“Als Schützenkönigin braucht man ein ganzes Dorf“

Eins der sicherlich schönsten Kleider im Leben muss möglichst schnell ausgesucht werden und dabei trotzdem zum Typ passen.
Eins der sicherlich schönsten Kleider im Leben muss möglichst schnell ausgesucht werden und dabei trotzdem zum Typ passen.
Foto: Rita Maurer
Was wir bereits wissen
Gerade noch in Jeans und rustikalen Wanderschuhen beim Frühschoppen unter der Vogelstange, kurze Zeit darauf schon die strahlende neue Schützenkönigin im Traumkleid. Die WP hat die frisch gebackene Regentin Claudia Schweinsberg am Schützenfestmontag ab dem vogelschießen bis zum Festzug begleitet.

Medelon..  Gerade noch in Jeans und rustikalen Wanderschuhen beim Frühschoppen unter der Vogelstange, kurze Zeit darauf schon die strahlende Schützenkönigin im Traumkleid.

Was geht in einer frisch gebackenen Schützenkönigin vor? Was passiert in diesen Stunden am Schützenfestmontag hinter den Kulissen? Was muss unter großem Zeitdruck alles geregelt werden? Die WP durfte sich an die Fersen der neuen Medeloner Regentin Claudia Schweinsberg heften.


12.00 Uhr:
Das Vogelschießen läuft seit einer guten Stunde. Der Vogel hat bereits einen Flügel im Kugelhagel eingebüßt. Beim nächsten Schuss von Werner Schweinsberg dreht er sich im Kasten, so dass die Mitbewerber den Rückzug antreten. Werner hält weiter drauf. Doch dann macht Pastor Dr. Funder seine Ankündigung aus der Morgenmesse wahr: „Schießt den Vogel schon mal locker, ich komme später nach.“ Er gibt zwei Schüsse ab, dass die Späne stieben und schon erste Überlegungen angestellt werden, ob er als König ein Messgewand tragen wird und der Pfarrgemeinderat in den Hofstaat kommt.


12.20 Uhr
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Werner ist wieder dran. Das Unterteil vom Vogel fliegt weg, die Hallenberger Stadtkapelle legt sich schon die Noten für den finalen Schuss zurecht. Wie geht es Ehefrau Claudia: „Ich weiß ja, dass er irgendwann den Vogel schießen wird, aber ich bin total aufgeregt. Es ist überhaupt nichts vorbereitet, ich habe keine einzige Scheibe Brot im Haus, noch nicht mal tiefgefroren.“ Zweimal war sie „Fastkönigin“ – vor 13 Jahren sollten sie und ihr Mann als Vizekönig für den kurzfristig erkrankten Schützenkönig einspringen, der dann aber doch rechtzeitig gesund wurde. Und vor fünf Jahren hatte ihr Werner dem Vogel scheinbar schon den Garaus gemacht, bis sich Minuten später zeigte, dass noch ein Rest an der Stange hing, den dann Rudolf Arenz abschoss.


12.25 Uhr:
Gewissheit: Der komplette Rest des Vogels fällt unter dem frenetischen Jubel des ganzen Kuckuckslochs aus dem Kasten, Werner hat es geschafft. Und Claudia ist tatsächlich Schützenkönigin. Der Gratulantenstrom ist endlos, ganz Medelon freut sich mit, keine ruhige Minute zum Überlegen. Zum Glück packen sofort von allen Seiten hilfreiche Hände mit ins Rad: Schwägerin Daniela schreibt auf einer Bratwurst-Pappe schon eine Hofstaatliste: Familie, Nachbarn, Freunde und der Stammtisch; 17 Paare müssen schnell informiert werden. Friseurtermine und Blumen vorbestellen, Opa „Oben“ organisiert Brötchen und Aufschnitt, die Königinnenkrone sowie Schulterstücke und Schärpe werden gebracht.


13.15 Uhr:
Ab zu Silvia Lefarth, die in Medelon einen Second-Hand-Shop für Festmoden betreibt. Die Auswahl dort ist riesig, rund 250 bis 300 Königinnen- und Hofstaatkleider inclusive Zubehör wie Reifröcke, Handschuhe und Schmuck wechseln hier im Jahr den Besitzer, wie Silvia Lefarth berichtet. Sie kennt Claudia und hat schon auf Verdacht ein Kleid rausgelegt: Dunkellila, ganz schlicht geschnitten, mit hochknöpfbarer Schleppe. Auf Anhieb ein Volltreffer, das ist es, nicht zu fassen! Vorsichtshalber testet Claudia noch einige andere Kleider, aber die sind entweder zu „ommarig“, zu aufgetufft oder die Farbe macht blass. Auch die Hofstaatdamen probieren unter großem Gelächter fleißig an, helfen und begutachten sich gegenseitig, machen Claudia Mut.

Und in einem Punkt sind sich alle einig: „Ein Mann müsste man sein! Die schütteln sich einmal nach der Vogelstange, ziehen einen Anzug über und sind fertig!“ Silvia Lefarth ist überall zur Stelle und berät ehrlich: „Der Schnitt sitzt, aber türkis ist nicht deine Farbe, versuch mal dunkelrot. Dieses Kleid ist über der Hüfte zu stark gerafft, das trägt auf. Trägerlos sieht zu nackig aus, aber wir können einen passenden Kragen anfertigen.“


14.00 Uhr:
Damenschneidermeisterin Ute Schlenger aus Usseln überprüft mit zwei Mitarbeiterinnen jedes Kleid. Hier muss die Seitennaht ausgelassen werden, dieses Kleid ist zu lang, da wird noch eine andere Ausschnittlösung gewünscht. Eine Hofstaatdame stellt fest: „Ich hab zuviel Holz vor der Hütte.“ Kein Problem für Ute Schlenger, sie strahlt trotz des Zeitdrucks Ruhe aus. Unten rattern schon die Nähmaschinen.

