Kampfansage an chronische Schmerzen

Dr. med. Michael Stiehl leitet das Schmerzzentrum der Helios-Klinik in Bad Berleburg. Sein ausgemachtes Ziel ist es, Menschen mit chronischen Schmerzen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
Dr. med. Michael Stiehl leitet das Schmerzzentrum der Helios-Klinik in Bad Berleburg. Sein ausgemachtes Ziel ist es, Menschen mit chronischen Schmerzen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Dr. med. Michael Stiehl informierte im Rahmen der Vortragsreihe „Gesund in Wittgenstein“ in der Helios-Klinik Bad Berleburg über die „multimodale Schmerztherapie“.

Bad Berleburg..  Nur ganz wenige Plätze in den hinteren Reihen des Konferenzsaals der Helios-Klinik in Bad Berleburg sind noch frei. Neugierige, hoffnungsvolle Augenpaare ruhen auf Dr. med. Michael Stiehl, dem leitenden Arzt des Schmerzzentrums. In der kommenden Stunde referiert Dr. Stiehl im Rahmen der Vortragsreihe „Gesund in Wittgenstein“ über chronischen Schmerz, seine Ursachen und vor allem die Behandlung mittels der „multimodalen“, heißt ganzheitlichen Therapie. Die anschließende Fragerunde dauert fast noch einmal so lang.

Diagnostik das A und O

„Schmerzen“, stellt der Mediziner gleich zu Beginn klar, „sind nicht einfach wegzuspritzen.“ Bei chronischen Leiden sei die Diagnostik das A und O. „Zunächst einmal ist es wichtig herauszufinden, was die Ursache ist und ob diese behandelbar ist oder eben nicht.“ Dabei sei es oft alles andere als leicht, die Quelle des Schmerzes präzise zu verorten. Handelt es sich vielleicht um einen versteckten Bruch nach einem Sturz? Weisen die chronischen Rückenschmerzen auf einen Diabetes hin? Ist es Rheuma, Arthrose, Osteoporose oder gar eine Kombination? Oder ist die Ursache psychosomatischer Natur?

Eines stellt Dr. Stiehl für den Arztbesuch sofort klar: „Geben Sie sich nicht zufrieden mit ‘Da ist nichts’. Dass ich sie wegschicke, werden Sie nicht erleben.“ Sein Ziel sei stets das „selbstbestimmte Leben“ seiner Patienten: „Dann bin ich heilfroh.“

Muskelaufbau gegen den Schmerz

Monika L.* ist 65 Jahre alt und hat Operationen an Knie und Rücken hinter sich, sie leidet seit acht Jahren unter andauernden Schmerzen. „Manchmal wird der Schmerz so heftig, dass ich denke ’Ich halt’s nicht mehr aus, ich lasse mich wieder operieren’.“ Sie hat einzelne (monomodale) Therapien hinter sich, sie besucht den Vortrag, weil sie die zwei- bis dreiwöchige, stationäre Behandlung in Erwägung zieht: „Vielleicht muss ich mich irgendwann mit den Schmerzen abfinden. Aber ich will alles ausprobiert haben.“ Laut Dr. Stiehl haben Studien belegt, dass diese Form der Therapie die einzige sei, deren Wirkung - anders als bei gängigen Schmerzmitteln - über drei Monate hinaus anhalte.

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Um eine möglichst genaue Diagnose zu erstellen, ist das Ausfüllen des „Schmerzfragebogens“ von immenser Bedeutung. Dieser umfasst stolze 20 Seiten. „Das ist aufwendig“, weiß der leitende Arzt, „aber den Therapeuten eine extrem große Hilfe.“ Nicht weniger hilfreich: frühere Befunde und eine Übersicht über die bisher eingenommenen Medikamente. Aber was genau erwartet nun die Patienten bei der multimodalen Behandlungsmethode? Vor allem eines: Bewegung. Dr. Stiehl: „Wer Muskeln aufbaut, baut Schmerzen ab.“

Ganz auf den Patienten abgestimmt

Eine individuell auf den Patienten abgestimmte Kombination aus Medikamenten, Infusions- und Injektionstherapien sowie Entspannungsübungen, Krankengymnastik und psychotherapeutischen Gesprächen sollen die Qualen lindern. Das verspricht sich auch Helmut M.* Der 66-Jährige hat Schäden an beiden Hüft- und Kniegelenken, ein Kniegelenk ist künstlich, die Operation verlief im Grunde gut, die Reha-Maßnahmen auch. Sogar Sport war wieder möglich.

Doch vor einem Dreivierteljahr tauchten plötzlich Schmerzen unter dem betroffenen Kniegelenk auf, die einfach nicht mehr verschwinden wollen. Nun sitzt er zwischen zwei Stühlen. „Der Orthopäde sagt dies, der Operateur sagt das, noch aber habe ich keine echte Diagnose.“ Der Vortrag sei sehr informativ gewesen, vieles war „Neuland“. Bevor er geht, sagt er noch: „Ich hoffe auf Dr. Stiehl.“ Damit ist er an diesem Abend nicht allein.