Vom zerbombten Wuppertal ins Herrenhaus

Kriegsende (wahrscheinlich 1944) in der Röspe: Das historische Bild zeigt (von links) Margita Bremme, Hans Joachim Bremme, das Kindermädchen der drei, und Hans Christian Bremme.
Kriegsende (wahrscheinlich 1944) in der Röspe: Das historische Bild zeigt (von links) Margita Bremme, Hans Joachim Bremme, das Kindermädchen der drei, und Hans Christian Bremme.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Zwei Mütter mit Kindern finden in den letzten Kriegsjahren Zuflucht in der Röspe. Der Name Vorwerk hat auch etwas mit dem Wittgensteiner Land zu tun.

Röspe/Wuppertal..  Vorwerk – der weltweit bekannte Name wird wohl von den allermeisten Zeitgenossen mit Staubsaugern in Verbindung gebracht. Auch die Küchenmaschine „Thermomix“ zählt zu den Verkaufsschlagern der Wuppertaler Unternehmensgruppe.

Der Name Vorwerk hat aber auch etwas mit dem Wittgensteiner Land zu tun. Wir nehmen Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit auf eine kleine Recherche-Reise.

Bekannte Vorfahren und ein Schreibverbot

Dafür blättern wir zurück ins Jahr 1773. Da wird nämlich erstmals als „Herrschaftlicher Besitz“ in Röspe das Jagdhaus genannt, das der Volksmund heute noch „Herrenhaus“ nennt. Das gehörte seinerzeit der Fürstlichen Familie, die es u.a. als Gästehaus nutzte.

Diese Gastfreundschaft konnten in den beiden letzten Kriegsjahren zwei Frauen mit ihren Kindern nutzen. Die Familien hatten nach schweren Bombenangriffen auf Wuppertal Zuflucht bei „Tante Marili“ in Wittgenstein gesucht. Sie war die erste Ehefrau des späteren Forstdirektors Hermann Behncke, und die gab ihrer Schwester Hildegard Vorwerk sowie deren befreundeter Familie Bremme Zuflucht. Diese Nachnamen sollten noch über Jahrzehnte mit dem Herrenhaus in Verbindung gebracht werden.

Als Legende gehalten hat sich die Erzählung, dass jene Familie Vorwerk die Staubsauger-Fabrikanten und die Bremmes die bekannte Wuppertaler Brauer-Familie gewesen seien. Beides trifft nicht (ganz) zu, wie unsere Lokalredaktion herausfand.

Klassenkameraden erinnern sich

Szenenwechsel: In der Berleburger Oberschule für Jungen sitzen auch zwei Mädchen, die kurz vor dem Teenager-Alter stehen. Sie heißen Sigrun Vorwerk und Margita Bremme. Mit dem Zug kommen sie an jedem Schultag von Birkelbach mit dem Zug, stapfen bis zur Schlossstraße (heute Musikschule) und fahren am frühen Nachmittag wieder zurück. Die Namen der jungen Wuppertalerinnen sind einigen, heute noch lebenden Klassenkameraden im Gedächtnis geblieben. Heinz Rath (Bad Berleburg): „Der bekannte Name Vorwerk hat dazu beigetragen, dass ich mich an Sigrun erinnern kann. Aber alles andere war zu kurzlebig.“

Helmut Peter, damals ebenfalls in der „Quinta“, weiß aus Gesprächen mit seinen ehemaligen Klassenkameraden Adolf Stark, Henny Gönner, Hans Friedrich Petry und Helene Seiffert (geb. Krämer) etwas mehr zu berichten: „Die beiden Mädchen fuhren manchmal mit einem Pferdegespann, das am Herrenhaus in der Röspe stand. Beide hatten eine schmale Figur, Sigrun kurzes, brünettes Haar. Margita war ein hübsches Mädchen mit blonden Locken. In sie waren wir alle verknallt ... .“

Wohnorte Schweiz und München

Was sagen denn die hübschen Mädchen auf 70 Jahre alte Komplimente? Unsere Zeitung hat beide ausfindig gemacht.

