Wenn das Instrument zum Wesen wird

Klaus Wilmanns der Kontrabassist in Patrick Süskinds „Der Kontrabass“ glänzte vor leider sehr kleinem Publikum in der Erndtebrücker „Edermühle“, hinterließ bei den wenigen bleibenden sehr guten Eindruck.
Klaus Wilmanns der Kontrabassist in Patrick Süskinds „Der Kontrabass“ glänzte vor leider sehr kleinem Publikum in der Erndtebrücker „Edermühle“, hinterließ bei den wenigen bleibenden sehr guten Eindruck.
Foto: Christiane Sandkuhl

Erndtebrück..  Was kann ein Ins­trument anrichten? Nichts – wird die Allgemeinheit sagen, es ist ja nur ein seelenloser Gebrauchsgegenstand. Doch für einen ganz bestimmten Musiker im Staatsorchester ist es zum Wesen geworden. Zunächst betrachtet er ihn ganz neutral als „Der Kontrabass“. Nennen wir den Protagonisten „Musiker“, denn in Patrick Süskinds gleichnamigem Roman mit anschließendem Theater-Solo-Stück wird er so deklariert. Namenlos, obwohl er die wichtigste und natürlich einzige agierende Person darstellt.

Der Musiker (Klaus Wilmanns) tritt nun in den sehr spärlich besuchten Veranstaltungsraum der Erndtebrücker „Edermühle“ auf die Bühne – die Quantität der Zuschauer ist zweitrangig. Er spielt, er involviert mit den ersten Worten, dem ersten Hantieren mit seinem Kontrabass die Menschen in sein Leben mit dem monströsen Holzcorpus.

Die Folgen der Einsamkeit

Fiktiver Ort ist die spartanisch eingerichtete Stadtwohnung des Musikers, der 2 200 Euro netto monatlich verdient. Der Musiker stellt mit feiner Regelmäßigkeit Fakten seines Alltages in den Raum, gibt Oberflächlichem eine immense Bedeutung. Als Single und hiermit als einsamer Mensch, wie er selbst umschreibt, neigt er dazu, Dingen und Ereignissen eine Interpretation zu verpassen, die teils an der Realität vorbei zu gehen scheinen. Er hat durch diese Tatsache der Einsamkeit und der mangelnden Kommunikation, des Sich-Nicht-Anvertrauens bei Kollegen und seinem Umfeld wohl nur den Kontrabass als Begleiter in seinem Leben.

Dem Instrument haucht er ganz unwillkürlich Leben ein, lässt ihn im Verlaufe des erzählten Tages zum Mitbewohner werden. Mitbewohner – das umschließt Persönlichkeitsstrukturen wie Mitmensch, Besetzer, Dazwischenfunker, Monster, Verhinderer, Belästiger. Die Reihe könnte vom Musiker schier endlos fortgesetzt werden. Bei allen Ausschmückungen und ornamentreichen Weitschweifigkeiten behält Klaus Wilmanns, im richtigen Leben seit über 35 Jahren Kontrabassist, sein Publikum im Auge und schätzt Reaktionen ab.

Stilistisch voller Raffinesse

Und dann kommt „Sie“ ins Spiel: Sarah ist Mitte zwanzig, Sopranistin und altersmäßig weit entfernt vom Musiker, der sich bereits in ferner Reife mit fast 56 Jahren befindet. Sarah hat ihm das Herz geöffnet, doch bemerkt sie ihn wohl nicht, ihn, der nur in zweiter Reihe einer von zwölf Kontrabassisten ist. Er möchte ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Einziges probates Mittel scheint dem Musiker das enorm fehlerhafte Spiel der kommenden abendlichen Aufführung von Wagners „Rheingold“ zu sein – oder noch besser der gellende Schrei „Sarah!“ als unverhoffter Pausenfüller zwischen zwei Akkorden. Fakt wäre dann allerdings, er würde, trotz seines Beamten-Status im Staatsorchester, als Folge dessen am Ende ohne Job dastehen.

Stilistisch hat Patrick Süskind voller Raffinesse gearbeitet. Das Umsetzen fällt Darsteller Klaus Wilmanns vom Theater „Drei Hasen oben“ enorm leicht. 690 Aufführungen des Stückes bringen nicht Routine, doch Ausgefeiltheit. Er hat sich den Protagonisten erarbeitet, mit wachsender Leichtfüßigkeit.

Im März 2012 trat Wilmanns ebenso auf die Bühne der Berleburger Schloss-Schänke, damals ein wenig reservierter. In Erndtebrück beeindruckte er noch intensiver mit körperlicher Akrobatik, enthemmter und hautnaher als in Berleburg. Seine Darstellungskunst als Solist, der wohlwollendes Nicken, Lachen und Lächeln als Zwischenapplaus erntete, ist großartig.

Ein wenig Offenbarung

Vielleicht ist es sogar ein wenig Offenbarung seines Innenlebens als Musiker, sein Denken über den bauchigen Riesen an seiner Seite, der ihn mit einer Höhe von 192 Zentimetern sogar am intimen Leben zu hindern scheint.

Klaus Wilmanns mag an dieser Stelle tatsächlich Aussagender über die Denkweise eines Musikers sein, dessen Instrument ihn an der Sexualität, an der körperlichen Liebe bremst. Und eine Sarah mag ihn vielleicht nie beachten, weil er einer von vielen ist, der untergeht in der Menge. Eine Sarah, die mit hochrangigen Persönlichkeiten im Nobel-Restaurant sitzt und anschließend mit ihnen ins Bett geht.

Sinnieren über Sarah

Der Musiker gibt all diesen Gedanken Ausdruck – ob er nun den Bogen über die vier Saiten e, a, d oder g streicht, Ergüsse über die Kontrabass-Kompositionen des von Dittersdorf gibt oder über das Intimsein mit Sarah irgendwo auf einer Wiese sinniert.

Ein großartiges Werk, das Klaus Wilmanns abermals genial interpretiert hat. Am Ende bleibt die Frage offen: Schreit er nun „Sarah!“ oder nicht?