Neues Jagdgesetz - „Wildschweine werden im Winter verhungern“

Bache mit Frischlingen an einer Kirrung (Fütterung) im Wittgensteiner Forst.
Bache mit Frischlingen an einer Kirrung (Fütterung) im Wittgensteiner Forst.
Foto: Wolfram Martin
Was wir bereits wissen
Rund 70 Prozent Fläche des Kreises Siegen-Wittgenstein sind Waldgebiet. Allein in Wittgenstein gibt es knapp 100 Jagdreviere. Wir haben mit den Leitern der beiden Wittgensteiner Rentkammern, Forstdirektor Johannes Röhl (Bad Berleburg) und Henning Graf von Kanitz (Bad Laasphe) über das neue ökologische Jagdgesetz gesprochen.

Wittgenstein.. Das geplante und am Dienstag von der Landesregierung durchgebrachte Ökologische Jagdgesetz trifft im Kreis Siegen-Wittgenstein mit seinen knapp 100 Jagdrevieren in besonderem Maße zu. Wir haben hat den Leitern der beiden Wittgensteiner Rentkammern, Forstdirektor Johannes Röhl (Bad Berleburg) und Henning Graf von Kanitz (Bad Laasphe) fünf Fragen gestellt. Es gibt unterschiedliche Antworten.

Wird das neue ökologische Jagdgesetz wesentliche Einschränkungen in Ihrem Jagdbetrieb mit sich bringen – wenn ja, welche?

Johannes Röhl: In der Form, wie es das Kabinett beschlossen hat, hätte das Gesetz erhebliche Einschränkungen für uns zur Folge. Das Verbot der Fütterung von Rotwild vor dem 1. Januar bis 31. März ist völlig absurd, da bei uns, wie jeder weiß, dann die Vegetationszeit schon lange vorüber ist und kaum noch natürliche, ausreichende Nahrung für das Wild zur Verfügung steht und diese erst mit Beginn der Buschwindröschenblüte, meist gegen Anfang Mai, wieder verfügbar ist.

Gesetz tangiert die Jagden im Staatswald nicht

Wir werden zu überlegen haben, ob wir unter diesen Umständen den Rotwildbestand bei uns noch so werden halten können, da es ohne Fütterung in der Notzeit zu massiven Schäden an Bäumen kommen wird, die wir als Forstbetrieb nicht dulden werden. Die Ausweitung der Jagdzeit des Rotwildes nach vorne, also ab dem Mai, ist tierschutzmäßig der Supergau. Nachgewiesenermaßen führt die frühe Bejagung bei den Muttertieren zu erheblichem Stress in dieser Zeit. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse spielen im Entwurf ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Böse Rindenfresser = Tierschutz egal.

Als weiteres unsinniges Beispiel für die geplanten Regelungen sei darauf hingewiesen, dass die erheblichen Einschränkungen in der Jagdzeit und Jagdmethoden bei Füchsen über kurz oder lang wieder zu den ersten Tollwutfällen führen werden, von Räude und Staupe, zwei Krankheiten, die bei Überbesatz mit Füchsen auftreten und die zum langsamen qualvollen Tod der Füchse führen sowie Hunde erheblich gefährden, einmal ganz abgesehen. Das wird dann auch jeden Waldbesucher betreffen.

Henning Graf von Kanitz: Grundsätzlich sehen wir keine wesentlichen Einschränkungen.

Was halten Sie vom geplanten, generellen Fütterungsverbot für Schwarzwild?

Röhl: Durch diesen Gesetzentwurf wird Tierschutz plötzlich teilbar. Es gibt die „guten“ Tiere, denen man in unserer durch Menschen überprägten Landschaft beim Überleben helfen darf und die „bösen“ wie das Schwarzwild. Das Schwarzwild soll nach dem Wunsch des Kabinetts in den Wintern gerne verhungern. Kampf mit allen Mitteln gegen eine einheimische Wildart! Außerdem haben wir bisher recht erfolgreich durch Ablenk-Fütterung das Schwarzwild im Wald gehalten. Ohne die Ablenk-Fütterungen werden die Schäden im angrenzenden Grünland extrem ansteigen – die Jagdpächter werden sich über die durch sie zu erstattenden Wildschäden sehr „freuen“.

