Röhren-Radio Bergstein – made in Erndtebrück

Gottfried Fritsch (75) aus Erndtebrück zeigt eines seiner Schätzchen: Es ist das Modell "W72" der Erndtebrücker Firma Bergstein Apparatebau GmbH.
Gottfried Fritsch (75) aus Erndtebrück zeigt eines seiner Schätzchen: Es ist das Modell "W72" der Erndtebrücker Firma Bergstein Apparatebau GmbH.
Foto: WP
Sammler Gottfried Fritsch ist stolz auf sein „W 72“. Hersteller ging nach zweijähriger Produktion Pleite.

Erndtebrück..  Saba, Loewe Opta, Mende oder Telefunken – Geräte dieser fast vergessenen Radio-Marken sammelt der Erndtebrücker Gottfried Fritsch mit großer Leidenschaft. Auf einen seiner Empfänger kann der 75-Jährige besonders stolz sein: Es ist das Modell „W 72“, hergestellt um das Jahr 1950 von der Bergstein Apparatebau GmbH in Erndtebrück.

Begonnen hat die Geschichte eigentlich in Attendorn, weiß Gottfried Fritsch zu berichten. Dort wickelten Mitte der 1920er Jahre die Brüder Josef und Albert Schulte Spulensätze und stellten verschiedene Empfänger her. Zu ihnen bekam später der Erndtebrücker Röhrensockel-Hersteller Heinrich Wiedersprecher Kontakt zu den Schulte-Brüdern. Sie gründeten gemeinsam mit einem 20 000-Mark-Kredit die Bergstein GmbH mit Sitz an der Siegener-Straße, wo später das „Bernstein-Stübchen“ betrieben wurde.

Chef-Ingenieur war Gottfried Saeurig. Den wiederum hatte sein Vornamensvetter Fritsch an dessen Arbeitsstelle in Wemlighausen kennengelernt. Dorthin hatte es die Familie Fritsch in 1948 verschlagen, nachdem sie ihre oberschlesische Heimat Bielitz verlassen mussten.

Zubehör aus dem Bombentrichter

Schon früh hatte Gottfried Fritsch bemerkt, dass etwas Technisches sein Hobby werden könnten. „Bei einer alten Kaserne in Thüringen habe ich in einem Bombentrichter Batterien, Lampen und Transformatoren eingesammelt, und damit bastelt“, lacht Fritsch, „da war meine Leidenschaft entfacht.“

2000 Exemplare in Erndtebrück gefertigt

So war es kein Wunder, dass sich der inzwischen nach Ludwigseck umgezogene Fritsch zum Elektroinstallateur ausbilden ließ; später hat er von 1964 bis zu seiner Pensionierung „im Kundendienst Radios, Fernseher und weiße Ware gewartet“.

Echtholz und hochwertiges Furnier

Und wie ist das Bergstein-Radio in seinen Besitz gekommen? „Meine Tante Gertrud Zacnik aus Wemlighausen hatte das Gerät gekauft. Später hatte es meine Großtante Grete Kurowski, bis sie mir sagte, nimm dir das ahle Ding mal mit...“

Das aus Echtholz und Furnier hergestellte Gehäuse stammte wohl von der Schreinerei Birkelbach, vermutet Fritsch, die beim Birkelbach-Nachfolger Heinz Müller noch „einige Hundert Bergstein-Gehäuse“ entdeckte. Mit Technik sind sie nie mehr gefüllt worden. Vielmehr, so schreibt der Stuttgarter Sammler und Autor Günter F. Abele in seinem Buch „Historische Radios“, fertigte Gottfried Saeurig aus den Resten der Bergstein-Produktion die letzten Wittgensteiner Radios.

Sie kaufte der damalige Leiter der VEW in Armsberg zum kleinen Preis, um sie ebenso preiswert an Mitarbeiter weiterzugeben. Abele, heute 86 Jahre alt, erinnert sich an seine Recherche: „Hans Necker, der Betreiber des Radio-Museums in Bad Laasphe, hat mich auf Bergstein aus Erndtebrück aufmerksam gemacht. In Zeiten des Wirtschaftswunders war es keine Seltenheit, dass viele kleinere Firmen Radios bauten.“

Stopp bei Roger Whittaker

Na ja; ob das Unternehmen Bergstein klein gewesen ist? Die Westfalenpost schreib jedenfalls damals: „...mit ca. 45 Mitarbeitern werden täglich etwa 30 Geräte gefertigt.“

So steil der Firmenaufbau vonstatten gegangen war, so rasant ging er auch wieder bergab. Es war kein Geld mehr da für Investitionen, Bergstein musste Vergleich anmelden.

Aber das macht Gottfried Fritsch nichts aus; er ist stolz, dass er den Tüftler Gottfried Saeurig kannte, der ihm aus zwei kaputten einen funktionierenden Volksempfänger baute. Und so wie seinerzeit Saeurig kann der Erndtebrücker heute noch alte Röhren verbauen, Spulen wickeln und defekte Geräte reparieren. Das aber nur für Freunde und Bekannte. Denn: „Ich kann vieles, nur eines nicht – mich in die Ecke setzen und nichts tun.“ Und wenn der 75-Jährige an solch einem alten Schätzchen den Sender von links nach rechts kurbelt, wird er ganz sicher stoppen, sobald Roger Whittaker singt. „Den mag ich gern hören mit dem Klang der alten Geräte; weil der ein ganz anderer war als die heutigen Blechdinger.“