Mit Bildern die Augen öffnen

Wittgenstein..  Im Spirituellen Sommer 2014 gab es das Projekt „Wege durch Raum und Zeit“, bei dem die Schmallenberger Künstlerin Gabriele Schulz ihre Kunstwerke sowohl in der Evangelischen Kirche Raumland als auch in der Evangelischen Auferstehungskirche in Gleidorf zeigte. Quer durch den Kirchenkreis Wittgenstein gelang Gabriele Schulz in Zusammenarbeit mit den Pfarrern Elisabeth Grube und Dr. Dirk Spornhauer bei vielen Gelegenheiten ein beeindruckender Brückenschlag. Die Künstlerin schuf mit ihrer Installation ein anschauliches, dreidimensionales Bild. Die Kunst bescherte dem Wittgensteiner Kirchenkreis Schlagzeilen und zahlreiche gute Veranstaltungen.

Bezug zu Kindern

Und nun geht es auf dem Weg zum Reformations-Jubiläum in 2017 genau um dieses Thema. Nach Taufe und Toleranz, Musik und Politik ist 2015 ist das Bild das Thema. Das Schlagwort dazu lautet nach „gottesgeschenk“, „gottesklang“ und „gottesfarben“ diesmal „gotteswort“. In der Unterzeile steht: „Reformation. Bild. Bibel.“ Damit wird es offenkundig etwas abstrakter. Hier stellen unterschiedliche Menschen aus dem Kirchenkreis ihre Gedanken zum Themen-Jahr vor.

Im Sommer organisierte auch Anke Althaus-Aderhold in der Alertshäuser Kapelle drei Bilder-Ausstellungen von Künstlerinnen. Sie ist nicht nur Presbyterin der Evangelischen Lukas-Kirchengemeinde im Eder- und Elsofftal, sondern auch selbst Künstlerin.

Dementsprechend hoch ihre Wertschätzung fürs Bild: „Bild und Bibel? Dazu fällt mir ein, dass noch vor dem Wort, in dem wir uns mitteilen, Gedanken sind, die es formen, und den Gedanken helfen oftmals Bilder. Da bin ich schnell bei den Kindern, ob im Atelier oder in der Grundschule, mit denen ich unter anderem male und gestalte. Kinder, die ihre Emotionen zu Papier bringen, tun solches auf brillant klare Weise, genial komponiert mit einer ursprünglichen Ausstrahlungskraft, die sie nicht artikulieren könnten, forderte man sie dazu unsinnigerweise auf. Kinder sind im Stande, sich und die Welt durch Bilder zu erklären, zu erfahren und sich zu identifizieren.“ Erklären durch Bilder, das kennen wir aus der Bibel: „Bilder werden von Jesus sehr oft gebraucht, ich denke nicht nur um Beispiele zu geben, auch um Bilder zu schaffen, die in der individuellen Vorstellung eines jeden Zuhörers damals und auch in uns heute, sehr lebendig werden können, unser Innerstes besonders erreichen und so uns eigen werden.“

Besuch in Tansania

Fragt man den Oberndorfer Pfarrer Oliver Lehnsdorf nach Bild und Bibel, dann fällt auch ihm Jesus ein - und ein Besuch in Tansania. Der Vorsitzende des Partnerschafts-Ausschusses war mit einer Wittgensteiner Delegation im Sommer im Partnerkirchenkreis Ngerengere: „In Tansania gibt es natürlich sehr viele Jesus-Bilder. Eines davon hat mich besonders angerührt. Es hängt im Speisesaal eines Internats für geistig behinderte Kinder in Daressalam. Meiner Wahrnehmung nach sieht dieser Jesus gütig und warmherzig aus. Er ist allen in gleicher Weise zugewandt, und sucht mit ihnen den näheren Kontakt. Ich denke, dies ist auch der Grund, warum er in dieser Einrichtung so zu sehen ist.“

Und wie anschaulich illustrierend Bilder sein können, das berichtet auch Eslohes Pfarrer Jürgen Rademacher aus der Evangelischen Kirchengemeinde Dorlar, die nördlichste des Wittgensteiner Kirchenkreises: „Auf dem Turm unserer lutherischen Mutterkirche St. Petri in Dorlar befindet sich eine Engelfigur mit einer Posaune in der Hand. Der Engel ist beweglich, so dass er je nachdem wie der Wind steht, seine Botschaft in alle Täler unserer Gemeinde hineinposaunt. Die Fahne, die von der Posaune herabhängt, trägt als Aufschrift ein Wort aus dem Propheten Jesaja. Die Buchstaben sind in die metallene Fahne gestanzt und mit einem Fernrohr lesbar: ‚Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Weiche nicht, denn ich bin dein Gott.’“