Graf von Kanitz: Wir füttern kein Schwarzwild; da wir auch keine Rübenfütterung von Rotwild betreiben, ist eine unbeabsichtigte Fütterung von Schwarzwild auch dort ausgeschlossen. Die Kirrung bleibt als Bejagungshilfe erhalten. Seit der Schweinepestproblematik haben wir von Ablenkungsfütterungen abgesehen.

Halten Sie überhaupt eine Fütterung von Rotwild oder Rehwild bei uns für notwendig?

Röhl: Wenn wir diese Arten bei uns im Wirtschaftswald erhalten wollen, müssen wir sie füttern. Das Rehwild bedarf in strengen Wintern im Mittelgebirge unserer Hilfe (es sei denn, es wird wie das Schwarzwild zur „bösen“ Tierart ernannt, dann darf es ja auch gerne verhungern).

Das Rotwild füttern wir ja nicht, wie oft suggeriert wird, um starke Geweihe zu produzieren, sondern um dieser größten Hirschart Mitteleuropas im Wirtschaftswald noch einen Lebensraum zu erhalten, ohne dass es zu massiven Wildschäden im Winter kommt.

Früher konnten diese Wildarten in die schneearmen Talräume ausweichen. Diese sind durch den Menschen besetzt und stehen als Winterlebensraum nicht zur Verfügung. Wenn wir den Lebensraum einschränken, müssen wir das fehlende Futterangebot kompensieren. Kurz gesagt: Ohne Winterfütterung beim Rotwild hätten wir zumindest in unserm Betrieb kein Rotwild mehr. Das würde bei manchem grünen Politiker und leider auch manchem Forstkollegen aber auch nur ein müdes Achselzucken hervorrufen.

Graf von Kanitz: Rotwild sollte in gewissem Umfang durch Raufutter über die winterliche Notzeit gebracht werden, da die klassischen Wintereinstandsgebiete in den landwirtschaftlich genutzten oder besiedelten tieferen Lagen nicht erreichbar sind. Zudem verhindert die Fütterung in gewissem Umfang Schäl- und Verbissschäden am Wald. Größere Eigenjagdbetriebe versuchen Rotwild vorrangig bei Drückjagden zu erlegen. Dies ist teilweise auch noch bis in den Januar notwendig. Wenn dies nach Beginn der Fütterung und mit Hunden im Januar nicht möglich ist, ist dem Betrieb diese Regulationsmöglichkeit genommen.

Rehwildfütterung auf diese Wildart bezogen betreiben wir nicht, jedoch hat Rehwild mit von Rotwildfütterungen profitiert.

Gibt das neue Gesetz auch Erleichterungen – etwa durch das Wegfallen der Präsentation von bestimmten Trophäen?

Röhl: Es gibt eine Regulierungswut in dem Gesetzentwurf, der kaum zu überbieten ist. Da fallen die wenigen „Liberalisierungen“ kaum ins Gewicht.

Graf von Kanitz:

Der Wegfall des Abschussplanes für Rehwild ist sinnvoll.

Halten Sie es für sinnvoll, die Jagdzeit auf den Rehbock zu verlängern?

Röhl: Das ist für uns kein Problem. Es steht ja jedem Revierinhaber frei, in seinem Revier die Jagdzeit auf Rehböcke auf die Zeit zu beschränken, in denen der Bock sein Gehörn noch trägt.

Graf von Kanitz: Die Entkriminalisierung des Bockabschusses zur Schonzeit erleichtert die Bejagung mittels Drückjagden. Niemand wird gezwungen, den abgeworfenen Bock zu schießen. Daher ist diese Regelung sinnvoll.