Sigrun Vorwerk heißt seit 1964 Meissner, ist ein Jahr später mit ihrem Mann an den Zürichsee gezogen, wo sie noch mit zwei Söhnen lebt. Am Telefon mit den schmeichelnden Aussagen konfrontiert, lacht sie. Aber von „verknallt“ weiß Sigrun Meissner nichts mehr. „Da hatten wir andere Sorgen. Unseren Müttern ging es damals einzig und allein darum, ihre Kinder zu retten.“ Und die waren mitunter in Gefahr. Beispielsweise, wenn der Zug zur Schule von feindlichen Tieffliegern beschossen wurde. „Der Zug hielt an. Wir mussten alle raus und haben im Wald Schutz gesucht“, erinnert sich die heute 84-Jährige. In den kargen Kriegszeiten sei die Mutter mit dem Fahrrad oder dem Bollerwagen losgezogen, um in der Umgebung ein paar Stück Brot oder einige Lebensmittel zu organisieren.“ Sie selbst habe bei Familie Schneider am Köpfchen oftmals die Kühe gehütet. „Der Lohn war ein Butterbrot mit ganz leckerem Käse“. Das wurde in der gemeinsamen Küche im Herrenhaus verputzt; zwei Mütter, vier Burschen und die beiden Mädels. „Nein“, sagt Sigrun Meissner, „an Namen aus jener Schulzeit kann ich mich überhaupt nicht überhaupt mehr erinnern.“

In Birkelbach zur Volksschule

Aber Kontakt hat sie immer noch zu ihrer langjährigen Freundin Margita Bremme. Aus der ist eine echte „Durchlaucht“ geworden: Margita Gräfin zu Stolberg-Stolberg. Zu verdanken hat sie den adligen Namen ihrem Ehemann Hubert Maria Otto Josef Carolus Felix von Valois, Graf zu Stolberg-Stolberg - eine Linie mit Wurzeln in Österreich.

Die Heimatzeitung machte die 83-Jährige in München ausfindig. Weiß sie noch etwas aus ihren Kriegsjahren in Wittgenstein? „Aus der Schulzeit in der Volksschule Birkelbach oder später am Gymnasium in Berleburg, so Gräfin Margita, „kann ich nicht viel erzählen. Die Namen der Mitschüler von früher sind weg. Aber es gab den Lehrer Prediger. Das war ein fescher Mann“, lacht die Gräfin. Tiefer im Gedächtnis haften geblieben sind der damals Zwölfjährigen die schrecklichen Kriegsgeschehnisse. „Der Zug wurde bei Röspe beschossen, weil die Engländer auf der Suche nach der V 2 waren. Die lag da auf einem Hintergleis.“ Als letztlich die Amerikaner immer näher kamen, wurde die Bremme-Familie „von dem Förster Bald in einem Stollen beim Forsthaus Casimirstal in Sicherheit gebracht.“ Dort haben die Kinder „beim Forsthaus noch eine große Schießerei“ miterlebt. Später saßen sie in einem amerikanischen Jeep, der sie nach Berleburg brachte.

Wichtel und Messer in der Brust

Jahre später ist Gräfin Margita noch einmal mit ihrer Familie („die Kinder waren noch klein“) bei Fürstin Margareta auf Schloss Berleburg zu Gast gewesen; denn Mutter Beate Bremme und die Fürstin waren „Busenfreundinnen“, wie sich Prinz Richard heute erinnert. Der Prinz und die Gräfin berichten der Heimatzeitung abschließend von eher lustigen Kindheitserinnerungen, die sie miteinander verbinden.

Prinz Richard ging mit Margitas Bruder Hans-Christian in die selbe Schulklasse. Im Schlosshof wurde Fußball, im Park Schnitzeljagd gespielt. Prinz Richard: „Der Bremme fiel plötzlich hin und hatte sich sein kleines Taschenmesser in die Brust gerammt. Da wurden die Taschenmesser von uns allen sofort einkassiert.“

Gräfin Margita: „Als wir mit den Kindern im Schloss zu Tisch saßen, bedienten uns Diener, die Wein und Wasser einschenkten. Als sie weg waren, fragten meine Kinder: Mama, können die Wichtelmänner mit den Gießkannen noch mal kommen?“