch erschüttern regelmäßig die Öffentlichkeit. „Auch in unserer täglichen Arbeit ist das Thema sehr präsent, wenn Kinder und Jugendliche Opfer von Gewalt geworden sind. Sei es emotionaler, körperlicher oder sexueller Art“, sagt Britta Lauber. Sie ist stellvertretende Chefärztin der Kinder- und Jugendklinik Marsberg.

Um medizinische, pädagogische und psychologische Fachleute für Anzeichen, Verdachtsmomente und angemessene Maßnahmen zu sensibilisieren, hatte die LWL-Kinder- und Jugendklinik Marsberg zu einer halbtägigen Fortbildung eingeladen. 250 Männer und Frauen aus Schulen, Kindergärten, Jugendhilfe- und Gesundheitseinrichtungen sowie Ärzte, Psychologen und Kinderärzte aus dem Versorgungsgebiet des LWL, den Landkreisen Höxter, Paderborn und dem Hochsauerlandkreis waren gekommen.

Referentin Cleo Pickhardt, Assistenzärztin am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz, ging in ihrem Vortrag zu fachlich fundiertem, medizinischen Kinderschutz u. a. der Frage nach, ob Verletzungsmuster unfallbedingt, krankhaft oder fremd zugeführt worden sind. Jährlich werden rund 500 Gewaltopfer in der Kinderschutzambulanz der Uni Mainz behandelt. Cleo Pickhardt: „Der Großteil hat Misshandlungen und Missbrauch erlitten.“

Sexueller Missbrauch würde oft über Jahre von vertrauten Bezugspersonen durchgeführt. 80 bis 90 Prozent seien männliche Täter, 20 Prozent Kinder und Jugendliche. Verschiedene Verhaltensauffälligkeiten könnten auf Missbrauch hinweisen, wie das Malen von Genitalien oder wenn Kinder in Kindergärten andere Kinder sexuell angehen würden. Cleo Pickhardt: „Erster und wichtiger Schritt ist es, das Problem anerkennen und einen sexuellen Missbrauch überhaupt in Erwägung ziehen.“ Aus forensischen Gründen sei eine Gesamtkörperuntersuchung so schnell wie möglich innerhalb der ersten 72 Stunden nach dem Missbrauch wünschenswert. Fehlende körperliche Befunde schlössen einen sexuellen Missbrauch aber niemals aus.

Für Verdachtsfälle sensibilisieren

Pickhardt: „Beweisende Befunde sprechen für sich.“ Bei 90 Prozent der Fälle komme es nicht zu einer kurzfristigen Untersuchung. Anzeigen mit Beweisaufnahme seien aber noch nach Jahren möglich.

Anhand von Fotografien und Bildern sensibilisierte sie für Verdachtsfälle: Auf dem Rücken des Kleinkindes lässt ein Bluterguss präzise den Abdruck einer Schuhsohle erkennen. Entweder wurde es mit dem Schuh geschlagen oder es wurde getreten. Das Kind ist noch sehr klein. Bilder wie diese sind schwer zu ertragen. Es zeigt jedoch einen weniger schweren Fall der Kindesmisshandlung, mit denen es die Mainzer Rechtsmedizinerin zu tun hat. Aber dieses Kleinkind lebt. Viele andere überleben die Misshandlungen durch Eltern, Onkel, Großeltern oder Stiefeltern nicht. Ob Griffspuren am Oberarm, ein blaues Auge oder Veilchen schon ein Hinweis auf Kindesmisshandlung darstellen, dazu gibt es keine einheitliche Definition, erklärt die Ärztin. Aber seit dem Jahr 2000 ist rechtlich festgeschrieben, dass das Kind ein Recht auf gewaltfreie Erziehung hat. Körperliche Bestrafungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

Verletzungen hinterfragen

In Richtung Ärzteschaft riet die Fachfrau zu hinterfragen: „Passen die Verletzungen bei dem Kind zu den Angaben der vorstellenden Personen.“ Wenn ein Kind ein blaues Auge hat, müsse eine Misshandlung stattgefunden haben. Pickhardt: „Ein drei Wochen alter Säugling wurde mit Hämatomen (blaue Flecken) im Gesicht vorgestellt. Die Eltern gaben an, es sei vom Wickeltisch gefallen. Pickhardt: „Ein drei Wochen altes Baby kann noch nicht allein vom Wickeltisch fallen.“ Wenn ein Kind tatsächlich verunglückt sei, würden die Eltern es immer sofort zum Arzt bringen. Misshandelte Kinder würden meist erst am nächsten oder übernächsten Tag vorgestellt.