Satirische Zeitreise mit Jürgen Becker

Tour de Force durch die Zeitgeschichte im Bürgerhaus Bad Berleburg: Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker polarisierte und beeindruckte mit seinem Programm „Der Künstler ist anwesend“ gleichermaßen.
Tour de Force durch die Zeitgeschichte im Bürgerhaus Bad Berleburg: Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker polarisierte und beeindruckte mit seinem Programm „Der Künstler ist anwesend“ gleichermaßen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Der Kölner Kabarettist begeisterte das Berleburger Bürgerhaus mit intelligentem Witz und scharfer Zunge.

Bad Berleburg..  Licht aus, Spot an. Jürgen Becker betritt die Bühne des Bürgerhauses. Humor lebt von seiner Fallhöhe, stellt er gleich einmal klar, die sei in der Religion nun mal am größten, in der Kunst aber auch nicht gerade gering. Sein Berleburger Publikum hängt ihm von der ersten Sekunde an an den Lippen, es erlebt den Kölner Kabarettisten in den kommenden zweieinhalb Stunden in Hochform. Kleinkunst auf kleiner Bühne, große Themen mit großem Anspruch. Becker ist der Reiseführer bei dieser temporeichen Tour de Force durch Religions- und Kulturgeschichte, er ist schonungslos, in homöopathischen Dosen auch respektlos. „Satire muss schmerzen“, sagt er. Zustimmendes Nicken im Saal.

Jeder bekommt sein Fett weg

„Der Künstler ist anwesend“, hat der 55-Jährige sein aktuelles Programm getauft. Becker verspricht nicht zu viel. Sein Kunstgriff: Er unterhält und bildet zugleich. Jeder noch so charmanten Pointe - und auch dem gelegentlich eingestreuten Herrenwitz - steht fundiertes Wissen vor. Auf den Aha-Effekt folgt der Haha-Effekt. Kunst und Religion die Luft ablassen, das Pompöse nehmen, das ist sein Anliegen. Gesagt, getan.

So bekommen kirchliche Würdenträger mit pädophilen Neigungen in gleichem Maße ihr Fett weg wie der in Siegen geborene Maler Peter Paul Rubens und seine fülligen Frauen. Barock als „Rationalismus im Speckmantel“. Der Bildhauer war einst der, der Leben erhält. Heute sorgt sich Becker, dass die Leber hält. Die zwei Techniken der Wandmalerei: Secco und Fresco. Die zwei Vorlieben der Vernissage-Gänger: Sekt und Fressen.

Spirituelle Rush Hour

Pause. Eine knappe Stunde ist um, eine echte „spirituelle Rush Hour“, um die Worte des Protagonisten zu bemühen. Nun hat das Bürgerhaus ein Problem: Kurzweil. Die Zeit fliegt förmlich davon, fast noch schneller als Beckers Zoten und Anekdoten aus ihm heraussprudeln. „Bildung kann also doch Spaß machen“, befindet Rüdiger, 61, Exil-Kölner aus Berleburg. Er schmunzelt und drückt die Zigarette aus. Sein „Heimatabend“ geht weiter.

Marburger: „Passt genau in unser Programm“

Becker dröselt die EU-Finanzkrise auf: Die Griechen kultivierten einst den Säulenbau, beim Versuch, den römischen Bogenbau zu imitieren, knallten ihnen die Steine auf den „Deez“, wie der Kölner sagt. Mit der Folge, dass sie heute nicht rechnen können.

Die Schamesröte im Gesicht

Die Gründung der Katholischen Kirche? Die Sache mit Petrus, dem Fels, auf dem Jesus seine Kirche baute? Ein großer Witz in der Geschichte der Menschheit. Was nicht passt, wird passend gemacht, so funktioniert die Theologie. Mitternachtsspitzen am Donnerstagabend.

Dann setzt Becker zum Schlussplädoyer an: „Das Ordinäre und das Hässliche gehören zur Kunst.“ Die Kirchengänger, die Besucher von Kunstausstellungen, die Leute im Publikum, denen plumpe Nacktheit und Vulgärsprache in der Regel die Schamesröte ins Gesicht treibt: Becker hat sie an diesem Abend alle unterhalten, angeregt, mitunter auch aufgeregt und schließlich doch befriedet. Nicht zuletzt mit kistenweise Kölsch, das er beim abschließenden Plausch mit seinen Gästen spendiert. „Die Kleinkunst“, beschwört der Rheinländer mit der scharfen Zunge den Saal, bevor er den Flaschenhals ansetzt, „findet ohne Sie als Zuschauer erst gar nicht statt. Denn wenn keiner kommt, fällt es aus. Das Kunstwerk entsteht erst gar nicht ohne Sie.“