Als die Bauern die Stadt verließen

Alte Bauernhäuser in Brilon
Alte Bauernhäuser in Brilon
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Brilon galt vor 60 Jahren als Pilotregion für die Flurbereinigung. Jetzt möchte der Briloner Heimatbund dieses Thema im Rahmen eines Projektes dokumentieren.

Brilon..  Der Briloner Heimatbund „Semper Idem“ möchte in Kooperation mit Dr. Peter Becker aus Brilon, Wiss. Assistent und Lehrbeauftragter an der Universität Paderborn, ein Thema aufgreifen und im Museum Haus Hövener dokumentieren, mit dem die Stadt vor 60 Jahren international in die Schlagzeilen kam. Dazu gab es im Vorjahr schon zwei Auftaktveranstaltungen mit rund 500 Zuhörern im Museum Haus Hövener. Brilon galt vor 60 Jahren als Musterbeispiel für Flurbereinigung und Aussiedlung in der Bundesrepublik und als Pilotprojekt für den sogenannten Lübke-Plan. Sogar der „Spiegel“ widmete dem Thema 1955 eine Titelgeschichte: „Die Bauern von Brilon“.

Vielen ist das Thema gar nicht mehr bewusst. Dabei hat es nachhaltig und bis heute das Gesicht der Stadt und ihre Struktur verändert. Was hatte Bundeslandwirtschaftsminister Heinrich Lübke damals vor?

Winfried Dickel: Durch die nach dem Zweiten Weltkrieg für die landwirtschaftliche Produktion wegfallenden Gebiete jenseits des Eisernen Vorhangs war die Versorgung der Bevölkerung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen nicht mehr ausreichend gewährleistet. Lübke wollte die kleingliedrige und weitgehend unwirtschaftlich arbeitende westdeutsche Landwirtschaft modernisieren und auf eine gesunde Basis für den bevorstehenden europäischen Agrarmarkt stellen. Außerdem musste die Produktion massiv gesteigert werden, um die wegen der Flüchtlinge und Vertriebenen sprunghaft gestiegene Bevölkerung der Bundesrepublik versorgen zu können.

„Es muss dort schnell etwas geschehen, sonst gehen uns die Bauern kaputt“, soll Lübke gesagt haben. Warum war die Situation in Brilon so brisant? Warum „wuchs die Stadt den Bauern über den Kopf“?

Dr. Peter Becker: Die Bauern waren in der Stadt wie eingemauert. Sie konnten ihre Höfe nicht erweitern, die Feldflur war wegen der Erbteilung stark zersplittert und es fehlte an einer gesunden Betriebsgrundlage. Viele Landwirte waren daher zu Nebenerwerbsbauern geworden und gingen noch anderen Tätigkeiten nach, wie dem Holzrücken und Holzfahren. Als nach dem Krieg sowohl die Stadt Brilon als auch die heimische Holzindustrie ihren Rücke- und Fuhrbetrieb motorisierten, fiel diese Einnahme für die Bauern weg.

Das hatte vermutlich auch Folgen für die Haltung der Tiere?

Dr. Becker: Ja, die Folge war, dass die Pferde den „Hof auffraßen“ und aus der Substanz gelebt wurde. Nur abschaffen konnte man die Pferde auch nicht, da Geld für Maschinen und Traktoren gar nicht vorhanden war. Zudem war die Bausubstanz der Höfe hoffnungslos veraltet, die Ställe ungesund für das Vieh, die Felder verstreut, so dass weder gesunde Viehzucht, noch ertragreiche Feldwirtschaft möglich waren.

Lübke kannte die Situation ja aus eigener Anschauung, oder?

Dr. Becker: Lübke waren diese Zustände seit seiner Gymnasialzeit in Brilon (Abitur 1913 am Petrinum) bekannt. Es war eher eine politische Entscheidung, dieses Pilotprojekt in Brilon anzusiedeln. Denn seitens der Flurbereinigungsbehörde hätte es noch dringendere Fälle gegeben, da die Briloner Feldflur 1885 schon einmal neu geordnet worden war und zwar auf Grundlage des Preußischen Separationsgesetzes. Allerdings hatte die vorherrschende Erbteilung diese Bemühungen innerhalb weniger Jahrzehnte schon wieder zunichte gemacht.

