Je suis Juif - Ein Plädoyer für die Solidarität und das Leben

„Je suis Charlie“ – die Solidaritätsbekundungen reißen nicht ab. Ebenso werden das deutliche Entsetzen und die Abscheu von Vertretern aller Religionen den Attentätern mit dieser Motivation gegenüber gezeigt. „Je suis Charlie“ – jeder hätte an der Stelle der Mitarbeiter der Zeitung Charlie Hebdo sein können.


Solidarisierung mit denen, die auf den Mordlisten radikal Verblendeter stehen, erforderte zu anderen Zeiten mehr Mut als es heute nötig ist. Glücklicherweise. Solidarität mit den Juden Europas haben vor 70 Jahren nicht viele gezeigt. Solidarität wie es vom dänischen König überliefert ist. Er heftete sich als erster den gelben Judenstern an, als die deutschen Besatzer dieses Gesetz für Dänemark erließen und sagte: „Wenn einer meiner Untertanen es tragen soll, dann sollen es alle tun. Warum sollte einer besser sein als der andere.“ Je suis juif – ich bin Jude. Die Legende erzählt, dass daraufhin der Erlass zum Tragen der gelben Sterne zurückgenommen wurde.
Ich bin Jude – wer weiß? Vielleicht hätte diese Solidarisierung den Shoah-Gedenktag unnötig gemacht. Am 27. Januar 1996 wurde der Tag in Deutschland zum Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt. Seit 2005 wird er international begangen.


Wir bekennen damit, dass wir nicht solidarisch gewesen sind mit den Menschen, die willkürlich von anderen wegen ihrer Religion, ihrer politischen Gesinnung, ihrer sexuellen Ausrichtung entrechtet, entmenschlicht, entwürdigt und ermordet wurden. Wir erinnern uns daran, damit wir heute aufstehen und protestieren, wenn es dazu kommt.


Beunruhigender Weise ist im Zusammenhang der Attentate in Frankreich auch noch eines deutlich geworden: Radikalisierte Terroristen sind auch immer antisemitisch unterwegs. Das alte Feindbild trägt – ohne auch nur einen einzigen jüdischen Menschen zu kennen.


Das bunte Bild des Trauer- und Gedenkmarsches in Paris war stärkend. Es war fast wie die Völkerwallfahrt zum Zion: Unter dem Wort in Solidarität und Liebe zusammenzukommen, um gegen die todbringenden Mächte zusammenzustehen: Menschen jeder Hautfarbe nebenein­ander, politische Gegner nebeneinander. Vorweg geistliche Vertreter aus jeder Religion.


Am 27. Januar feiern wir die Solidarität, das Leben und das „Nie-Wieder“. Wir stärken einander in schwierigen Zeiten und grenzen nicht die aus, die unseren Schutz brauchen.

Pfarrerin Silke van Doorn,
Schulreferentin des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein