Vertrauen ins Miteinander und das Aber weglassen

Samstag: Am Nachbartisch im Restaurant geht es laut her. Ich kann nicht weghören und kriege einzelne Sätze mit: „Die sollte man gleich wieder dahin schicken, wo sie herkommen!“ Es geht mal wieder um die Asylbewerber. Und was sie uns alles wegnehmen. Und dass wir kein Einwanderungsland wären. Ich höre dieses „ABER“: Wir haben ja nichts gegen die und die – ABER. Und wir haben nichts gegen den Islam – ABER. Wo sind die Leute, die davon erzählen, wie normal es ist, mit Gegensätzen zu leben? In unseren Firmen? Schulen? Familien? Und dass Vielfalt bereichert? Warum herrscht unter uns diese Angst?


Montag: Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer in Siegen mit 1200 Gästen. Eine gute Gelegenheit, die Positionen der Wirtschaft in unserer Region zu verschiedenen Themen zu hören. In sechs Thesen machte der neue Präsident das deutlich. Da ging es um Verkehr, um schnelles Internet, um Ausbildung und die Universität. Und dann auch um die klare Aussage: Die heimische Wirtschaft heißt die Flüchtlingsfamilien und jungen Asyl-bewerber willkommen. Denn wir brauchen Menschen, die gerne bei uns leben und arbeiten wollen. Gut, auch solche Töne zu hören.


Dienstag: Dienstrunde im Büro. Es geht um die Flüchtlingsarbeit, in die der Kirchenkreis Ende letzten Jahres eingestiegen ist. Zur Zeit noch eine halbe Stelle, aber das wird sich im Laufe der nächsten Wochen ändern. „Ich könnte viel länger dort oben sein und hätte immer was zu tun“, sagt unsere Mitarbeiterin. Klar, die Menschen, die nach Bad Berleburg kommen, haben tausend Fragen, wissen kaum etwas von den komplizierten Verfahren. Sie haben keine Ahnung, wie das Einkaufen funktioniert, wie man Automaten im Zug bedient, wie man Formulare ausfüllt. Und die Büroräume, die für die Beratung zur Verfügung stehen müssen, sind immer noch nicht renoviert.


Mittwoch: Eigentlich geht es uns ja nichts an, wenn ein Pastor im fernen Bremen in einer einzigen Predigt schräge Töne von sich gibt. Aber er stammt nun mal aus Wittgenstein und hat im Siegener Stadtgebiet eine Zeit lang gearbeitet. Sein Donnerwetter gegen alles, was das „reine Christentum“ beschädigt, grollt bis den Süden Wittgensteins. Und in Leserbriefen dokumentieren einige Zeitgenossen, dass sie diese falschen Töne eines Scharfmachers als lang ersehnte Wahrheit verstehen.


Die Woche ist noch nicht zu Ende. Aber es reicht mir schon wieder. Ich habe es satt, jeden Morgen aufs Neue die Schlagzeilen von den selbstverliebten Menschen lesen zu müssen, die meinen, durch radikale Sprüche mir die Welt erklären zu können. Als ob Wahrheit einseitig sein könnte! Als ob irgendwer die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen könnte! Mag sein, dass Provokation manchmal gut tut. Und dass wir Kabarettisten brauchen, um uns einen Spiegel vorzuhalten, damit wir manches begreifen
Aber wenn es darum geht, in unseren Dörfern das Leben zu gestalten, dann hilft uns kein einziger schräger Donnerhall weiter, weder von Politikern noch von Geistlichen, ganz egal, aus welcher Religion sie kommen. Da liegt die Wahrheit immer noch vor uns. Da brauchen wir den offenen Blick, mit anderen gemeinsam zu denken. Da brauchen wir den Mut, Brücken zu bauen und gerade denen zuzuhören, die anders ticken als ich. Da brauchen wir Vertrauen, dass das Miteinander funktionieren kann - so, wie das doch schon an so vielen Stellen bei uns klappt. Davon sollten wir erzählen. Nicht nur morgen in unseren Gottesdiensten. Auch an den Stammtischen. Und das ABER einfach mal weglassen.

Stefan Berk
, Superintendent