Vier Wittgensteiner im Goldrausch

Foto: Marcel Krischik

Dotzlar.. Robin Lückert hält das Plastikröhrchen auf Augenhöhe und bewegt es hin und her, um dem pulverigen, kohlenstaubähnlichen Inhalt ein Funkeln abzunötigen. Tatsächlich, hier und da schimmert es golden. „Na ja, reich sind wir damit nicht geworden“, sagt der 28-jährige Student der Ökologischen Landwirtschaft. Ansichtssache. Reich an Erfahrungen ganz sicher.

Im August 2013 folgten Lückert, Jannis Krutzenbichler und die Brüder Aurèle und Aljoscha Haupt einen Monat lang den Spuren des Goldrauschs am Yukon River. Erst mit dem Auto, 2400 Kilometer Landstraße bis Vancouver, dann auf den rund 740 Kilometern zwischen Whitehorse und Dawson mit dem Kanu. Aljoscha Haupt ist Filmemacher, er hielt das Abenteuer Wildnis mit der Kamera fest. Das Ergebnis: „Der Yukon Goldrausch“ für die Reihe „LEBEN!“ des öffentlich-rechtlichen Spatensenders Eins­Plus.

In einer Szene dieser Doku schippert Aurèle den „großen, weiten Fluss“, wie er in der Sprache der indianischen Ureinwohner heißt, hinunter. Ein selbstgebautes Segel treibt ihn an, das Bild als „idyllisch“ zu bezeichnen ist noch stark untertrieben. „Ich jage nicht wirklich dem Gold nach, ich habe mein Gold schon gefunden“, sinniert er. Und: „Gute Laune ist Gold. Innere Ruhe."

Vor fast 120 Jahren ging es im Nordwesten Kanadas weitaus weniger ruhig zu. 1896 fielen die „Stampeders“ am Klondike River bei Dawson ein, das verschlafene Nest wuchs auf 40 000 Einwohner und zeitweise zu einer der größten Städte Nordamerikas an. Erst die Hatz nach dem Edelmetall steckte das heutige Yukon-Territorium ab und legte die Grenze zwischen Alaska und Kanada fest. Für Unerfahrene gefährliches Terrain.

Kein typisches Urlaubsziel also, da muss man erstmal drauf kommen. Aber wie? Robin glaubt, er hat die anderen infiziert. Ganz sicher ist er sich nicht. Er hat den US-Autor Jack London gelesen und bewundert. London verewigte den Goldrausch, schon Robins Vater war Fan. London, 1916 im Alter von nur 40 Jahren gestorben, hinterließ Werke wie „Der Ruf der Wildnis“. Dem sind die vier gefolgt.

Einfach drauflosreisen

Aurèle und Robin kamen aus Mexiko in den äußersten Nordwesten des Kontinents hochgetrampt. Mit Bauarbeiten in Kelowna, einem bekannten Ort für Rucksackreisende, verdienten sie sich das nötige Kleingeld für den Wagen. 500 Dollar mussten reichen. Jannis hatte Mexiko schon etwas früher verlassen und war gerade mit dem Bus an Kanadas Küsten unterwegs, Aljoscha kam von einem Dreh in den Staaten dazu. Ein Plan, scheint es, so wild wie der Yukon River selbst, mit dem sie sich zunächst einmal rund 400 Kilometer anlegten, ehe sie wieder so etwas wie Zivilisation erreichten. Fakt ist: „Viel Planungsarbeit gab es gar nicht“, erinnert sich Auréle, „das ist vielleicht die Essenz.“ Drauflosreisen als Devise.

Herausgekommen sind fast 15 Stunden Filmmaterial, heruntergebrochen auf knapp 20 Minuten Reise-Tagebuch, das vor Lebensfreude fast überläuft. Ein kurzweiliges Filmchen, das ohne große technischen Kniffe auskommt, ohne schweres Equipment, das gewollt amateurhaft wirkt. Vor allem eines, das Fernweh schürt, die Sehnsucht weckt, mitzutouren, an wilden Flußufern im Matsch zu hocken und nach dem Edelmetall, aus dem die Träume sind, zu schürfen. Vier Jungs gegen die und mit der Natur.

Wenn die Dämmerung naht

Robin würde nicht gerade von sich behaupten, gern vor der Kamera zu stehen. Rückblickend sagt er: „Ich hatte nicht das Gefühl, mich verstellen zu müssen, es fühlte sich ganz natürlich an.“ Wie der Umgang der Jungs untereinander. Robin am Steuer, Aljoscha auf dem Beifahrersitz als Navigator, DJ und Filmemacher in Personalunion. Von der Rückbank aus ist Aurèle zuständig für die Verpflegung, aus allen Ecken des geräumigen Vans fischt er Zutaten, aus denen er Sandwiches zaubert, so gewaltig wie das Land, das sie bereisen. Jannis schließlich gibt den Vorkoster. Auch wichtig. Alles sieht so einfach aus.

Hektisch wurde es auf dem Wasser, wenn die Dämmerung hereinbrach, das Steilufer nicht enden wollte und die Diskussion um ein geeignetes Nachtlager losbrach. Bären als Nachbarn? Keine wirklich beruhigende Aussicht. Robin nimmt es mit Gleichmut. „Unser Preis fürs Reisen ist der Verzicht auf Luxus“, sagt er.

Fortsetzung folgt?

Die Vorstellung, noch einmal gemeinsam Erlebtes auf die Mattscheibe zu bringen, birgt ihren Reiz. Vielleicht ja Afrika, Aurèle könnte sich das vorstellen. Er hat Maschinenbau studiert und ist gerade zurück aus Kenia. Dort hat er an einer Schule mitgebaut. Einmal bekam er das Angebot, eine Bar auf Sansibar zu übernehmen. Auch Robin ist offen für Fortsetzungen: „Wie wär’s mit dem Uralgebirge?“

Wann, wo und wie wird sich also noch zeigen. Überhaupt, ursprünglich wollten sie ja ganz woanders hin, die vier, nach Südamerika. Die finale Reise, wenn man den Maya Glauben geschenkt hätte. Deren Kalender nämlich prophezeite für den 21. Dezember 2012 das Ende der Welt. Das wollten sie miterleben. Ein gutes dreiviertel Jahr später standen sich Robin und Aurèle an einer Landstraße gegenüber, in entgegengesetzte Fahrtrichtungen, beide den Daumen raus. „Wir haben die Entscheidung ans Leben abgegeben“, sagt Aurèle. Das Leben entschied sich für eine Baustelle in Kelowna.