Jäger beklagen Jagdgesetz: Fütterungsverbot trifft Wild hart

Wenn bei uns im Winter zur Notzeit nicht gefüttert wird, oder gefüttert werden darf, sucht sich nicht nur das Rehwild Futter da, wo es was findet - zur Not an der Schwarzwildkirrung.
Wenn bei uns im Winter zur Notzeit nicht gefüttert wird, oder gefüttert werden darf, sucht sich nicht nur das Rehwild Futter da, wo es was findet - zur Not an der Schwarzwildkirrung.
Foto: WP
Jäger in Wittgenstein wollen die neue Verordnung zur Wildfütterung nach dem Jagdgesetz nicht hinnehmen. Eine Aktion mit Unterschriftensammlung läuft.

Wittgenstein.. Rehe auf dem Friedhof oder in den Gärten – diese Anblicke sind vielen Wittgensteinern geläufig. Die Tiere kommen zumindest an Wintertagen in die Nähe der Wohnbebauung, weil sie im Wald keine Nahrung haben. Doch das im Mai verabschiedete Landesjagdgesetz könnte noch weitreichendere Folgen haben. „Schreiben Sie ruhig, dass wir demnächst in unseren Wäldern kein Hirsche­brüllen mehr haben werden“, hatte Richard Prinz zu-Sayn-Wittgenstein-Berleburg unserem Reporter bereits Anfang vergangenen Jahres in den Block diktiert, als der Gesetzentwurf im gesamten Land diskutiert wurde.

Harsche Kritik der Jäger blieb ungehört

Die harsche Kritik der Jäger blieb in Düsseldorf ungehört, das Gesetz trat im Mai 2015 in Kraft. Aber die Jägerschaft ist auf den Barrikaden geblieben, erhebt jetzt noch einmal ihre Stimme, nachdem die Folgen der Gesetzgebung sichtbar werden. „Wir werden den Wildbestand nicht halten können“, prophezeit der stellvertretende Hegeringsleiter aus Erndtebrück, Karl-Friedrich Müller, und er glaubt, „wir rotten unser Wild aus“.

Die düstere Prognose bezieht er auf die neue Fütterungsverordnung, der zufolge selbst im strengen Winter dem Wild nicht geholfen werden soll. „Das ist das selbe, wenn man Privatleuten das Vögelfüttern verbietet“, entrüstet sich Müller. Er verweist auf „unsere Höhenlagen von 500 bis 800 Meter, wo doch ein anderer Winter ist als am Niederrhein oder im Münsterland“.

Verbiss wird zunehmen

Durch die fehlende Beifütterung werde der Verbiss an den Bäumen deutlich zunehmen, befürchtet der Berleburger Hegeringsleiter Albrecht H. Beitzel. Zwar dürfe eine bestimmte Grassilage ausgebracht werden, doch werde damit eine ausreichende Eiweiß-Versorgung des Wildes nicht erreicht. Selbst eine Notlage beim Schwarzwild, wenn die Schneedecken verharscht sind, werde bislang von der Forschungsstelle Bonn nicht mehr festgestellt.

Diese früher von der Jägerschaft finanzierte und nun beim Land angesiedelte Stelle sehe sich laut Beitzel nicht in der Lage, in unserer Region Notlagen zu erkennen. Das Gesetz, so formuliert es Beitzels Stellvertreter, Dirk Landsmann, sei einzig und allein „ein Konzept, um die Jagd zu beeinträchtigen. Mit System will Grünen-Minister Remmel die Jagd behindern nach dem Motto: Noch brauchen wir die Jäger, bis Wolf und Luchs wieder zurück sind...“

Forstdirektor Röhl: "Schäden haben sich massiv ausgeweitet"

Johannes Röhl, Forstdirektor der Wittgenstein-Berleburg'schen Rentkammer, zum Thema Fütterungsverbot, Ausnahmegenehmigung und mehr:

Können bereits heute Folgen des Fütterungsverbotes beobachtet werden?

Beim Schwarzwild haben wir ein totales Fütterungsverbot. Dies hat sich in deutlich vermehrten Grünlandschäden ausgewirkt. Eine Fütterung ist erst dann erlaubt, wenn durch den Kreis eine Notzeit festgestellt wird. Damit ist wohl erst zu rechnen, wenn erste verhungerte oder stark abgemagerte Wildschweine aufgefunden werden, so die mündliche Aussage vom Kreis. Tierschutz ist also offensichtlich teilbar: Sauen sollen verhungern, für die anderen Wildarten sieht das Landesjagdgesetz sogar eine Fütterungspflicht vor. Beim Rotwild dürfen wir erst ab Januar füttern (früher Dezember ). Hier hatten wir durch den milden Winter schon großes Glück. Jeder hier weiß, dass der Winter in aller Härte auch schon ab November herrschen kann. Dennoch sind hier vermehrte Schälschäden festzustellen, obwohl wir in den letzten Jahren den Rotwildbestand deutlich abgesenkt haben. Wer für diese bei angemessener Fütterung vermeidbaren Schäden aufkommt bleibt offen.

Wie wirkt sich der Mindestabschuss bei Muffelwild aus?

Wir haben dafür noch einen geltenden Abschussplan, den wir erfüllen werden. Wie es mit dem Muffelwild als „Ausländer-Wildart“ (es wurde hier in den 1940er und 1960er Jahren ausgesetzt) bei den derzeitig herrschenden Kampagnen gegen nicht heimische Tier- und Pflanzenarten weitergeht ist fast abzusehen: Es ist nicht auszuschließen, dass diese ansehnliche, an unsere Wälder angepasste und zudem sehr schmackhafte Wildart demnächst auch aus unseren Wälder verschwinden muss.

Die bisher der Rentkammer gewährte Ausnahmegenehmigung zum Füttern ist aktuell abgelehnt worden?

Wir haben seit über 15 Jahren in enger Abstimmung mit der Wildforschungsstelle des Landes ein Fütterungskonzept für Rot-, Muffel- und Rehwild zunächst erarbeitet und dann angewandt, welches uns unter bestimmten strengen Auflagen die Gabe zusätzliche Futtermittel (Rüben, Biertreber mit 10% Kraftfutterzugabe) erlaubte. Dies hatte zur Folge, dass sich das Rotwild im Winter fast nur in den Fütterungsbereichen aufgehalten hat und so gut wie keine Schälschäden verursacht hat. Nach Wegfall der Ausnahmegenehmigung seit Herbst des vergangenen Jahres fehlt die von den Rüben und dem Biertreber ausgehende Bindungswirkung an den Fütterungsstandort. Das Wild zieht wesentlich mehr durch die Wälder und die Schälschäden haben sich massiv ausgeweitet.