Lehrstunde in Menschenliebe und Freundschaft

Driss (Felix Frenken) ist darum bemüht, selbst beim „Kiffen“ oder Anziehen der Kompressionsstrümpfe für Philippe das Leben trotz Handicap lebenswert zu gestalten.
Driss (Felix Frenken) ist darum bemüht, selbst beim „Kiffen“ oder Anziehen der Kompressionsstrümpfe für Philippe das Leben trotz Handicap lebenswert zu gestalten.
Foto: WP

Bad Berleburg..  Philippe (Timothy Peach) und Driss (Felix Frenken) sind zwei Männer wie sie nicht unterschiedlicher sein können. Der eine umherspringend wie ein Gummiball, der andere still an seinen Rollstuhl gefesselt. Das Schicksal wird sie miteinander verbinden und „Ziemlich beste Freunde“ werden lassen.

Soziale Unterschiede

Die äußeren Unterschiede werden durch die sozialen Unterschiede der beiden Männer ergänzt. Philippe ist wohlhabend, studiert und kann sich ein Leben im Luxus leisten. Seine Privatsekretärin Magalie (Sara Spennemann) scheint ihm mit Verständnis und Intuition das Leben so angenehm wie möglich machen zu können, selbst der eine oder andere wichtige Handgriff im Umgang mit einem Tetraplegie- Patienten gelingt ihr mit Bravour. (Tetraplegie nennt die Medizin das Erscheinungsbild, wenn alle vier Gliedmaßen gelähmt sind und der Mensch nur noch imstande ist seinen Kopf zu bewegen.)

Wert der Menschlichkeit

Magalie initiiert die Anstellung Driss´ als Pfleger und „Kümmerer“ für Philippe – zunächst mit harter Bewährungsprobe. Driss ist zunächst gar nicht scharf darauf, einem verunfallten Paraglider den Hintern abzuwischen, ihn zu rasieren oder ihn anzuziehen, um dann den Unterhalter für den Patienten zu spielen. Eigentlich benötigt er lediglich eine Unterschrift Magalies zur Vorlage beim Arbeitsamt, um Arbeitslosengeld zu erhalten.

Doch zwischen Philippe und Driss macht es „Klick“. Beide spüren von Anfang an den Wert ihrer Menschlichkeit. Die Männer empfinden zwar etwas Unsicherheit sich gegenüber, doch der eine hilft dem anderen. Philippe, kein Lamentierer, reicht Driss virtuell die Hand, schnabuliert köstlich mit dem dunkelhäutigen sozialen Härtefall. Driss antwortet in ebenso komödiantischer Weise. Das Eis ist schnell gebrochen und der Mann im „Kinderporsche“ und die „strubbelige Gummipuppe“ schwimmen auf einer Welle.

Eine Symbiose wundervoller Natur entwickelt sich hier. Es geschieht, was die Gesellschaft in den Köpfen nicht toleriert. Freundschaft zwischen Menschen, die von Status und Erscheinungsbild überhaupt nicht zusammenpassen dürften, und dies nur aus einem Grund: Philippe kann nichts, außer seinen Kopf, sein Gehirn hervorragend einsetzen. Er lebt mit seinem Wohlstand im körpereigenen Gefängnis, ohne die Hilfe eines Driss ist ihm nichts möglich, er würde vegetieren bis zum Ende. Driss ist frei – aus hartem sozialem Umfeld mit krimineller Vergangenheit, Drogenerfahrung und schwierigstem familiären Verhältnis. Doch der junge Mann ist klar im Vorteil. Sein Körper ist frei, nicht nur die Gedanken. Er kann physisch all das umsetzen, was der Kopf ihm befiehlt und so sieht er sich und auch Philippe ihn als Arm des Tetraplegie-Patienten.

Subtile Heiterkeit

Sprechenden kann geholfen werden, das wirkt auch im Zwischenmenschlichen der beiden Protagonisten. Nichts bleibt unerwähnt. Von Erotik, die bei Philippe nur noch über das Lecken des Ohrläppchen zu funktionieren scheint – also hat er eben hier seine „orogene Zone“, mit Ohrring ist das dann sein erstes Intimpiercing, bis hin zum platonischen Liebesbriefverhältnis zu Eleonore in Dunkerque. Für Driss zunächst unvorstellbar ohne den echten Sex leben zu können. Hier würde er dem Gelähmten gern Abhilfe leisten: „Legen wir doch einen Ordner für Nutten an“. Driss bringt eine subtile Heiterkeit ins Bild, fährt mit Philippe „irre“ Partien im Luxusrollstuhl, der im Tempo „getuned“ werden muss, damit Philippe auch beim Joggen mithalten kann. Ein Weggang Driss´ und das kurze Intermezzo eines anderen Intensivpflegers (Michel Hebler) bringt allerdings nur Verdruss. Driss muss wieder her. Er tut gut und kann Philippe in allen Belangen das Wasser reichen.

Das Publikum im vollbesetzten Bürgerhaus bekommt hier eine Lehrstunde par excellence in Sachen Menschenliebe und Freundschaft. Hier lernt der Zuschauer wie Vertrauen aufgebaut wird über soziale Grenzen gesprungen wird, Klischee-Mauern eingerissen werden und wie Offenheit zu Verständnis, zum Abbau von Vorurteilen und Mitleid verhilft.

Hinten kommt der Dank

Das Tourneetheater Thespiskarren greift in der Bühnenfassung des gleichnamigen Films „Ziemlich beste Freunde“ nach dem gleichnamigen Film von Éric Toledano und Olivier Nakache all das auf und vollführt eine Meisterleistung des Schauspiels. Bei tosendem Applaus wird sehr schnell klar, hier haben sich alle ohne Ausnahme eine Lehrstunde fürs Leben gegönnt – mit Humor, teils bittersüßen Lehrsätzen und ganz hinten steht der Dank, egal in welche Richtung: „Ich kann gehen, auf meinen Füßen stehen – ich bin frei. Mit diesen Fähigkeiten kann ich Bäume ausreißen.“

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