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Freund und Helfer

„Auch im Einsatz immer Mensch bleiben“

05.02.2012 | 14:21 Uhr
„Auch im Einsatz immer Mensch bleiben“
Konrad Schlenger, der Leiter der Polizeiwache Brilon, geht in den Ruhestand.

Brilon. Egal, wie viele Sterne er im Laufe seiner 43 Jahre auf der Schulterklappe trug: Konrad Schlenger hat sich immer als Freund und Helfer verstanden. Ob am Anfang als Bereitschaftspolizist oder am Ende seiner Dienstzeit als Hauptkommissar - was für ihn zählte, war die innere Einstellung zum Beruf und zu anderen Menschen.

Ein gutes, manchmal vielleicht auch sehr deutliches Wort war für ihn die bessere Waffe. Besser als jede Dienstpistole, jedes Pfefferspray oder jeder Schlagstock. Mit dem 62-jährigen Leiter der Briloner Wache ist zum Monatsende ein echter Schutzmann in den Ruhestand getreten. Seine Devise: Auch im Einsatz immer Mensch bleiben.

„Ihr Haar geht einen Millimeter über den Kragen und Ihren Schnäuzer müssen sie abnehmen. Sonst können Sie hier nichts werden.“ 1968 fängt der am 2. Juli 1949 in Nuttlar geborene Konrad Schlenger in Münster bei der Polizei an. „Sportlehrer oder Polizist – das stand für mich schon damals fest. Ich konnte sehr wohl einen Riesen am Reck drehen.“ Trotzdem wird es die Uniform. Von 30 Bewerbern schaffen nur zwei die Aufnahmeprüfung in Dortmund. „Konni“ – wie ihn seine Kollegen und Freunde heute noch nennen - ist einer von ihnen. Mit einem rostigen VW 1600 Karmann Ghia pendelt er zwischen Nuttlar und Dortmund, Wuppertal und Münster – mit Bart und langen Haaren zu seiner Sandkasten-, Schul- und Jugendliebe Ilse, mit der er seit 1970 glücklich verheiratet ist.

„Haare und Bart - das war damals für mich als junger Mensch eine Form, um meinen Unmut gegen strenge Hierarchien und die Obrigkeit zu zeigen.“ Andere tun das auch, aber anders. Als die Studenten auf die Straße gehen und demonstrieren, muss er raus. Koppel an Koppel, Mann an Mann, Helm an Helm. Solidarität hin, Solidarität her. Sein erster Einsatz. Viele andere werden folgen: Als 1970 die Pocken in Meschede ausbrechen und Krankentransporte begleitet werden müssen. Als er beim Mobilen Einsatzkommando in Köln namhafte Terroristen observiert. Als ein Mann bei einer Messerstecherei in Köln die Klinge durchs Türfutter rammt und der damals 23-jährige Polizist zum ersten Mal den Hahn seiner Waffe spannt: „Wenn der raus gekommen wäre, hätte ich vielleicht sogar geschossen – aus Angst.“

Konrad Schlenger hat fast alle Stationen bei der Polizei durchlaufen, aber auch schon sehr früh die höhere Laufbahn eingeschlagen. Als er Ende 1976 nach Meschede kommt ist er der jüngste Wachdienstführer und der einzige Beamte im gehobenen Dienst im Wachdienst und auf der Straße innerhalb des damaligen Bezirks der Oberkreisdirektion. Aber der heute 62-Jährige ist kein Sessel-Sitzer, kein Theoretiker. Für ihn ist der Polizist kein böser Bestrafer, sondern ein väterlicher Freund. Auf der Köln-Mülheimer Brücke stoppt er mit seinem Dienstkrad einen Pkw-Fahrer, der viel zu schnell ist. Klar, ist ein Verwarnungsgeld fällig, aber viel mehr bleibt dem jungen Autofahrer Konnis Gardinenpredigt im Gedächtnis. „Am nächsten Tag stand er plötzlich auf der Wache und wollte den Beamten näher kennenlernen, der ihm so ins Gewissen geredet hatte.“ Jahre später wird Konrad Schlenger Trauzeuge bei der Hochzeit des jungen Mannes. „Heute werden wir viel zu oft durch Fallzahlen eingeengt, die wir erlangen müssen und die uns von oben vorgegeben werden. Jemanden überzeugen und an seine Einsicht appellieren – das ist doch viel wichtiger als Geld abzuknöpfen.“

In seiner Kölner Zeit hält er einen blauen Opel an, mit dem eine junge Frau zu flott unterwegs ist: „Es war die Leichtathletin Heide Rosendahl. Ich habe ihr gesagt: Sonst freue ich mich immer, wenn Sie als Sportlerin schnell sind – da kann ich Ihnen doch heute kein Geld abnehmen.“ Ob solche Kulanz heute noch möglich wäre?

Viele Stationen und Aufgabenbereiche im Sauerland folgen. Zwei Dinge sind Konrad Schlenger besonders in Erinnerung geblieben. Als Dienstgruppenleiter in Meschede muss er ausgerechnet in seinem Heimatort einer Familie nach einem Unfall eine schreckliche Nachricht überbringen. „Ich bin mit einem Freund der Familie dorthin und als die Mutter die Tür aufmacht, hat sie gesagt: Die Jungs sind tot.“ In seine Erinnerungen gemeißelt hat sich auch das schwere Busunglück damals am 13. Februar 1996 in Züschen: Sieben Tote, 40 Verletzte. „Das Schlimmste war diese Totenstille. Da war kein Geschrei, kein Wehklagen, kein Jammern. Alle waren so unglaublich schockiert. Selbst die Schwerverletzten haben sich gegenseitig zum Campingplatz geschleppt.“

Doch das Dasein als Schutzmann hat für Konrad Schlenger mehr Sonnen- als Schattenseiten gehabt. „Ich würde den Beruf sofort wieder ergreifen, weil er mir Spaß gemacht hat. Weil ich etwas bewegen konnte. Wären sonst meine beiden Kinder Ansu und Robin freiwillig in meine Fußstapfen getreten und Polizeibeamte geworden?“

Dennoch ist die Achtung vor dem Schutzmann in der Gesellschaft geringer geworden. Beide Seiten sprechen nicht mehr dieselbe Sprache, der Kulturkreis ist größer und ein anderer geworden, immer häufiger ist bei Zwischenfällen Alkohol im Spiel.

Und trotzdem glaubt Konni Schlenger an den Freund und Helfer, an die Macht des Wortes, an individuelle Überzeugungskraft, an klare örtliche Strukturen, an die Kreativität der Kollegen vor Ort, statt an theoretische Fallzahlen aus Düsseldorf – die „Täts“ – die Tätigkeiten.

Die Dienstmütze muss er übrigens nicht abgeben, denn die Beamten werden eh bald mit anderen Farben eingekleidet. Aber was macht man als Pensionär? „Nichts anderes, als sonst in der Freizeit auch. Ich mache Nordic-Walking oder oft auch ,Nordic-Talking’. Wir werden etwas spontaner in Urlaub fahren. Ich muss nicht durch die Weltgeschichte tingeln. Ich habe auch nicht das Gefühl, etwas verpasst oder lange auf etwas gewartet zu haben.“

Das Haar ist inzwischen kürzer geworden, der Schnäuzer ist geblieben. Alles Gute im Ruhestand!

Von Thomas Winterberg

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