Kultur auf dem Land wird zu günstig angeboten

Kreiskulturreferent Wolfgang Suttner (rechts - hier mit Ralf Gerecht bei der Vorstellung des Kulturhandbuchs)  spricht sich für stärkeres Sponsoring in der Kultur aus.
Kreiskulturreferent Wolfgang Suttner (rechts - hier mit Ralf Gerecht bei der Vorstellung des Kulturhandbuchs) spricht sich für stärkeres Sponsoring in der Kultur aus.
Foto: Jens Plaum

Wittgenstein..  Das Neujahrskonzert beschert der Philharmonie Südwestfalen in diesen Tagen wieder volle Häuser in der Region. In Bad Berleburg startet das Publikum am morgigen 6. Januar musikalisch beschwingt ins neue Jahr, Bad Laaspher Musifreunde haben eine Woche später Gelegenheit, zu relativ erschwinglichen Preisen ein niveauvolles Konzert zu hören – ein Stück zu preiswert, meint Kreiskulturreferent Wolfgang Suttner, der sich in einem Interview mit unserer Zeitung zum Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirklichkeit auf dem Lande äußert.

Frage: Herr Suttner, welchen Stellenwert nimmt Kultur auf dem Lande ein und wie schwierig ist es, Kulturveranstaltungen umzusetzen.

Wolfgang Suttner: Zunächst muss man mal deutlich machen, dass wir hier über den größten Teil Deutschlands reden. 90 Prozent der Bundesrepublik sind ländlicher Raum. Dort leben 54 Prozent der Bevölkerung. Diese Zahlen zeigen doch schon, wie wichtig es ist, den ländlichen Raum genügend Beachtung zu geben. Hinzu kommt, dass auch sehr viele Künstler auf dem Lande leben, das deshalb sehr oft auch als Experimentierfeld dient.

Gleichwohl ist der ländliche Raum aber in etlichen Kulturbereichen unterrepräsentiert?

Was man auch an Zahlen festmachen kann. Es gibt zum Beispiel 23 Sinfonieorchester in Nordrhein-Westfalen, davon sind aber nur zwei im ländlichen Raum angesiedelt.

Eins davon hat seinen Sitz im Kreis Siegen-Wittgenstein. Es gibt Menschen, die meinen, dass dafür zu viel Geld bezahlt wird. Geben wir zu viel für Kultur in Siegen-Wittgenstein aus?

Kultur macht etwa ein Prozent der Kreishaushaltes aus. Ein großstädtischer Kulturreferent tritt in der Regel an, um zwischen 3 und 5 Prozent für seine Kulturarbeit zu erstreiten. Und was das Orchester betrifft, so haben wir die Mittel gerade um 40 Prozent, also um rund 240 000 Euro angehoben. Das ist notwendig, weil die Philharmonie eine Qualität liefern muss, die auch in großen Häusern akzeptiert wird, gleichzeitig aber auch in jeder Ackerfurche spielen muss. Wir müssen gute Musiker halten. Daraus ergibt sich auch, dass wir entsprechende Personalkosten haben. Im Jahr sind das ungefähr vier Millionen Euro.

Wenn man diese Kosten sieht und die im Vergleich zu Großstädten deutlich günstigeren Eintrittspreise, dann könnte man zu dem Schluss kommen, dass hier Kultur zum Schnäppchenpreis zu haben ist?

Das ist wohl in der Tat so. Wenn die Philharmonie mit 70 Mitarbeitern eine Woche für eine Produktion probt, dann müsste ich für das Konzert anschließend kostendeckend 60 000 Euro berechnen. Tatsächlich wäre ein normales Konzert irgendwo in der Region mit 12 000 Euro vernünftig bezahlt, da wir nur zu 80 Prozent subventioniert werden. Wir erhalten aber nur knapp die Hälfte. Die Region weiß gar nicht, wie günstig sie die Konzerte bekommt.

Das heißt aber letztlich auch, dass die Besucher mehr zahlen müssten. Ist das nötig?

Wir haben bei KulturPur Roger Hodgson (Supertramp) für 39 Euro angeboten. In der Siegerlandhalle werden jetzt dafür 81 Euro aufgerufen. Die Leute müssen sich daran gewöhnen, dass Topstarts auch auf dem Land ihren Preis haben. Den Managements von internationalen Bands ist das schließlich auch egal, ob ihre Künstler auf dem Land oder in der Stadt auftreten.

Ist es schwieriger anspruchsvolle Kultur auf dem Land anzubieten?

Grundsätzlich schon. Mit experimentellen Veranstaltungen sprichst Du in München vielleicht 800 Leute an, bei uns sind es vielleicht 50. Da muss man einen langen Atem haben, um Dinge durchzusetzen.

Letztlich ist doch alles eine Frage des Geldes. Viele Kommunen sind aber im Nothaushalt und geben für Kultur kaum noch etwas aus. Woher sollen die Mittel kommen?

Man muss noch viel mehr Kraft für die Sponsoring-Akquise aufbringen. Denn letztlich haben wir in der Region eine starke mittelständische Industrie, die ihre Fachleute hier halten will. Kultur hat Klebekraft und spielt als Standortfaktor eine wichtige Rolle. Es gibt Unternehmer, die das auch sehen, viele andere sind aber noch zugeknöpft. Die Bereitschaft zum Mäzenatentum muss größer werden. Früher haben Klerus und Adel für Kultur gesorgt. Das müssen heute die Bürger selbst machen. Aber ihre Beiträge müssen eingeworben werden. Dafür fehlt den hauptamtlichen Kulturmanagern die Zeit. Meine Idee wäre, das mit ehrenamtlichen Mitarbeitern zu versuchen.

Im Übrigen wird der Nothaushalt in NRW künftig wahrscheinlich kein Grund mehr sein, Kultur nicht zu unterstützen. Entsprechende Gesetzesvorlagen sind in Vorbereitung und auch nötig. Kultur ist nicht nur für einige wenige Bürger wichtig. Schließlich gehen mehr Menschen in Museen als in Fußballstadien.