Als die Magersucht Anna in den Griff nahm

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„ Auferstanden“ - Unter diesem Thema stellt die WP in der Karwoche Menschen vor, die exterme Lebenssituationen gemeistert haben.

Altkreis..  Anna (Name von der Redaktion geändert) ist eine bildhübsche und lebenslustige junge Frau. Sie hat eine gertenschlanke Figur und achtet täglich auf Kalorien und das, was sie isst. Klingt eigentlich ganz normal. Doch für Anna sind die Kalorien nicht wichtig, um abzunehmen, ganz im Gegenteil. Sie muss zunehmen. Denn Anna ist an Magersucht erkrankt.

Im letzten Sommer war sie gesundheitlich völlig am Boden und musste monatelang ins Krankenhaus. Seitdem kämpft sie Tag für Tag – für jedes Gramm Zunahme und gegen die innere Stimme, die sie ständig davon abhalten will.

Doch was ist Magersucht überhaupt? „Es geht nicht einfach nur darum, dünn zu sein, und es ist auch nicht damit gut, einfach wieder mehr zu essen. Viele Menschen verstehen nicht, dass es eine psychische Krankheit ist und mit dem Normalgewicht nicht alles erledigt ist“, beschreibt Anna. „Wenn alles so “einfach“ wäre, hätte sich Magersucht nicht zur Volkskrankheit entwickelt.“

„Leise ins Leben gekrabbelt“

Für sie war die Magersucht wie eine Freundin, die ihr Bestätigung gab, wenn es mal nicht so gut lief im Leben. Bestätigung für Perfektion, eiserne Kontrolle gegenüber sich selbst und das Gefühl für anfangs noch gutes Aussehen. „Irgendwann kommt dann die Einsicht. Und mit dieser Einsicht kommt auch die Angst, diese gute Freundin gehen zu lassen, die Kontrolle zu verlieren. Magersucht ist ein täglicher Kampf mit der inneren Kritikerstimme, die einem sagt, wenn Du das isst, dann wirst Du fett. Und diese Stimme ist bis heute nie still.“

Auf die Figur zu achten, war für Anna früher nie ein Thema. Doch dann entwickelte sich durch zu hohe Selbstansprüche in Bezug auf ihre berufliche Leistung, ihren Sport und falsche neue Bekannte nach und nach ein Teufelskreis, aus dem sie den Absprung nicht mehr schaffte. Wann es angefangen hat, weiß Anna nicht mehr: „Die Magersucht krabbelt sich ganz leise rein ins Leben, man merkt es selbst als Letzte. Die Krankheit hatte mich am Ende so besessen, dass ich aus Trotz nichts gegessen habe, wenn meine Eltern oder meine Freundinnen sich sorgten. Sie haben alle lange vor mir schon gegen die Krankheit gekämpft, nur leider noch ohne mich. Die Stimme, die ständig sagte, ich müsse weniger essen und mich mehr bewegen, hat alle anderen Warnhinweise übertönt.“

Denn mit der Magersucht geht eine sogenannte Körperschemastörung einher, die den Betroffenen vorgaukelt, trotz ihres immensen Untergewichts normal auszusehen. Diese Störung macht es Anna bis heute so schrecklich schwer. „Wer will schon freiwillig zunehmen, wenn er sich als normal empfindet? Deshalb können selbst ganz nahestehende Menschen diese Krankheit nicht aufhalten oder verhindern.“

Mit einem Gewicht von nur noch 35 Kilo bei 1,67 Metern Körpergröße und einem Körpermaß-Index (BMI) von 12,8 erkennt Anna endlich selber, dass sie Hilfe braucht und geht in eine Klinik. Ihre Blutwerte sind zu dem Zeitpunkt sehr schlecht, sie leidet unter extremem Haarausfall, Hautausschlag und Schlafstörungen, ihre Sehkraft lässt nach. Es kostet unendlich Kraft, Gramm für Gramm wieder zuzunehmen.

Und mindestens genau so schwer ist es für Anna, in den Therapiestunden einzusehen, dass die innere Stimme doch nicht ihre gute Freundin ist. „Es ist ein täglicher Kampf, vergleichbar z.B. mit einer Spinnenphobie: Wenn Fett sichtbar auf dem Teller schwimmt, heule ich wie ein Kind. Liebend gerne würde ich mal wieder Pizza essen, aber es geht einfach nicht.“

Angst vor dem Normalgewicht

Inzwischen hat Anna neun Kilo zugenommen und dadurch wieder mehr Kraft für Freizeitaktivitäten gewonnen. Zusammen mit einer neuen Ausbildung, in der sie aufgeht, sieht sie dadurch wieder Licht am Ende des Tunnels. Nur ein einziges Mal auf Neujahr hat sie ihr Frühstück verschlafen. Ansonsten hält sie konsequent jede Mahlzeit ein, auch wenn das Teufelchen auf der Schulter sie weiterhin davon abhalten will. Zehn Kilo fehlen ihr nun noch zum Normalgewicht – einerseits das ersehnte Ziel, aber andererseits auch ein neuer Angstfaktor. Denn viele Magersüchtige fallen dann in ihre alten Ess-Muster zurück, die Rückfallquote beträgt über 50 Prozent. Wirklich heilbar ist Magersucht nicht. Anna muss lernen, dauerhaft damit zu leben und darauf zu hören, was ihrem Körper gut tut, und nicht darauf, was die innere Stimme von ihr fordert.

Eins ist Anna ganz wichtig: „Ich möchte kein Mitleid. Und auch nicht den Satz ´Iss mal was, Du kannst es doch vertragen!´

Ich bin noch immer der Mensch von früher. Ja, ich habe eine Sucht - aber haben Raucher das nicht auch? Mit denen kann man doch auch lachen, Spaß haben und über andere Dinge als die nächste Zigarette reden. “