Mit Stenz und Charlottenburger auf der Walz

Berghausen..  Am Ortsschild von Berghausen, dort, wo alles begann, fand die Geschichte für Steffen Born auch ihr Ende. Der Berghäuser hatte sich nämlich vor drei Jahren und drei Tagen als „rechtschaffener fremder Zimmerer“ auf die Walz begeben. Damals war er, wie es die Statuten vorschreiben, ohne sich umzudrehen losmarschiert – in ein riesengroßes Abenteuer.

Was bewegt einen 22-jährigen, frisch gebackenen Gesellen dazu? Warum lässt man alles zurück? „Ich wollte mein Handwerk verfeinern, weiter lernen, reisen, fremde Kulturen und Menschen kennenlernen – die Abwechslung reizte mich.“ Er hatte im Internet recherchiert, Gesellenabende besucht und anschließend gewusst: „Das ist mein Ding!“ Erst nimmt den Neuling ein Altgeselle unter die Fittiche.

Zu Siebt ging es los Richtung Norddeutschland. Die vorgeschriebene Kleidung besteht aus einer Cordhose, einer Staude, dem weißen kragenlosen Hemd, Weste und Jackett. „Das Jackett ist mein Wohnzimmer, da ist alles drin, Nähzeug, 13er Schlüssel, Wanderbuch, Rasierer.“ Im Laufe der Zeit merkte er: Die Kluft ist im Sommer nie zu kalt und im Winter nie zu warm, trotzdem muss man sie beim Reisen immer tragen.

Auf dem Kopf ein Hut, am Hemd ein Schlips, Ehrbarkeit genannt, in der Hand den Wanderstock und an der Schulter hängt der sogenannte Charlottenburger. Ein Bündel, in dem alles aufbewahrt ist, was man(n) braucht: Arbeitskleidung, Schlafsack, Weste, Staude, Unterhosen, Socken, Badehose und natürlich Hammer, Cuttermesser, Bleistift. Alles ordentlich in Tücher eingerollt. „Nirgends Werbung, keine Einkaufstüten, man präsentiert nur sich selbst.“

Schornsteinfeger oder Zauberer?

Deshalb war die Frage mancher Unwissenden: Seid ihr Schornsteinfeger? Oder Zauberer? irgendwie berechtigt. Die Wandersleute fallen überall auf. Sein Übriges tut der Wanderstock, Stenz genannt. Er wird selbst geschnitten aus einem Baum, den sich das Geißblatt als Wirtspflanze ausgesucht hatte. Daher diese typische, gedrehte Struktur. Man kann die 7 bis 12 Kilogramm Gepäck („am Anfang waren es mehr. Man beschränkt sich später auf das Nötigste“), darüber hängen, wenn man, den Daumen hoch, an der Straße steht.

Steffen war oft auf Schusters Rappen unterwegs, auch per Anhalter „vom Trecker bis Porsche GT war alles dabei“. Ohne feste Route, manchmal kommt man nur bis ins Nachbardorf, manchmal aber auch 500 Kilometer weiter, das weiß man morgens nicht. Daher immens wichtig: die Deutschlandkarte in der Beintasche. Im ersten Jahr darf man nur in Deutschland „tippeln“: Danach ging es in alle Länder rundherum.

„Ich spreche sehr gut Englisch, ansonsten verständigt man sich mit Händen und Füßen. Und ich bin immer untergekommen, auch im Winter.“ Zum Großteil war er in Zimmereien tätig, manchmal auch als Dachdecker, Maurer, Pflasterer, also rund um den Hausbau, aber auch als Landschaftsgärtner -- Gesetz: Man muss sich immer so benehmen, dass auch der nächste wieder willkommen ist. Unterwegs war Steffen Born im Sammelfieber. Städtesiegel der bereisten Ortschaften in seinem Wanderbuch waren die begehrten Trophäen. In den Rathäusern gibt es nur einen kleinen Obolus für durchreisende Wandergesellen, aber für Arbeit bekommen sie auch normalen Lohn. Born brauchte das Geld für Verpflegung, Schuhe („drei Paar habe ich durchgelaufen“), neue Arbeitskleidung, Krankenkasse, Gewerkschaft und fürs Reisen und Besichtigen von Sehenswürdigkeiten.

