Wenn der Traumberuf Hebamme zum Albtraum wird

Hebamme Doris Kombächer aus Erndtebrück
Hebamme Doris Kombächer aus Erndtebrück
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Immer mehr freie Hebammen müssen wegen zu hoher Haftpflichtprämien die Geburtshilfe aufgeben.

Wittgenstein..  „Die Geburtshilfe war mein Leben. Aber ich kann sie mir nicht mehr leisten!“ Gerlinde Wascher-Ociepka ist seit 31 Jahren mit Leib und Seele freiberufliche Hebamme und führt in Bad Laasphe gemeinsam mit ihrer Kollegin Doris Kombächer aus Erndtebrück die Praxis „Femily“.

Vor vier Jahren haben sie das Herzstück ihrer Arbeit, für das sie eigentlich in ihrer Ausbildung angetreten waren, aufgegeben – die Geburtshilfe. Grund: die seit Jahren immer höher steigenden Haftpflichtprämien und stagnierenden Gebühren für freiberuflich tätige Hebammen.

Prämie steigt heute um 23,5 Prozent

Als die beiden Mitte der 80er Jahre ihre Selbstständigkeit aufnahmen, kostete die jährliche Haftpflichtversicherung rund 100 Mark. Mehr als zwei Jahrzehnte leiteten sie ihre Mütter mit viel Herzblut durch die Geburten, planten Urlaube und ihr gesamtes Privatleben um die jeweiligen Entbindungstermine herum. „Es war furchtbar, den Frauen, die ich teilweise schon lange kannte und die auf meine Hilfe bei ihren Geburten hofften, sagen zu müssen, dass ich sie nicht mehr begleiten kann“, erinnert sich Doris Kombächer.

Fast 1200 Euro mehr für Freiberufliche

Zum heutigen 1. Juli steigen die Versicherungsprämien für freie Hebammen mit Geburtshilfe nun noch einmal um 23,5 Prozent an. Außerdem sind diese Verträge für genau ein Jahr befristet. Wenn sich bis dahin kein neuer Versicherer findet, bedeutet das, dass ab 1. Juli 2016 nur noch im Krankenhaus angestellte Hebammen Geburten leiten dürfen und die werdenden Mütter nicht mehr ihre vertraute Hebamme zur Geburt mitbringen oder zuhause bzw. in einem Geburtshaus entbinden könnten, wenn sie das möchten.

Durch die fast unbezahlbaren Versicherungskosten geben zudem immer mehr freie Hebammen ihre Selbstständigkeit auf. Vor allem auf dem Land ist das durch die Entfernungen zu Kinderärzten und Krankenhäusern ein Fiasko für alle jungen Familien.

Krankenkassen verweigern Zahlung

Die gingen daher im letzten Jahr zu tausenden auf die Straße, woraufhin Bundesgesundheitsminister Gröhe reagierte und im Dezember einen sogenannten „Sicherstellungszuschlag“ anordnete. Das bedeutet, dass vor allem für die besonders stark betroffenen Hebammen mit wenigen Geburten die Krankenkassen diese hohen Prämien ausgleichen sollen.

Das tun sie jedoch nicht: Der GKV, der Verband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, will derzeit neue bürokratische Auflagen durchsetzen und u.a. die Bedingungen für Hausgeburten so verschärfen, dass eine Hebamme in fast jedem Fall als grob fahrlässig eingestuft würde und somit von den Krankenkassen belangt werden könnte. Dagegen wehrt sich der Hebammenverband. Und solange diese Verhandlungen nicht abgeschlossen sind, zahlen die Krankenkassen den Sicherstellungszuschlag an die Hebammen nicht.

Auch Hebamme Andrea Heuer-Ohlf aus Bad Berleburg musste sich deshalb schweren Herzens aus der Geburtshilfe verabschieden.

Sie war lange auf Sylt als Beleghebamme tätig und ist vor einigen Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt, wo sie eine eigene Praxis gegründet hat. Neben Vorbereitungs- und Rückbildungskursen, Baby-Schwimmen und –Massage hat sie sich zusätzlich auf Yoga spezialisiert.

„Mir fehlt die Geburtshilfe sehr, aber mit der Ausrichtung meiner Praxis bin ich mittlerweile glücklich“, beschreibt Andrea Heuer-Ohlf den Prozess, sich von der Geburtsbegleitung zu verabschieden. Kürzlich hat sie ausnahmsweise eine Geburt betreut und musste deshalb 1200 Euro an Haftpflicht dafür nachzahlen – bei einem Brutto-Verdienst von 273 Euro laut Gebührenordnung.

Frauen sollen „verkrankt“ werden

Gerlinde Wascher-Ociepka sieht ihren Berufsstand aber nicht nur von den horrenden Versicherungsprämien und den Gebührenordnungen bedroht.

Eine Verbesserung der Hebammen-Situation sei im Grunde politisch gar nicht gewollt: „Uns Hebammen geht es darum, die Frauen gesund durch Schwangerschaft und Geburt zu bringen. Daran verdienen Medizin und Pharma-Industrie aber nicht genug.“ Deshalb würden die Frauen systematisch „verkrankt“ und die Jahrhunderte alten Erfahrungen der Hebammenkunst sukzessive an den Rand gedrängt.

Im Gespräch mit Gerlinde Wascher-Ociepka ist deutlich zu spüren, dass sie mit Leib und Seele für den Hebammenstand kämpft. Sie setzt sich auf berufspolitischen Verbandsebenen für Änderungen in der Berufsordnung ein und hat das Buch „Hebamme ohne Geburt – Gefahr für die Zu(ku)nft“ geschrieben.

Denn ein zunehmendes Problem des ganzen Berufsstandes sieht sie auch darin, dass die Hebammen immer weiter in ihren Kompetenzen beschnitten und nicht mehr umfassend genug ausgebildet werden. „Wir haben früher noch gelernt, wie man ein Kind zuhause oder aus fast jeder Lage wie z.B. einer Steißlage heraus entbindet“. Dieses Fachwissen fehle den jungen Hebammen heutzutage, so dass immer mehr Geburten in Krankenhäusern in die Hände von Ärzten abgegeben, die Hebammen von Fachfrauen zu Assistentinnen degradiert würden und ihnen somit die Sicherheit verloren ginge.

Einer der ältesten Berufe der Welt

Weiter fordert Gerlinde Wascher-Ociepka, dass den Hebammenschülerinnen Grundkenntnisse in der Betriebswirtschaft vermittelt werden: „Man jagt die Hebammen in die Selbstständigkeit, aber die meisten wissen noch nicht einmal, was ein Break-Even-Point ist und welche Betriebskosten sie erwirtschaften müssen. Bei allem Enthusiasmus – Hebamme kann man nicht ehrenamtlich sein.“Hebamme ist einer der ältesten Berufe der Welt.

Durch die ständig steigenden Kosten, die nicht angepassten Vergütungen und vor allem den Auslauf der Versicherungen in einem Jahr steht er am Abgrund – obwohl er in der heutigen Gesellschaft ohne Großfamilien wie früher und in einer strukturschwachen Gegend mit weiten Wegen mehr denn je gebraucht wird.