Insgesamt sollen zehn Kleider in den nächsten drei Stunden passend gemacht und dann zum Königshaus gebracht werden. Ein strammes Programm, aber Silvia und Ute sind für Pünktlichkeit und Qualität bekannt.

14.30 Uhr: Kurze Info von Daniela: „Zuhause läuft alles, Kranz, Fahnenblock Schnittchen und Bierwagen sind schon da.“ Weitere hilfreiche Geister haben inzwischen Claudias Schuhe besorgt, so dass ihr Kleid abgesteckt werden kann. Es muss nur das Oberteil leicht geändert werden, sie kann also los zum Friseurtermin. Schwägerin Judith hat inzwischen ein Auto organisiert und chauffiert, sie hat extra den Frühschoppen deswegen ausfallen lasen. Unterwegs wieder die unvermeidliche Frage nach Claudias Befinden: „Immer noch sehr gespannt, aber auch total erleichtert, dass das mit dem Kleid so gut und schnell geklappt hat. Es ist außerdem ein schönes Gefühl, dass so viele Leute mitdenken und helfen, während alles auf einen einprasselt. Königin werden schafft man ohne ein ganzes Dorf nicht.“

15.00 Uhr: Petra Figgen und Helga Mörchen vom Salon „Haargenau“ in Oberschledorn sind die Expertinnen für das königliche Haupt und warten schon lachend vor der Tür. Wie sollen die Haare werden? Welche Farbe hat das Kleid? Soll noch eine passende Tönung her? Nein, alles gut. Erstmal steht Schminken auf dem Plan: „Nicht zuviel, nur meine roten Leuchtkeks-Bäckchen müssen weg“, ist Claudias Devise. Grau-schattierter Lidschatten passt sowohl zur Augen- als auch zur Kleidfarbe. Die Haare werden geföhnt und füllig toupiert. Dann der große Moment: die Krone wird aufgesetzt. Sie darf auf keinen Fall irgendwo drücken. Die Männer marschieren links, also die Krone rechts noch mit ein paar Strass-Curlies kombinieren.


16.25 Uhr:
Nach anderthalb Stunden ruhiger, konzentrierter Arbeit im Friseursalon und einem Pfund Haarspray sitzt alles perfekt. Also schnell nach Hause. Kurze Zwischenbilanz von Claudia, jetzt schon mit königlichem Haupt: „Ich kann das alles immer noch nicht glauben – wahrscheinlich begreife ich es erst, wenn der ganze Schützenzug vor dem Haus steht.“


17.15 Uhr:
Eigentlich ist in einer Viertelstunde Antreten geplant. Aber Schützen und Musiker feiern noch im Hof, die Kleider sind auch noch nicht alle da. Schützenkönig Werner ist tiefenentspannt. Er soll sich umziehen, hat aber die beste Ausrede überhaupt: „Ich brauch jetzt ein Jahr nix mehr machen, ich bin doch König.“ Auch Claudia ist gar nicht nervös und hat Zeit für ein Pläuschchen am Küchentisch.


17.30 Uhr:
Die Blumen und Claudias Kleid treffen ein. Werner verfällt beim Anblick seiner Königin in vollem Ornat in echte Sauerländer Ekstase: „Jau. Passt ja.“ Jetzt sind auch die letzten drei Kleider fertig und alle Hofdamen mit bester Laune eingetrudelt. Die gute Stube wird zum Frauenzimmer umfunktioniert. Silvia Lefarth schnürt, glättet und plustert Unterröcke auf. Jeder hilft jedem, schnell noch letzte Hand ans Make-Up gelegt und in die schicken Schuhe gestiegen. Per Liveschaltung abgeklärt, dass der Festzug noch nicht angetreten ist, also genug Zeit für eine ausgiebige Foto-Session. Claudia wirkt wie die Ruhe selbst. Mit so einem Hofstaat-Team im Rücken gibt es einfach kein Problem, das sich nicht lösen lässt.


18.25 Uhr:
Bumm. Bumm. Bumbumbumm – von weitem nähern sich die Hallenberger Stadtkapelle und die Schützen, der Adrenalinspiegel steigt in unermessliche Höhen. Vier Königsoffiziere kommen die Treppe herauf und geben letzte Anweisungen: „Wenn der Präsentiermarsch anfängt, geht Ihr raus und bleibt kurz unter dem Bogen stehen. Danach marschieren wir einmal rauf und einmal runter den ganzen Festzug ab. Keine Sorge, wir gehen neben Euch, Ihr seid nicht alleine.“ Und dann ertönt es, das Kommando vom Hauptmann - jetzt geht es endgültig raus ins Rampenlicht: „Stillgestanden! Zur Begrüßung unseres neuen Königspaares präsentiert das Gewehr!“ Die Musik setzt ein, die zahlreichen Zuschauer jubeln los. Noch ganz schnell zum allerletzten Mal die obligatorische Frage an Claudia, wie es ihr geht: „Gut. Jetzt geht es mir richtig, richtig gut!“