63 Jahre in Liesen die Orgel-Register gezogen

63 Jahre Organist in Liesen: Edmund Kräling
63 Jahre Organist in Liesen: Edmund Kräling
Foto: WP
Was wir bereits wissen
„Es steckt einfach in den Knochen drin!“ Edmund Kräling aus Liesen spürt seine 89 Jahre mittlerweile deutlich. Doch wenn er an „seiner“ kleinen, einmanualigen Orgel in der St. Thomas-Kirche sitzt, ist alles vergessen, seine Hände und Füße eilen über die Tasten wie eh und je und wechseln spielerisch durch die Tonlagen.

Liesen..  „Es steckt einfach in den Knochen drin!“ Edmund Kräling aus Liesen spürt seine 89 Jahre mittlerweile deutlich. Doch wenn er an „seiner“ kleinen, einmanualigen Orgel in der St. Thomas-Kirche sitzt, ist alles vergessen, seine Hände und Füße eilen über die Tasten wie eh und je und wechseln spielerisch durch die Tonlagen.

Fünf Mark Monatslohn

Weihnachten 1951 hat Edmund Kräling zum ersten Mal an dieser Orgel gespielt, am 1. Februar 1952 wurde er als Organist angestellt – zum Monatslohn von fünf Mark, jeweils eine Mark pro Hochamt, alle weiteren Einsätze wurden nicht bezahlt. Sage und schreibe 63 Jahre später zog er auf eigenen Wunsch zum letzten Mal die Register, als einer der dienstältesten Organisten in ganz Deutschland. In dieser Zeit hatte er genau zwei Mal krankheitsbedingt gefehlt und einmal eine Messe nur mit der rechten Hand gespielt, weil die linke eingegipst war.

Edmund Kräling und sein Vorgänger spielten zusammen 123 Jahre Orgel

Während seiner Kindheit war Orgelspielen für den gebürtigen Siedlinghauser nie ein Thema. Edmund Kräling nahm als Jugendlicher zwar ein Jahr Klavierunterricht, wegen der täglichen Fahrten zum Briloner Petrinum fehlte aber dann die Zeit. Auch einen festen Berufswunsch hatte er nicht; nach dem Abitur 1941 ging es mit 15 Jahren in den Krieg, anschließend musste er als französischer Kriegsgefangener drei Jahre jede Nacht in einem Kohlebergwerk arbeiten.

Nach einem guten Jahr erlaubten die Aufseher den rund 3500 Gefangenen dort, sich eine „Kulturbaracke“ zu bauen. „Das war unser Strohhalm zum Überleben und hat uns einen Sinn gegeben“, erzählt Edmund Kräling. Das Entwickeln von kleinen Kulturprogrammen wird zu einem wichtigen Lebensinhalt, die Gefangenen bringen sich selber das Musizieren und Vortragen von Literatur bei. So lernt Edmund Kräling ohne Noten Harmonium, Geige und Cello zu spielen. Die Zeit hinter dem Stacheldraht hat sein Leben entscheidend geprägt: „Dort habe ich alles gelernt, was ich nicht wusste, das Abi bedeutete damals nichts.“ Und es wächst in ihm der Gedanke, entweder Pastor oder Lehrer zu werden, denn „was unter Hitler an Erziehung geschah, dass darf nie wieder passieren!“ Sein Briloner Lateinlehrer Dr. Brocke rät ihm nach überstandener Gefangenschaft zum Lehramtsstudium in Emsdetten.

1951 kommt er somit als Dorflehrer nach Giershagen. Als er nach wenigen Wochen nach Liesen versetzt werden soll und seine Schülerinnen deshalb bitterlich weinen, wird ihm die Bedeutung seines Berufes bewusst: „Es ist eine große Verantwortung, jedes Kind nach seinem Talent zu fördern.“

Sicherheit fürs Leben mitgeben

Dieser Gedanke hält ihn dann auch an der Volksschule in Liesen und wird zu seiner Lebensaufgabe, obwohl das Gymnasium in Schmallenberg ihn einstellen möchte: „Es hätte mich schon sehr gereizt, auch Fächer wie Englisch und Latein unterrichten zu können. Doch in einem kleinen Dorf kann man als Lehrer ganz andere Akzente setzen und die Kinder prägen.“ Nach der Schule richtet er für seine Schüler, die in ihrer Freizeit ja hauptsächlich nur die Arbeit in der Landwirtschaft kannten, eine Tischtennis- und Modellbastelgruppe ein und dirigiert den Gesangverein, später auch in Braunshausen. 1969 wird die Schule in Liesen geschlossen, er unterrichtet darauf noch 20 Jahre als Rektor an der Grundschule Hallenberg.

Das Vermitteln seines tiefen Glaubens, den er auch im Orgelspiel zum Ausdruck bringen kann, ist ihm bis heute sehr wichtig: „ Der schulische Lehrstoff ist das eine, aber ich wollte den Menschen mehr mit auf ihren Lebensweg geben, eine innere Sicherheit, die aus dem Glauben wachsen kann.“

Fürs WP-Foto legt Edmund Kräling ein Notenbuch aufs Orgelpult und beginnt voller Inbrunst zu spielen. Erst bei genauem Hinsehen und –hören fällt auf, dass er mehrere Lieder hintereinander aus dem Kopf spielt, die gar nicht in den Noten stehen, und diese so gekonnt miteinander verbindet und zwischen den Tonarten springt, als wäre es ein einziges Stück. „Hier, hören Sie mal, wie wunderbar es klingt, wenn man beim höchsten Ton von Amazing Grace diesen Septimakkord greift!“

Es steckt eben einfach in den Knochen drin – hoffentlich noch viele Jahre