Vorwurf: Auf großem Fuß gelebt und die Kliniken in die Insolvenz getrieben

Ein Schild mit der Aufschrift "Notaufnahme" steht vor der Schloßbergklinik in Bad Laasphe.
Ein Schild mit der Aufschrift "Notaufnahme" steht vor der Schloßbergklinik in Bad Laasphe.
Foto: WP WP

Bad Laasphe/Siegen..  13.06 Uhr im Saal 083 des Siegener Landgerichts. Mit einem knappen „Wiedersehen“ verabschiedet sich der Zeuge Dr. H. von den Beteiligten. Rund drei Stunden lang hat der Mediziner vorher seine Version der Ereignisse geschildert, die 2009 zur Insolvenz zweier Kliniken in Bad Laasphe führten. Die Angeklagten L. und P. sollen dabei rund 285 000 Euro veruntreut haben. L. und der Zeuge teilten sich dabei die Geschäftsführung von insgesamt fünf Unternehmen, die hinter den Krankenhäusern standen.

Schleichende Entfremdung

Am ersten Verhandlungstag kurz vor Weihnachten hatten die Angeklagten alle Anschuldigungen zurückgewiesen, in teilweise sehr emotionalen Aussagen ihre bittere Enttäuschung über das Verhalten des Dr. H. zum Ausdruck gebracht. Der 63-jährige Mediziner und seine Frau waren ein gutes Jahrzehnt sehr eng mit dem Ehepaar befreundet und seit 1999 auch Geschäftspartner. 2004 wurden die Wittgensteiner Kliniken gekauft. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt begann ein „schleichender Prozess“ der Entfremdung, wie Dr. H. es gestern darstellte. Hatten L. und P. übereinstimmend erzählt, dass sich der ehemalige Geschäftspartner durch einige teure Fehler „hervorgetan“ und ansonsten weitgehend aus dem operativen Geschäft herausgehalten hätte, sie beide vor allem die Arbeit in der gesamten Firmengruppe geleistet hätten, zeichnete der Zeuge ein völlig anderes Bild. Er sei durch seine Leitung einer Klinik im Ruhrgebiet ziemlich ausgelastet gewesen.

Angeklagte sollen den Zeugen aus der Firma gedrängt haben

L. habe manchmal viel getan, manchmal wenig, schließlich großes Interesse daran gehabt, die neuen Häuser in Bad Laasphe zu übernehmen. Nachdem er schließlich gemerkt habe, in welcher „unmöglichen Art“ beide Angeklagte mit ihren dortigen Mitarbeitern und auch ihm selbst umgegangen seien, „bin ich mehr und mehr auf Distanz gegangen“, sagte der Zeuge, der sich betont sachlich präsentierte. Eigene Fehler wies er grundsätzlich zurück. L. habe ihn mehr und mehr von Entscheidungen ausgeschlossen; beide Eheleute hätten das Unternehmen wohl als ihr eigenes betrachtet „und mich eher als Fremdkörper“. Deshalb habe er die hohen Entnahmen privater Art, die zur Anklage führten und nach seiner Ansicht die Insolvenz verursacht hatten, auch erst im Nachhinein bemerkt. Im Juli 2009 habe er „in meine eigene Firma einsteigen“ müssen, um an die nötigen Unterlagen zu kommen. „Nachdem die beiden einen 14-tägigen Portugalurlaub für 12 000 Euro angetreten hatten, während die Mitarbeiter seit Monaten auf ihre Gehälter warteten“, warf Dr. H. mit hörbarem Unverständnis den Angeklagten vor, die ihrerseits immer wieder entrüstet den Kopf schüttelten.

5500 Euro im Monat

Vor allem die angeklagte Ehefrau konnte die Angaben des Zeugen offensichtlich überhaupt nicht nachvollziehen, verdrehte mehrfach die Augen. P. hatte im Dezember ihren großen Einsatz für die Unternehmen unterstrichen. Der Ex-Partner wollte nicht völlig verneinen, dass sie gearbeitet hatte, letztlich sei es aber keine 5500 Euro im Monat wert gewesen, betonte der Zeuge. Er habe den Eindruck gewonnen, dass die Angeklagten von morgens bis abends mit den Gedanken an Arbeit und Geld beschäftigt gewesen seien und diese mentale Beschäftigung wohl mit tatsächlichem Arbeitseinsatz verwechselten. Zudem sei er in deren Augen immer eher dumm und unverständig gewesen. L. und P. hätten auf großem Fuß und deutlich über ihre Verhältnisse gelebt, vor allem mit Blick auf die ständigen Liquiditätsprobleme der Kliniken. Ein Freund und auch sein eigener Schwiegervater hätten immer wieder Barmittel zuschießen müssen, während das Ehepaar am Ende monatlich gute 10 000 Euro mehr als er an Vorteilen genossen habe. Gleichzeitig habe es rund 900 000 Euro an Verbindlichkeiten allein bei einem Caterer gegeben, die dieser dankenswerterweise in ein Darlehen umgewandelt hätte.

Souverän aufgetreten

Das souveräne Auftreten des Zeugen bekam durch die Nachfragen der Verteidiger einige Löcher. Trotzdem wies er jede Art von eigener Verantwortung für den Niedergang der Unternehmen zurück. Es habe wohl im medizinischen Bereich Budgetüberschreitungen gegeben, die Rückzahlungen von bis zu 640 000 Euro nach sich gezogen hätten. Im Gegensatz zu heute habe es damals aber keine Frühwarnsysteme gegeben, die auf solche Probleme aufmerksam gemacht hätten. er sei auch definitiv nicht durch Mitarbeiter auf Gefahren dieser Art hingewiesen worden. Mit L. habe es zu diesem Zeitpunkt schon keine vernünftige Kommunikation gegeben. Das Verfahren wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Im Gespräch ist eine Abtrennung und frühzeitige Erledigung des Verfahrens gegen die angeklagte Ehefrau.