Bei Beutesuche keine Chance gegen Rotorblätter

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Marsberg..  Der Konflikt zwischen den Interessen des Klima- und des Artenschutzes beschäftigt zurzeit sowohl Mitglieder des Naturschutzbundes (NABU) Marsberg als auch viele andere Naturschutzverbände der Region. Stellvertretend für die vielen bedrohten Arten, die von dem massiven geplanten Ausbau der Windenergie bedroht werden, steht häufig der Rotmilan, dem in der Region eine besondere Bedeutung zukommt. „Nur wenn Mensch und Natur bei der Planung von Windenergieanlagen berücksichtig werden, kann die Akzeptanz für die Energiewende in unserer Region erhalten bleiben.“ Dafür tritt der NABU Ortsverband Marsberg ein. Die WP sprach mit Christoph Geschwinder, Mitglied im Regionalbündnis Vernunftwende Marsberg und Waldecker Nachbarn“ und Mitglied im NABU Marsberg.

Frage: Wieso kommt dem Rotmilan in der Region eine besondere Bedeutung zu?

Christoph Geschwinder: Weltweit ist der elegante Greifvogel mit nur ca. 20 000 Brutpaaren extrem selten, wobei er fast ausschließlich in Europa in einem schmalen Band vom Baltikum bis nach Portugal brütet. In Deutschland brütet mit ca. 12 000 Brutpaaren weit über die Hälfte der weltweiten Population. Für keinen anderen einheimischen Brutvogel trägt Deutschland eine so große Verantwortung wie für den Rotmilan (Milvus milvus).

Der Rotmilan und die Windkraftanlagen. Wie passt das zusammen?

Gar nicht. Keine andere Greifvogelart bezogen auf ihre Gesamtzahl kollidiert häufiger mit Windenergieanlagen, wie der Rotmilan. Rotmilane sind evolutionär darauf ausgerichtet im Segelflug den Boden nach Nahrung abzusuchen. Sich frei bewegende Objekte in 100 Meter bis 200 Meter Höhe machen Rotmilane im Flug gar nicht oder erst sehr viel zu spät aus. Daher zeigen gerade diese gefährdeten Greifer nicht wie viele andere Vögel ein Meidungsverhalten gegenüber Windenergieanlagen und sind somit besonders gefährdet. Gerade weil Rotmilane ihrem Revier treu bleiben, ist es wichtig, vor der Errichtung der Anlagen zu überprüfen, ob die Tiere dort leben, um einer späteren Tötung durch die Rotoren zu verhindern.


Die Rotmilane geraten also in die rotierenden Flügel; für sie das sichere Todesurteil?

Wenn man bedenkt, dass sich die Flügelspitzen einer modernen Windenergieanlagen mit Geschwindigkeit von ca. 200 km/h drehen und die Flügel eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld überstreichen, dann kann man sich vorstellen, dass es für die Tiere kaum ein Entkommen gibt, wenn sie einmal in die Nähe einer Anlage geraten. Wie gefährlich die Anlagen sind, zeigen die zahlreichen Kollisionsopfer. Allein im Windpark Martenberg bei Adorf sind in den vergangenen Jahren vier tote Milane gefunden worden und auf der Vasbecker Hochfläche drei. Da die toten Tiere in der Regel schnell von anderen Tieren gefunden und gefressen werden, sind sich Experten einig, dass die Dunkelziffer deutlich darüber liegen wird. Der weltweite Bestand ist in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen. Auch in Deutschland hat der Bestand in den 1990-er Jahren um ca. 25 Prozent abgenommen.

Gibt es Zahlen über Rotmilan-Reviere in der Region?

Für den gesamten Kreis Paderborn wurden für das Jahr 2014 65 Reviere nachgewiesen. Allein in der Stadt Marsberg brüteten im gleichen Zeitraum 23 Paare. Damit gehört Marsberg zu den Kommunen mit der höchsten Revierdichte in Nordrhein-Westfalen.

Das ist ja toll. Was folgern Sie daraus?

Dem Marsberger Rotmilanbestand könnte langfristig eine besondere regionale Bedeutung zukommen. In den meisten umliegenden Kommunen sind bereits große Flächen mit Windparks bebaut, wodurch der Rotmilanbestand dort langfristig sehr wahrscheinlich abnehmen wird. Der Bruterfolg der Marsberger Rotmilane ist in den letzten Jahren gut gewesen, sodass es hier nicht für alle Jungvögel ein Brutrevier gibt. Ein Überschuss an Rotmilanen in Marsberg könnte in den nächsten Jahren also die Brutreviere besetzen, die in den angrenzenden Kommunen durch Schlagopfer nicht mehr besetzt werden. Biologen sprechen in diesem Zusammenhang von Quellpopulationen.

Und nun sieht der Landesentwicklungsplan für Marsberg einen enormen Ausbau der Windenergie vor. Das ruft Sie als Naturschützer natürlich auf den Plan.

So ist es. Als Naturschützer vor Ort haben wir die Verantwortung den gesamten Naturraum zu betrachten. Marsberg und alle umliegenden Kommunen haben bereits ihren Beitrag zur Energiewende geleistet. Der weitere Ausbau würde in einem unverhältnismäßigen Verhältnis zur entstehenden Umweltschädigung stehen.

Marsberg sollte sich weiter als Vorreiterkommune in der Energiewende positionieren und Wege zur lokalen Energiespeicherung sowie zur Steigerung der Energieeffizienz finden. Damit können wir vor Ort einen guten Beitrag leisten ohne den Artenschutz zu gefährden.