Zeugnistag: Es muss nicht immer gerecht sein

Gestern war es wieder soweit: Zeugnistag. Das halbe Schuljahr ist vorbei. Die Noten stehen fest. Zeugnisse sind immer etwas Aufregendes. Das gilt nicht nur für Schulzeugnisse. Zeugnisse sagen etwas über uns aus. Wir werden beurteilt. Ist das Zeugnis gut oder so gut wie möglich, sind wir zufrieden. Ist es nicht so gut, fühlen wir uns ungerecht behandelt.


Doch egal, wie es ausfällt, stehen wir vor der Frage, wie wir mit Erfolg und Misserfolg umgehen. Hinter dieser Frage steht eine noch grundsätzlichere Frage: Was macht eigentlich mein Leben aus? Wer bin ich eigentlich?


Der Sänger Reinhard Mey hat vor vielen Jahren ein Lied geschrieben. Es heißt „Zeugnistag“. Mey erzählt darin von einem zwölfjährigen Jungen, der ein ganz miserables Zeugnis nach Hause mitbringt. Der Junge ist am Boden zerstört: „Nicht einmal eine Vier in Religion.“ Er hat Angst vor der Reaktion der Eltern: „Mit diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus.“ So fälscht er die Unterschriften von Vater und Mutter. Und das Unheil nimmt seinen Lauf. Die Fälschung, der Schwindel wird entdeckt. Der Direktor bestellt die Eltern ein. Doch als die sich im Beisein des Direktors das Zeugnis mit den falschen Unterschriften ansehen, sagt der Vater: „Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran, das ist tatsächlich meine Unterschrift.“ Und die Mutter sagt, ja, das sei ihre Unterschrift, ziemlich gekritzelt, aber sie habe schließlich vorher zwei schwere Einkaufstaschen getragen. Dann sagt sie: „Komm, Junge, lass uns geh’n,“


Das ist ein ganz starker Abschnitt des Liedes. Der Junge hat sich falsch verhalten. Er weiß das genau. Er durfte die Unterschriften nicht fälschen. Er hat Angst davor, dass jetzt genau das passiert, was er vermeiden wollte. Er hat Angst, seine Eltern könnten ihn verurteilen.

Doch das Gegenteil passiert. Es ist wie ein Wunder, ein Wunder, das nur die Liebe zustande bringt. Der „Übeltäter“ erfährt: Da sind Menschen, die sich vor mich stellen. Meine Eltern beurteilen mich nicht nach dem, was ich leiste und auch nicht nach meinem Fehlverhalten. Sie sind Menschen, die bedingungslos zu mir stehen! „Gerecht“, nein, gerecht ist das nicht. Es ist auch nicht rechtens. Doch die Liebe ist nicht gerecht! Was für ein Glück! Reinhard Mey singt am Ende seines Liedes:
„Wie gut es tut zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt,
ganz gleich, was du ausgefressen hast!
Ich weiß nicht, ob es rechtens war, dass meine Eltern mich
da rausholten, und wo bleibt die Moral?
Die Schlauen diskutier’n, die Besserwisser streiten sich,
ich weiß es nicht, es ist mir auch egal.
Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt,
und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind,
wenn’s brenzlig wird, wenn’s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt,
Eltern, die aus diesem Holze sind.“

Das Lied „Zeugnistag“ ist ein modernes Gleichnis, ein Bild dafür, wie Gott zu uns ist. Martin Luther nannte das „Rechtfertigung des Sünders“. Gottes Rechtsprechung steht auf dem Fundament des Annehmens, der Zuwendung und der Liebe. Ganz unabhängig davon, was ich leiste, oder ob ich versage. Luther erkannte: Ich habe einen gnädigen Gott, der mich nicht danach beurteilt, was ich leiste, sondern danach, was ich bin: Sein gewolltes und geliebtes Kind.


Zeugnistag! Wo Christenmenschen in ihrer Umgebung feststellen, dass Menschen, Kinder gar, auf das reduziert werden, was sie leisten, müssen sie die Botschaft weitersagen: An erster Stelle, vor allem anderen, steht die bedingungslose Liebe Gottes. Unser Leben ist ein unverdientes Geschenk, und in Jesus Christus nimmt Gott uns ohne Vorleistung an. Oder, wie Reinhard Mey es sagt:

„Wie gut es tut zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt, ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!“
Henning A. Debus, Schulpfarrer