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Theater

Julia Gutjahr überzeugte als Seherin Kassandra

16.03.2010 | 19:00 Uhr
Julia Gutjahr überzeugte als Seherin Kassandra

Bad Berleburg. Wissen ist nicht nur Macht, es kann auch zur Qual werden. Das bewies Julia Gutjahr in der Rolle der ewigen Warnerin „Kassandra” im gleichnamigen Werk von Christa Wolf im Bad Berleburger Bürgerhaus.

Die Handlung ist bekannt: Kassandra ist die Tochter des trojanischen Königs Priamos und hat dank ihrer Sehergabe vor allen anderen erkannt, dass der trojanische Krieg mit dem Untergang ihrer Stadt enden wird. Doch hört niemand auf ihre Warnungen. Es kommt, wie es kommen muss: die Griechen bringen die mächtige Stadt Troja dank Odysseus' Raffinesse rund um das hölzerne Pferd zur Strecke und besiegeln so auch das Schicksal der Königstochter Kassandra. Sie wird vom siegreichen griechischen König Agamemnon verschleppt und später hingerichtet.

Die Geschichte der ewig Unbeachteten, Verstoßenen und Verzweifelten verkörpert Julia Gutjahr in dem von Tatjana Fernau inszenierten Monodram mit vollem Körpereinsatz. Selten hat eine einzelne Person eine Bühne mit einer derartigen Präsenz erfüllt. Gutjahr schreit, flüstert, weint und haucht damit der Gestalt der Kassandra ein Leben ein, das auch noch Stunden nach der Vorstellung nachwirkt. Sie bringt die ganze Bandbreite der emotionalen Achterbahn mit einer Intensität zum Ausdruck, die die Schrecken des Krieges nur allzu deutlich vor Augen führt.

Innerer Monolog

In Retrospektive, aus dem Kerker des Agamemnon heraus, rekapituliert Christa Wolf's Kassandra in einem inneren Monolog den Untergang Trojas, den sie kommen sah und doch nicht verhindern konnte. Und so stellt der Gitterkäfig, in dem sich Gutjahr alias Kassandra während des Stückes wie ein gefangenes Tier hin und her bewegt, nicht nur die realen Gefängnismauern dar; er ist auch ein Sinnbild für die Unausweichlichkeit ihres Schicksals, das mit der Hinrichtung durch den Griechenkönig enden wird.

Mit ihrer Kassandra hat die deutsche Schriftstellerin Christa Wolf, die mit diesem Werk ihren ersten großen internationalen Erfolg feierte, aber nicht nur einen mythologischen Stoff wiederbelebt. Wenn die Seherin sagt „Krieg durfte er nicht heißen” und „Ein Krieg, um ein Phantom geführt, kann nur verlorengehn”, dann ist man mitten in der Gegenwart, der Realität von Afghanistan und Irakfeldzug. Auch den Geschlechterkampf hat Wolf verarbeitet, versucht sich Kassandra doch in einer von Männern dominierten Welt vergeblich durchzusetzen - ob gegen ihren arroganten Bruder Paris, ihren Vater Priamos oder den Emporkömmling Eumelos.

Ausweglosigkeit

Und so muss sie am Ende die Ausweglosigkeit ihres Schicksals erkennen, die sie in diesen Kerker geführt hat. „Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, nichts was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein andres Ziel geführt.”

Rebecca Müller

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