Das aktuelle Wetter Bad Berleburg 15°C
Bildung

Starkes Konzept mit kleinen Tücken

21.01.2015 | 23:15 Uhr
Starkes Konzept mit kleinen Tücken
Im Gymnasium Schloss Wittgenstein hat sich das Lehrer-Raum-System seit einigen Jahren bewährt. Es bietet nach Angaben von Schulleiter Herbert Marczoch Schülern deutlich mehr Vorteile als Nachteile.Foto: Gymnasium Schloss Wittgenstein

Bad Berleburg.   Das sogenannte Lehrer-Raum-System an Schulen erfährt hohe Wertschätzung – sofern es denn umsetzbar ist. Vier Wittgensteiner Schulen haben damit Erfahrung.

Geht es nach NRW-Bildungsministerin Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen) soll ein Modell landesweit Schule machen: das Lehrer-Raum-System. Es sieht ein festes Klassenzimmer für Lehrkräfte vor, in das Schüler in den Pausen wechseln. Aktuell findet dieses Lehrprinzip an vier Schulen in Erndtebrück, Bad Berleburg und Bad Laasphe Anwendung. Eine Umfrage dieser Redaktion zeigt: Die Schulleiter der Region schätzen das Konzept mehrheitlich – auch wenn es Tücken bereithält.

Effizienterer Unterricht

Bereits im siebten Jahr wird es in der Realschule Erndtebrück rührig auf den Gängen, wenn sich Schülerinnen und Schüler nach dem Pausengong aufmachen zum nächsten Klassenraum. Schulleiter Bernd Weiskirch ist nach wie vor „froh“, dass dem so ist. Der Alltag für Schüler und Lehrer habe sich entschleunigt, „Unfälle, Mutproben und Mobbing haben seither deutlich abgenommen“, berichtet Weiskirch. Doch er macht auch klar: „Das kann nur funktionieren, weil wir großzügige, gut verteilte Räume haben.“ Ferner begünstige die Abkehr vom üblichen 45-Minuten-Turnus hin zur Doppelstunde das Lehrkonzept: „Bedenken Sie nur, wie viel effektive Unterrichtszeit verloren ging, bis Lehrer und Schüler sich vorbereitet hatten. Außerdem haben die Schüler nun nur noch drei Fächer am Tag und müssen weniger schleppen.“

Info
Weiter ein Unikum in Wittgenstein

Als einzige Schule in Wittgenstein hatten Steffen Roth und Kollegen zum Schuljahr 2010/11 den traditionellen 45-minütigen Unterricht aufgegeben und die volle Stunde als Unterrichtseinheit eingeführt. „Kollegen und Schüler haben so viel mehr Zeit zur Vor- und Nachbereitung, Arbeitsphasen werden nicht ständig unterbrochen“, betont Roth. Den höheren Aufwand - anstelle von Halbjahres-Lehrplänen erstellt er diese quartalsweise - scheut er nicht: „Die Arbeit zahlt sich aus. Außerdem arbeiten wir EDV-gestützt.“

Der Entschluss zur Einführung der 60-Minuten-Stunde, so Roth weiter, war dabei vor allem der das Gymnasium umgebenden Infrastruktur geschuldet. Schülern sollen die Heimreise am Nachmittag, mitunter bis in das hessische Buchenau, möglichst schon gegen 15 Uhr antreten können. Heißt: Pausen mussten reduziert werden, so stellte die verlängerte Schulstunde eine willkommene Option dar. Roth: „Einmal in der Woche gibt es dadurch keinen Nachmittagsunterricht. Sehr zu Freude unserer Schüler.“

Auch Herbert Marczoch, Leiter des Gymnasiums Schloss Wittgenstein, liebäugelte mit der vollen Unterrichtsstunde: „Wir haben die 60 Minuten anvisiert, uns nach Absprache mit unserer Realschule aber dagegen entschieden und es durch Doppelstunden, die bei uns über die Hälfte des Unterrichts ausmachen, aufgefangen.“

Ähnlich hält es Manfred Müller, Leiter der Städtischen Realschule Bad Berleburg, dessen Kollegium ebenfalls 90 Minuten lang in eigenen Klassenzimmern unterrichtet. Müller hebt die vielen Möglichkeiten der individuellen Förderung hervor: „Das ist material- und technikintensiv, nur so können wir dem gerecht werden.“ Sein Fazit: „Wir bereuen die Einführung nicht, es war eine gute Entscheidung.“ Aber eben auch eine, die die breiten Flure und Treppen im Gebäude ganz erheblich begünstigten: „Der Platz hat sich eben angeboten.“

Herbert Marczoch leitet das Gymnasium Schloss Wittgenstein in Bad Laasphe, seit zwei Jahren haben auch dort Lehrer nicht nur im Lehrerzimmer ihren festen Platz. „Der größte Vorteil überhaupt ist, dass weniger Schäden durch Schüler entstehen. Unsere anfänglichen Befürchtungen – Lärm auf den Gängen, Schüler ohne ‘Zuhause’ – haben sich nicht bestätigt“, führt Marczoch aus, „nur bei der Raumplanung mussten wir ganz schön tüfteln.“ Die große Ausnahme: „Fünftklässler haben noch ihre eigenen Klassenräume, erst ab der sechsten wird gewechselt.“

Dem Städtischen Gymnasium Bad Laasphe (siehe auch unten) macht das Gebäude selbst einen Strich durch die Rechnung. Steffen Roth, Verwaltung, gibt zu bedenken: „Vorausgesetzt, dieses System würde Lehrer, Schüler und Eltern überzeugen; unsere Räume sind wohl zu unterschiedlich groß.“

Ein Platzproblem der gegensätzlichen Art schildert Kurt Ermert, Rektor der Realschule Schloss Wittgenstein: „Wir haben das System aus Raumnot eingeführt, wir hatten zu viele Klassen bei zu wenig Räumen.“ Da diese generell aber bis zu 30 Schüler fassen, habe das Lehrer-Raum-System die Zimmer wie gewünscht voll ausgelastet. Das Kollegium, so Ermert, sei anfangs mitunter misstrauisch gewesen, „daher haben wir uns für eine halbjährige Probezeit entschieden.“ Mögliche Probleme mit der „Entwurzelung“ der Schüler haben die Kollegen und er umschifft, indem sie die Zimmer mit Bildern etwa von gemeinsamen Unternehmungen schmückten. Nach rund fünf Jahren bekräftigt Ermert: „Ich würde es wieder genau so machen.“

Ein lehrergebundenes Klassenzimmer ist am Berleburger Johannes-Althusius-Gymnasium aktuell kein Thema. Schulleiter Erwin Harbrink: „Ich bin kein besonderer Freund des Lehrer-Raum-Prinzips. Gerade die Fünft-und Sechstklässler brauchen Räume, mit denen sie sich auf Dauer identifizieren können.“

Marcel Krischik

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Neue App WP TOP 10
Bildgalerie
Smartphone
Motorsägen und fliegende Äxte
Bildgalerie
Holzmarkt 2016
article
10261192
Starkes Konzept mit kleinen Tücken
Starkes Konzept mit kleinen Tücken
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-bad-berleburg-bad-laasphe-und-erndtebrueck/starkes-konzept-mit-kleinen-tuecken-id10261192.html
2015-01-21 23:15
Nachrichten aus Bad Berleburg, Bad Laasphe und Erndtebrück