Und das kann jeder ganz einfach verstehen, ohne dass es jemand erklären muss – was Pfarrerin Silke van Doorn ganz wichtig ist. Die Schulreferentin des Wittgensteiner Kirchenkreises erläutert: „Die Reformatoren wollten, dass alle Menschen selbst die Bibel lesen konnten. Keiner sollte auf die Deutungshoheit der Priester angewiesen sein. Jeder und jede formt sich, indem er liest und denkt und seinen unverwechselbaren Beitrag in diese Welt gibt. Keine Bevormundung. Kein Vorbeten. Jeder macht sich auf den Weg, Menschsein zu buchstabieren mit seinem eigenen Leben.“ Und für die Schulreferentin gibt es da einen klaren Zusammenhang: „Bildung kommt von Bild. Aber so wie wir uns von Gott kein Bild machen sollen und können, da er immer größer ist und mehr als die Summe aller Menschen Gedanken und Bilder über ihn, so ist unser Bild von uns selbst nicht statisch. Nein: Jeden Tag eröffnet sich die Welt neu. Wir können neu beginnen zu lernen, unseren Beitrag für die Welt ins Leben zu bringen. Jeder auf seine Weise. Das ist Bildung des Herzens. Das macht den Menschen zum Mensch.“

Frage nach der Wirkung

Wie sie gehört auch der Laaspher Pfarrer Dieter Kuhli zum Wittgensteiner Theologischen Ausschuss, der sich mit dieser Thematik beschäftigt hat. Auch der Ausschuss-Vorsitzende erinnert an Gottes Gebote: „Ich halte dieses Thema ‚Bild und Bibel’ für eines der schwierigsten überhaupt. Inhaltlich geht es um nicht weniger als um die Aktualität und Weisheit des zweiten Gebots: ‚Du sollst dir kein Bildnis machen!’ Nicht erst durch die Berichterstattung über die Kriege in Afghanistan, im Irak, im ehemaligen Jugoslawien stellt sich die Frage nach der beabsichtigten Wirkung von Bildern auf die Öffentlichkeit. Wer verbreitet – mit welchem Interesse – welche Bilder? Und was lösen diese Bilder aus? Genauso kann und muss man fragen nach den Bildern, die uns in der Werbung begegnen. Welche Markenklamotten muss man haben? Welche Bilder und Ideale von Männern und Frauen werden da transportiert – und gemacht? Und welche Bilder machen wir uns von Gott? Welche von unseren Mitmenschen? Wie sehen die Leitbilder aus für Kirche und Gemeinde? Und die Pfarrerbilder, denen wir meinen, entsprechen zu müssen? Deshalb bin ich dankbar, dass zumindest in der evangelisch-reformierten Tradition die Erinnerung an das biblische Bilderverbot niemals ganz vergessen wurde. Meines Erachtens geht es hier um wesentlich mehr als nur um kahl und nüchtern wirkende Kirchengebäude.

Das Bilderverbot hat eine kritische und befreiende Kraft; es kann uns davor bewahren, in der Bilderflut unserer Gegenwart zu ertrinken.“ Und es kann davor bewahren, das Abgebildete in der Abbildung gefangen zu nehmen: „Zu den wichtigsten und nachhaltigsten Erfahrungen meiner Schulzeit gehört der Jugendbibelkreis in Feudingen. Dort habe ich Anfang der 70er Jahre ein beeindruckendes Taschenbuch kennen und schätzen gelernt: Eine Sammlung von Predigten des Theologieprofessors Helmut Thielicke über die Gleichnisse Jesu. Titel: ‚Das Bilderbuch Gottes.’ Auf beeindruckend einfache Weise wird hier in einer Fülle sehr unterschiedlicher Bilder erzählt von Gott, dem liebenden Vater, der auf die Rückkehr seines verlorenen Sohnes wartet, von dem Sämann, der voller Zuversicht der guten Ernte entgegensieht, dem Weinbergbesitzer, der am Ende allen den gleichen Lohn auszahlt. Eine Fülle von Bildern, die uns die Treue und Barmherzigkeit Gottes vor Augen malen. Allerdings: nicht in fix und fertigen Bildern, die im Goldrahmen aufgehängt werden können, sondern in Erzählungen, in Worten also, die nicht einengen und festlegen, sondern die Augen öffnen, die einladen zum eigenen Weiterdenken.“

Chancen zum Weiterdenken

Und zum Schauen, zum Hören, zum Weiterdenken gibt es im Wittgensteiner Kirchenkreis im Themenjahr „Reformation. Bild. Bibel.“ unterschiedliche Chancen. Hier seien nur drei genannt: In Bad Laasphe werden die Passionsandachten und der Karfreitagsgottesdienst den 500. Geburtstag von Lucas Cranach bedenkend mit Motiven des berühmten Reformationsaltars der Wittenberger Stadtkirche gestaltet. Im Juni wird in der Laaspher Stadtkirche eine Ausstellung mit Gemälden von Erika Winkler und Fotos von Rainer Wunderlich zu sehen sein. Und im Herbst gibt es die Ausstellung „Bild und Bibel. Bildliche Darstellungen biblischer Geschichten im Lauf der Zeit“ in der Erndtebrücker Kirche. Und am Ende des Jahres ist dann ist das 2015er Thema der Reformations-Dekade in Rückblick hoffentlich nicht mehr ganz so abstrakt.