Als die Schnalle ihre Schnalle verliert

Buchautor Dr. Rudolf Bergmann mit Prof. Dr. Michael M. Rind, Bürgermeister Dr. Christof Bartsch, LEADER-Vorsitzendem Thomas Grosche und LEADER-Geschäftsführer Heinrich Nolte (von links) mit Vertretern örtlicher Heimatvereine bei der Vorstellung des neuen Buches "Die Wüstungen des Hoch- und Ostsauerlandes".
Buchautor Dr. Rudolf Bergmann mit Prof. Dr. Michael M. Rind, Bürgermeister Dr. Christof Bartsch, LEADER-Vorsitzendem Thomas Grosche und LEADER-Geschäftsführer Heinrich Nolte (von links) mit Vertretern örtlicher Heimatvereine bei der Vorstellung des neuen Buches "Die Wüstungen des Hoch- und Ostsauerlandes".
Foto: WP
Die Leader-Region hat ein Buch über Wüstungen im Sauerland herausgegeben.

Altkreis..  Es war einmal eine „Schnalle“. Die hieß – sagen wir einfach mal - Thusnelda. Und weil sie immer schick gekleidet war, trug sie u. a. eine S-förmige Fibel. Das ist kein Lesebuch, sondern eine Art bronzene Schnalle, um das Kleid am Körper zu schließen. Vermutlich hat die Schnalle damals ihre Schnalle verloren, weil sie in Eile unterwegs war. Das dürfte im sechsten oder siebten Jahrhundert irgendwo bei Marsberg gewesen sein. Nicht nur dort hat man solche und andere Schmuckstücke vor einigen Jahren gefunden. Und weil die heutigen Forscher z.B. aus der Machart und der Form große Schlüsse ziehen können, weiß man inzwischen, dass das Sauerland nicht nur schon sehr früh erschlossen, sondern auch schon dicht besiedelt war.

Unzählige solcher Funde gibt es. Oft sind es Keramiken, Scherben von Schminktöpfchen, Salbgefäßen oder Spielzeugen, die man in den sogenannten Wüstungen entdeckt hat. Und von denen gibt es viele. Bäuerliche Weiler, deren Häuser noch als Flachhügel im Gelände auszumachen sind. Mauerreste von Kirchen oder in Wäldern erhaltene Ackerfluren, die terrassenförmig angelegt sind. Oder ehemalige Wegeführungen von Fernwegen wie die Heidenstraße sowie Landwehren oder komplett erhaltene Hochöfen aus früher Zeit. Und um „Die Wüstungen des Hoch- und Ostsauerlandes“ geht es in dem Buch von Dr. Rudolf Bergmann.

Die Herausgabe des dicken Wälzers ist ein Leader-Projekt der Städte Brilon, Hallenberg, Marsberg, Medebach, Olsberg und Winterberg in Kooperation mit der Abteilung Archäologie des Landschaftsverbandes (LWL). Alle Heimat-, Kultur- und Geschichtskenner der Region haben zu dem Buch viele Informationen beigesteuert. Im Briloner Rathaus wurde das 801 Seite starke Werk vorgestellt.

Es sei mit seinen fast vier Kilo Gewicht wahrlich kein Wanderführer, meinte Brilons Bürgermeister Dr. Christof Bartsch. Dennoch könne man mit dem Buch Richtungen beim Erkunden der Heimat kennenlernen. „Nach dem Lesen wird man vieles anders sehen als vorher.“ Das Buch mache deutlich, dass alles Leben einem Turnus von Vergänglichkeit und Neuaufbruch unterworfen sei. Nichts habe ewigen Bestand. Bartsch: „Vielleicht ist unser als modern erachtetes Glasfaserkabel von Heute für spätere Forscher die Keramik oder die Schnalle von morgen.“ Wenn das Thusnelda wüsste...

Für Archäologen und Wüstungsexperten muss das Sauerland ein El Dorado sein. „Keine Region Westfalens ist so reich an Kulturlandschaftsrelikten des Mittelalters und der frühen Neuzeit“, meinte Autor Dr. Bergmann. Auf der Wetterkarte sei ihm das Sauerland oft als kalte, nasse und schneereiche Region begegnet. Rein wissenschaftlich habe daher die Vermutung nahe gelegen, dass ein derartiger Mittelgebirgsraum erst spät von den Menschen erschlossen wurde. Das neue Buch enthält erstmals gesichertes Material zu diesem Thema. Denn die Forschungsannahme einer späten Besiedlung ist grober Unfug.

Der Dodo aus Düdinghausen

Nachweislich im 9. und 10. Jahrhundert hallten bei uns in den Wäldern schon die Äxte. Überall entstanden zunächst Einzelhöfe, dann Weiler. Träger dieser Rodungswelle waren Freibauern, die die Orte nach ihrem Gründern nannten: Dodo aus Düdinghausen oder Dietmar aus Titmarenchusen. Etwa um 1250 verfügte die heutige Leader-Region über ihre höchste Besiedlungsdichte überhaupt. Das Wort demografischer Wandel dürfte damals eine Fremd-Vokabel gewesen sein. Zu Kontrollzwecken entstanden Kleinburgen wie die „Stoltenbruch“ bei Hesborn. Städte wie Brilon, Winterberg und Hallenberg wurden gegründet. Doch durch machtpolitische Interessen überzogen auch Fehden und Wellen der Zerstörung das Land. Das Korn auf dem Halm wurde angezündet, das Vieh geraubt. Landflucht war die Folge, die Hochtäler wurden entvölkert.

Hinzu kam eine Klimaverschlechterung. Und an der Beulenpest starben zwei Drittel der Bevölkerung. Äcker wurden nicht mehr bewirtschaftet, historische Landschaftsräume existierten nicht mehr. 150 Orte wurden aufgegeben. Kirchen und Kapellen (z.B. Wernsdorf und Negerkirche) verfielen. Dr. Bergmann: „Die Entsiedlungsquote der Region ist die höchste in Mitteleuropa gewesen.“

Keine Zukunft ohne Vergangenheit

Als einen weiteren wichtigen Baustein zur Zukunftsgestaltung der Region nannte Leader-Vorsitzender Thomas Grosche das Buchprojekt. „Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit. Solch eine Aufarbeitung ist wichtig, um bei jungen Menschen die Beziehung zu Heimat zu festigen.“ Nach Ansicht von Prof. Dr. Michael Rind. LWL-Chefarchäologe, ist das Buch für 44 Euro etwa so teuer wie ein Mittagessen aus 2,5 Kilo Spargel mit Kartoffeln, Schinken und Butter. „Aber so ein Essen haben Sie nach einem Tag verdaut. Hiervon haben Sie länger etwas.“

Im Vorwort zu dem Buch erinnert Leader-Geschäftsführer Heinrich Nolte an die Geburtswehen des Projekts. Denn schon in den 90-er Jahren war städteübergreifend der Wunsch geäußert worden, die Siedlungs- und Bergbaugeschichte der Region zu erforschen. Doch der große Aufwand für Grabungen, Vermessungen und Kartierungen scheiterte am Geld. Der Zusammenschluss zur Leader-Region eröffnete dann aber neue Möglichkeiten. Kosten: Für die sechs Städte 37 670 Euro (aufgeteilt nach Forschungsanteil) plus dieselbe Summe an EU-Fördermitteln. Der Autor wurde eigens beim LWL freigestellt. Ausdrücklich dankt Nolte den ehrenamtlichen Mitarbeitern aus Heimat- und Geschichtsvereinen - stellvertretend für alle der Geschichtskennerin Alice Beele aus Hoppecke