Die Unterkunft sucht man übrigens selbst. Die erste Nacht schläft man meist beim Meister, dann bei Arbeitskollegen, in einer Kammer oder Ferienwohnung. Für Übernachtung kann man zahlen oder arbeiten, zum Bespiel auf dem Hof helfen oder handwerkliche Arbeiten verrichten. In den Betrieben lernt man andere Materialien und Techniken kennen, dass Fachwerk anders gebaut wird, unterschiedliche Werkzeuge, in Sachen Brandschutz, Raumaufteilung bei Neubauten. Jede Firma arbeitet anders und „man nimmt das Beste mit.“

Unterwegs hat Born nicht nur gearbeitet, sondern auch viel Spaß gehabt – mit den Mitreisenden oder bei größeren Treffen. Wenn Gesellen zusammen sind, gehören „Schallern, Klatschen und Trudeln“ genauso wie Karten spielen dazu. Bei Trier hat Born übrigens den für Zimmerer typischen Ohrring verpasst bekommen. Das linke Ohr wird dabei an einen Balken genagelt, mit Schnaps desinfiziert und auf die Frage, Was zahlst du?, gibt es dann als „Lösegeld“ stiefelweise Bier. Zimmerer auf der Walz haben eben ihre eigenen Sitten und Gebräuche und Herbergen, wo man unterkommen kann. Doch wenn’s draußen warm ist, wird unterwegs auch mal am See, in der Kiesgrube oder in einer Hängematte übernachtet.

Mit der Familie in Kontakt

Mutter Gabriele Born: „Wir haben immer wieder zwischendurch Kontakt gehabt, wussten in groben Zügen, wo er ist.“ Es gab Postkarten, Anrufe von öffentliche Telefonen, E-Mails aus Internetcafes -- alles sporadisch, nach dem Motto: „Wenn wir nichts hören, ist alles gut.“

Das war es meist auch. „Ich hab’ durchweg Positives erlebt. Jede Menge Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Man kommt mit fremden Leuten ins Gespräch, die man nur nach dem Weg fragt. Man freut sich über Kleinigkeiten und Tipps, wo man arbeiten oder unterkommen kann. Und die sind manchmal mehr wert als Geld. Man lernt auch mit wenig auszukommen. Und wenn man bei minus 20 Grad durch die Pampa stapft und es nimmt einen keiner mit, da ist man froh, abends in einer warmen Stube zu sitzen.“

„Ich hab meine Entscheidung auch in solchen Momenten nicht bereut und kann es jedem jungen Gesellen empfehlen, auf die Walz zu gehen. Zugegeben, es gehört schon eine Portion Mut dazu und man muss chronischer Optimist sein, Durchhaltevermögen haben und darf kein ängstlicher Typ sein. Auf der anderen Seite gewinnt man an Lebenserfahrung und zahlreiche Freunde.“

Vielleicht zurück in die Schweiz

„Ich hab jetzt Kontakte fürs Leben – in ganz Europa, sogar auf Zypern. Da waren wir durch Zufall hingeraten und haben dort ebenfalls zufällig sogar den ZDF-Auslandskorrespondenten kennengelernt.“ Die Arbeitsmoral auf der Mittelmeerinsel sei allerdings nicht mit der hier in Wittgenstein zu vergleichen.

Apropos Wittgenstein: Als Born mit festem Schritt als „Freireisender“ wieder Berghäuser Terrain ansteuerte, hatte der 25-Jährige „schon ein flaues Gefühl im Bauch.“ Doch Familie und Freunde warteten bereits auf ihn und feierten anschließend eine Willkommensparty in der Wemlighäuser Schützenhalle.

Und nun, einige Tage später? „Ich muss die Bremse anziehen, mich langsam wieder an das Sesshafte gewöhnen. Aber ich suche mir bald Arbeit – vielleicht gehe ich auch wieder zurück in die Schweiz.“

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