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Exotische Gäste

Mit großer Alkoholleber

19.02.2010 | 14:06 Uhr

Wittgenstein. Sie fliegen in Trupps ein, haben eine Alkoholleber und sind gern gesehene Gäste.

Für Natur- und Tierfotografen stellen diese bunten, fast exotisch anmutenden Vögel die begehrtesten Fotomotive überhaupt dar. Nicht nur, weil sie als Singvögel mit 18 Zentimetern vergleichsweise groß sind und obendrein noch recht bunt erscheinen, sondern weil sie sich nicht in jedem Winter bei uns sehen lassen.

Ernährung von Mücken

Die Brutheimat des Seidenschwanzes ist Nordskandinavien, Nordosteuropa und Sibirien, wo sie ausgedehnte Nadel-, Misch- und Laubwälder bevorzugen, dort sogar häufig in Kolonien brüten und sich im Sommer ausschließlich von Insekten, vor allem Mücken ernähren. Ihre Beutetiere beobachten sie von hoher Warte und fangen sie anschließend im Fluge.

Invasion

In manchen Jahren erscheinen sie im nördlichen Mitteleuropa zur Winterzeit fast invasionsartig (so z.B. 2004/05 und 2008/09), was aber nichts mit großer, bevorstehender Kälte oder strengem Frost und schon gar nichts mit bevorstehenden Katastrophen zu tun hat, sondern mit Futtermangel erklärbar ist. Dieses invasionsartige Auftreten hat ihnen in den Niederlanden den Namen Pestvogel und in der Schweiz Sterbevögeli eingebracht. Normalerweise überwintern sie aber bei uns in Trupps oder in kleineren oder größeren Schwärmen. Aber sie kommen eben nicht jedes Jahr.

Und das macht sie für Fotografen und Ornithologen gleichermaßen so begehrt. Ihre Geselligkeit scheint sprichwörtlich zu sein, denn man sieht sie wirklich nur in Trupps, weshalb man von diesen schönen Vögeln fast immer in der Mehrzahl spricht.

Schwarmflug

Sie sind ausgezeichnete Flieger und ihr Schwarmflug erinnert etwas an den Flug der Stare, doch lassen sie gerne während des Fluges ein hohes, schwirrendes „Sirrr” in unterschiedlicher Lautstärke ertönen. Auffallend sind der markante Federschopf und der dunkle Schwanz mit gelber Endbinde sowie die lanzettartig verbreiterten, lackroten Spitzen der Flügeldeckfedern, weswegen sie bei den Briten Bohemian Waxwing genannt werden. Häufig sieht man bei uns diese bunten Wintergäste im Wipfelbereich von Birken, Ebereschen oder anderen, laubfreien Bäumen sitzen, wo sie nach Nahrung Ausschau zu halten scheinen. Und dann stürzen sie sich schwarm- oder truppweise auf die Beeren von Eberesche oder Schneeball. Gerade die roten Beeren des Schneeballs (Viburnum opulus) scheinen eine magische Anziehungskraft auf sie auszuüben und nicht selten haben sie in kürzester Zeit ganze Sträucher leergefressen - um dann wieder weiterzuziehen. Mit ein Grund, warum man den von einem bis zu vier Meter hohen Schneeball als „wilden Zierstrauch” bei uns wachsen lassen sollte: Im Sommer trägt er wunderschöne, weiße, flache, doldenähnliche aparte Blüten und im Winter leuchtend rote Beeren, die von den Vögeln erst nach dem ersten Frost angenommen werden.

Begehrte Beeren

Wittgensteiner Videofilmer haben in einem Jahr herausgefunden, dass sich die Seidenschwänze bei uns ausschließlich von den Beeren des Schneeballs ernährten. Und weil unter den vielen verzehrten Beeren zur Winterzeit auch leicht vergorene dabei sind, hat der Seidenschwanz im Vergleich zu allen anderen Vögeln die größte Leber, um den aufgenommen Alkoholgehalt zu kompensieren.

Das Foto entstand am 26. Januar 2009 derart überraschend, dass der Fotograf sich genötigt sah, durch die Wohnzimmerfensterscheibe zu fotografieren, was natürlich der Schärfe etwas abträglich ist. So aber kommt dieser malerische Vogel, dessen lackrote Enden der Armschwingen ideal mit den roten Beeren des Schneeballs harmonieren, fast wie gemalt daher…

Wolfram Martin

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