Wie haben die Landwirte darauf reagiert? Schließlich musste das Los um die Grundstücke ja neu geworfen werden.

Dickel: Es galt damals 5700 Hektar Land unter 2200 Beteiligten neu aufzuteilen. Es gab Befragungen. Ergebnis war, dass einige wenige Bauern die Chance erkannten, für die Flurbereinigung waren und sich um eine Aussiedlung bewarben. Die meisten jedoch, besonders die Klein- und Kleinstlandwirte, waren dagegen und wollten, dass alles beim alten blieb. Man kann sich das Verkehrschaos in der Innenstadt mit Pferde- und Kuhgespannen gegen Kraftwagen heute kaum vorstellen. Aus Platznot hatten viele Landwirte in der Zwischenkriegszeit und kurz nach dem 2. Weltkrieg schon Dreschscheunen im Feld errichtet. Das führte aber zu einem regen Verkehr von und zur Scheune, was wiederum die städtische Infrastruktur weitgehend lahmlegte.

Wie standen die lokalen politischen Gremien zu den Plänen Lübkes?

Dickel: Die Flurbereinigung wurde schließlich gegen die Mehrheit der Beteiligten, auch gegen den Willen des Rates (die Verwaltung war dafür) und gegen den Willen der kath. Propsteigemeinde von Amts wegen am 1. September 1954 auf Grundlage des damals neuen Flurbereinigungsgesetzes angeordnet und eingeleitet. Der Besitzübergang zog sich dann bis 1961 bzw. 1962 hin, letzte Streitigkeiten wurden erst 1970 beigelegt, dann war das Verfahren beendet. Die Aussiedlungen fanden in drei Bauabschnitten zwischen 1956 und 1962 statt, wobei 37 Höfe in drei sogenannten Weilern angesiedelt wurden - im Südfeld, im Streitfeld und in der Balgert.

Waren das die einzigen Aussiedlungen?

Dr. Becker: Es gab noch weitere um Brilon herum, die allerdings nicht explizit in diesem Pilotprojekt verortet waren. Von den 37 ausgesiedelten Landwirten hatten 25 ihren alten Hof innerhalb der alten Stadtmauern, fünf im Briloner Außenbereich und sieben Landwirte wurden von den umliegenden Dörfern in die Briloner Flur ausgesiedelt (zwei aus Wülfte, zwei aus Thülen, zwei aus Altenbüren und einer aus Nehden).

Ist dieses Thema, das für die Entwicklung der Stadt ja doch sehr prägend war, überhaupt einmal aufgearbeitet worden?

Dr. Becker: Es gab in den 60er und 70er Jahren einige Staatsexamensarbeiten zu diesem Thema, die allerdings nicht veröffentlich wurden. Im Rahmen meines Habilitationsprojektes arbeite ich das Thema jetzt an der Universität Paderborn wissenschaftlich auf. Dabei wird es u.a. in einen größeren Zusammenhang zur Idee des Lübke-Plans und zur Landwirtschaft in der Sozialen Marktwirtschaft gestellt.

Wie will der Heimatbund an die Sache herangehen? Welche Mithilfe braucht er aus der Bevölkerung?

Dickel: Es handelt sich um eine Kooperation zwischen Briloner Heimatbund - Semper Idem und Universität Paderborn, die sich jetzt gemeinsam der Sache annehmen. Zum einen entsteht dadurch eine wissenschaftliche Schrift durch Dr. Peter Becker zu diesem Thema, zum anderen soll die Briloner Bevölkerung, wie schon im vergangenen Jahr, an diesen Erkenntnissen teilhaben und wenn möglich, die Forschung unterstützen. Der Briloner Heimatbund - Semper Idem und Dr. Becker von der Uni Paderborn gehen aus diesem Grund weiter auf die Suche nach Zeitzeugen, Fotos und Dokumenten zu der damaligen Entwicklung, die Brilon und die Briloner Feldflur mehr verändert hat als die vielen Jahrhunderte zuvor.