Auch Hallenberg schickt Beileidskarte

Hallenberg..  Wenn die Angehörigen von Günter Grass in den nächsten Tagen die Kondolenzkarten zum Tode des 87-jährigen Literaturnobelpreisträgers lesen, werden sie darunter auch eine Trauerkarte aus dem Hallenberger Rathaus finden. Im September 2011 hatte Grass im Hallenberger „Kump“ 50 Radierungen, Lithographien und Plastiken ausgestellt. Eigentlich wollte der Schriftsteller, Bildhauer, Maler und Grafiker damals selbst zur Ausstellungseröffnung kommen. Aber dann wurde er krank.

Familiär empfangen

„Wir wollten gerne, dass sich Grass in unser Goldenes Buch einträgt. Aber auch einen Termin später zum literarischen Frühling in Bad Wildungen musste er absagen“, erinnert sich Bürgermeister Michael Kronauge. Das Management versprach ihm aber: Wenn Sie mal in Lübeck sind, melden Sie sich bitte und wir vereinbaren einen Termin!

Im Mai 2013 klappte es dann endlich. Auf dem Rückweg aus dem Urlaub machten Kronauge und seine Frau in Behlendorf Halt. „Hätten wir nicht die genaue Adresse fürs Navi gehabt, hätten wir das nie gefunden.“ In einem alten Forsthaus mitten im Wald holte Grass dann den Eintrag ins Hallenberger Gästebuch nach: „Ein verspäteter Gruß für das Info-Zentrum Kump“, schrieb er.

Für Kronauge eine unvergessliche Begegnung: Der kleine Bürgermeister aus dem Sauerland trifft den großen Nobelpreisträger: „Er lebte schon seit über 30 Jahren dort in dem Haus, wo wir richtig familiär mit Tee und Kaffee empfangen wurden. Er war genau so, wie man ihn kennt: mit seiner typischen braunen Cordhose und zig Tabakspfeifen im Schrank, denen er aber damals schon abgeschworen hatte.“ Er habe den Be­suchern aus dem Sauerland sein Atelier und das Denkerstübchen gezeigt, wo er seine Bücher erst per Hand und dann in eine alte Olivetti-Schreibmaschine tippte.

Kronauge: „Zwischendurch musste er immer wieder mal seine Nasenbrille aufsetzen, um Sauerstoff einzuatmen. Er sagte, er sei im Kopf klar, aber körperlich doch angeschlagen und wegen seiner Krankheit für die Umwelt schwer zu ertragen. Ich saß in dem Sessel, auf dem schon vorher Willy Brandt und Helmut Schmidt gesessen hatten.“ Ganz ohne Allüren sei er gewesen und habe sich sehr für die ländliche Kulturarbeit und die politischen Verhältnisse in der CDU-dominanten Region interessiert. „Wenn ich doch nur wieder etwas zeichnen könnte“, habe er gesagt. Es war ihm nicht mehr vergönnt.