Ausgebüxtes Känguru würde sich im Sauerland wohlfühlen

Tierarzt im Zoologischen Garten von Berlin: Dr. med. vet. André Schüle kennt sich auch mit Kängurus aus. Das ausgebüxte Tier im Hochsauerlandkreis kann dort gut in Freiheit klar kommen, glaubt er.
Tierarzt im Zoologischen Garten von Berlin: Dr. med. vet. André Schüle kennt sich auch mit Kängurus aus. Das ausgebüxte Tier im Hochsauerlandkreis kann dort gut in Freiheit klar kommen, glaubt er.
Foto: WP
Kängurus können sich den Gegebenheiten vor Ort sehr gut anpassen, meint ein Zoo-Tierarzt. Nach wie vor hüpft ein Känguru im Sauerland herum.

Brilon/Berlin.. Ein Känguru im Sauerland - die Schlagzeile ist auch in Berlin angekommen. Dort ist Dr. André Schüle - Sohn des verstorbenen Briloner Stadtdirektors Eberhard Schüle - seit 2003 Tierarzt im Zoologischen Garten. Der 41-Jährige ist in Brilon aufgewachsen, hat in der Big-Band des Gymnasiums Petrinum und im Briloner Blasorchester mitgespielt. Seine Mutter lebt noch in der Stadt des Waldes, die er daher regelmäßig besucht. Über sie hat er auch vom Sauerland-Känguru „Skippy“ erfahren.

Hat so ein Tier auf Dauer eigentlich eine Überlebenschance im Sauerland?

Dr. Andre Schüle: Theoretisch und praktisch ja. Die Tiere können sich den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort sehr gut anpassen. Natürlich ist es vor allem im Winter in Australien nicht so kalt wie im Sauerland, wo es ganz schön knackig werden kann. Aber es gibt viele Beispiele von Tieren, die in Deutschland und Europa ausgesetzt wurden und über Jahre den Witterungsverhältnissen stand gehalten und sich sogar vermehrt haben.

Gibt es auch in der Großstadt wie Berlin inzwischen Tiere, die hier eigentlich nicht heimisch sind, die aber durch Ausbüxen oder Aussetzen einen neuen Lebensraum gefunden haben?

Dr. Andre Schüle: Ja, leider. Es gibt immer wieder private Halter von exotischen Tieren, die sich fälschlicherweise und meist auf dubiose Art Tiere zugelegt haben. Mit einem Kaiman geht das zum Beispiel ein paar Jahre lang in der Badewanne gut und dann merkt man plötzlich: das ist doch nicht das Richtige für den heimischen Gebrauch. Weitere Beispiele sind Schildkröten. Hier in den Seen rund um Berlin gibt es einige Arten, die hier nicht hingehören. Wir haben auch im Zoo immer wieder Fälle, wo sich Leute ihrer privaten Tiere entledigen. Da hängt dann plötzlich eine große Ikea-Tüte an der Tür, in der sich Würgeschlangen oder Leguane befinden.

Und was machen Sie dann damit?

Dr. Andre Schüle: Wir nehmen sie natürlich auf, um sie bestmöglich zu versorgen. Dann geben wir sie an Tierheime oder Auffangstationen ab. Für Reptilien gibt es aber zum Beispiel in Berlin keine Auffangstation; die nächste ist in Brandenburg. Aus Sorge um die Übertragung von Seuchen dürfen wir solche Tiere nicht behalten.

Skippy Das Känguru Skippy ist ja vermutlich auch einem Privatbesitzer entwischt. Was halten Sie davon, dass immer mehr Menschen Lamas, Alpakas, Kängurus oder andere Exoten zu Hause halten?

Dr. Andre Schüle: Naja, wenn es Tiere sind, die mit unseren heimischen, klimatischen Bedingungen zurecht kommen wie ein Lama oder ein Alpaka und wenn man die Möglichkeiten hat, sie adäquat zu halten, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Es ist jedoch etwas Anderes, wenn man irgendwelche Tiere einzeln hält, die aber unbedingt einen Sozialverband brauchen. Ich denke da an Krallen- oder Totenkopfaffen. Für solche Arten ist das eine echte Katastrophe.

Gibt es bei Ihnen im Zoo eigentlich Kängurus? Sind die zahm oder was ist typisch für diese Gattung?

Dr. Andre Schüle: Wir haben bei uns in Berlin das Größte seiner Art, das rote Riesenkänguru und auch ein paar Kleinere. Das Gehege der Kängurus ist immer dicht umlagert, weil es eben sehr possierliche Tiere sind. Ich habe mir im Internet mal die Videos vom Sauerland-Känguru angeschaut. Das scheint eher eine kleinere Känguruart, ein Wallaby, vielleicht ein Bennettkänguru, zu sein. Das sind durchaus Arten, die mit dem Sauerländer Klima klarkommen würden. Natürlich müsste es bei extremen Minustemperaturen einen Unterschlupf haben. Das sind reine Pflanzenfresser, die kein Unheil anrichten würden.

Kann man so ein Tier mühelos einfangen?

Dr. Andre Schüle: Die sind nicht gefährlich, aber ich würde davor warnen, es mal eben so festhalten zu wollen. Die können sich sehr gut verteidigen, haben ein gutes Gebiss, können ordentlich kratzen und treten. Um das in den Griff zu kriegen, bräuchte man zehn Hände. Es wäre sinnvoller, es zu betäuben.

Wie erklären Sie sich den Hype um das Känguru? Ist das mit dem Eisbären Knut vergleichbar?

Dr. Andre Schüle: So ein Tier in Sauerländer Wildbahn ist einfach ein exotischer Anblick. Es sind generell Tiere, die gern gesehen werden. Knut war ein ganz anderer Fall von Handaufzucht eines kleinen Bären. Die Öffentlichkeit konnte hautnah mitbekommen, wie so ein Tier von kleinauf heranwächst. Die Leute lieben solche Geschichten und sind vielleicht momentan ganz froh, nicht immer nur noch etwas über den „Grexit“ zu lesen.