Wiener Charme im Wittgensteiner Land

Schubert und Kreisler - ein Wiener Gipfeltreffen.
Schubert und Kreisler - ein Wiener Gipfeltreffen.
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Was wir bereits wissen
„Schubertiade auf Schloss Berleburg – die Zweite. Schubert und Kreisler – ein Wiener Gipfeltreffen“ mit zwei Wiener Komponisten, Liederschreibern und Menschenkennern. Beim Lieder-Konzertabend der 43. Internationalen Musikfestwoche (IMFW) gab es jetzt Lustiges, Liederliches, Launiges mit den „Singphonikern“.

Bad Berleburg. „Schubertiade auf Schloss Berleburg – die Zweite. Schubert und Kreisler – ein Wiener Gipfeltreffen“ mit zwei Wiener Komponisten, Liederschreibern und Menschenkennern. Beim Lieder-Konzertabend der 43. Internationalen Musikfestwoche (IMFW) gab es jetzt Lustiges, Liederliches, Launiges mit den „Singphonikern“.

Warum werden Franz Schubert und Georg Kreisler eigentlich so oft in Beziehung miteinander gesetzt? Die Antwort ist zunächst simpel: weil sie beide Wiener waren. Wiener Charme in unterschiedlichen Jahrhunderten – der sich über die Fülle der Jahre bewahrt hat. Wobei – das mit dem Charme ist so eine Sache. Franz Schubert (1797 bis 1828) war ebenso wie Georg Kreisler (1922 bis 2011) ein vom Leben gezeichneter Mann.

Mit Leidenschaft und Zynismus

Allein diese Tatsache hat in beider Leben so viel gemacht, dass sich sechs Männer zusammenfanden. Nicht ausschließlich, um Schubert und Kreisler zu interpretieren, dennoch haben die „Singphoniker“ in Berleburg eine Welle der Begeisterung fürs Spotten, den Sarkasmus und die Ironie losgetreten. Johannes Euler (Countertenor), Daniel Schreiber (Tenor), Henning Jensen (Tenor) Michael Mantaj (Bassbariton), Christian Schmidt (Bass) und Berno Scharpf (Klavier) sangen sich durch die Leidenschaften, die Lieben, die Bissigkeiten, den Zynismus, die Feindschaften und Freundschaften in den Lieder-Kompositionen der beiden Männer.

Zwei Wiener aus zwei Jahrhunderten, nein, eigentlich sind es vier Jahrhunderte, die sie mit ihrem Dasein berührten. Herrlich giftig formulierten beide, ein jeder in seiner Sprache, mit dem für sie aktuellen Sprachgebrauch. Der eine, Franz Schubert, kam nur bis ins Salzkammergut, weil die Gesundheit ihm weiteres versagte, der andere musste als Jude mit der Familie vor dem Nationalsozialismus in die Staaten fliehen.

Wien, Weib und Gesang

So nah und doch so fern äußerten beide „Geburts-Wiener“ nicht viel Erquickendes über die Stadt an der Donau. Wie können Menschen diese spöttische Haltung einfangen? Die „Singphoniker“ haben es gezeigt. Mit bis zum Anschlag ausgereizten Stimmlagen tradierten die fünf Sänger von der Sehnsucht, zum Frühlingsmärchen, Wein, Weib und Gesang – pardon Wien, Weib und Gesang - mit rabenschwarzem Zynismus und fabulierten die eine oder andere Hacke und Spitze in die Geschichte, die Politik der Stadt, ihrer Menschen und gingen augenzwinkernd dabei über den gesamten Globus. Niemand kam wirklich ungeschoren davon, sei es im „Kärntner Männerchorlied“ Georg Kreislers, der pointiert das „Dunkelbraune“ von den 1930-ern bis zum Ende der Nazi-Herrschaft aufs Gemeinste bebilderte.

Der Tod spielt natürlich eine tragende Rolle im Kompositions-Alltag beider Komponisten. Ist Kreisler Franz Schubert auch nie begegnet, so muss da was im Wasser der Donau gewesen sein oder in der Luft oder im Erbgut, dass diese beiden Talente in genau die gleiche Kerbe schlagen. Frotzelnde Worte gegen Frauen, Frechheiten der Obrigkeit gegenüber – mit Volumen in der Kehle brachten fünf Männerstimmen Überraschendes sowie zu Erwartendes in den abermals vollbesetzten Konzertraum des Schlosses. Stimmungen werden in allen Lagen außergewöhnlich transportiert, Flucht wird gehetzt interpretiert, „Please shoot your husband“ mit nach Rache lechzendem Blick und sprühend vor boshaftem Vergnügen. Freude in den Gesichtern des Publikums, eine noch größere in den Stimmen der „Singphoniker“. Idylle bei Kreisler hat immer einen Haken, an den sich die Stimmen hängten.

„Merkelsche Rautenhaltung“

Grinsende Mimik, sonst sehr still gestanden und kerzengerade, die Hände in Merkelscher Rautenhaltung, geben alle einen kleinen Tritt auch in die aktuelle Politik. Sie haben es drauf, den „Mehltau des Misstrauens, der ja nun mal auf Wien liegt“ über Berleburg abzuschütteln und „Im Gegenwärtigen Vergangenes“ hautnah zu präsentieren, als wäre alles Empfinden Schuberts immer und überall und auch im Hier und Jetzt gültig. Überall ist Wien, das weiß auch Kreisler in seinen mannigfachen Werken und Heimat, das ist nicht Wien. „Das ideale Wien ist eh ohne Wiener“ und „Man ist nie zu Hause. Meine Heimat ist die Heimatlosigkeit“. Mit packender verbaler Wut herrlich getroffen: Kreisler wie Schubert und hier die „Singphoniker“ erkannten und erkennen: Alles an Geschwafel und Schönrederei gehört in den Schredder und muss neu gemischt werden, richtig gestellt sein, damit auch der Dümmste es versteht.

Ein erfrischendes Konzert, das im Nachhall mit großer Sicherheit so manchen im Saal zu späteren Diskussionen über die Bandbreite der Stimmen und der Interpretationsweise angeregt hat. Die „Singphoniker“ sind Vollprofis, die nicht nur in sich zu Hause sind, anders als Kreislers Heimatlosigkeit – ihren Ruhepol in der Erarbeitung des „Wiener Gipfeltreffens“ gefunden haben. Ein wahrer Gipfel für die musikalische Erwartung in Berleburg, die die sechs Männer in Formvollendung erfüllt haben. Bravissimo!