In Dotzlar dauern die Kämpfe nur eine Nacht, aber das reicht

2010 zum 65. Jahrestag des Kriegsendes erinnerte sich die 91-jährige Elfriede Born in einem langen Brief an die Westfalenpostredaktion an die Kämpfe um ihr Heimatdorf Dotzlar. Auszüge aus Borns Erinnerungen haben wir hier noch einmal zusammengefasst.

„Bei uns dauerte der Kampf nur eine Nacht, und das hat gereicht. Man hörte, dass die Front näher kam. So weit ich mich erinnere, stellte die deutsche Wehrmacht am Karfreitag unweit unseres Hauses ein Geschütz auf. Unser Haus steht am Kellerberg, gegenüber der Burg. Für die Soldaten hatten wir zu Abend einen Topf gedämpfte Kartoffeln gemacht. Sie hatten in unserer Küche gegessen. Jeder bekam ein Osterei, die wir gefärbt hatten. In der Nacht war alles ruhig.

Schutz in der Schiefergrube gesucht

Am andern Tag hieß es, der Ami ist in Arfeld. Da haben viele Menschen das Dorf verlassen. Ältere, Frauen und Kinder suchten Schutz im Stollen der Schiefergrube Fürst Richard unterhalb des Dorfes. Am Ende des Stollens war ein großer Raum, den nannte man Abbau. In der Zeit war die Schiefergrube noch in Betrieb. Mein Vater, Ludwig Saßmannshausen, war der Betriebsleiter, vorher war das lange Jahre mein Opa. Meine Eltern, Tante Anna und ihre drei Kinder waren da drin. In unserer Nähe hatten die Männer einen kleinen Bunker in den Berg gehauen und da waren meine Schwester Minna und ich und auch noch einige Nachbarn. Auch der Jörges Onkel, Georg Grebe.

Am späten Abend kam mein Vater noch mal zurück, wir gingen nach Hause und fütterten das Vieh und ich hatte noch gemolken. Da begann schon die Schießerei, so dass die Fensterscheiben klirrten. Uns gegenüber an dem Berg „Burg“ hatten die Amerikaner ein Geschütz stehen. Die hatten das Visier im Kopf, auf das deutsche Geschütz zu schießen und da war unser Haus im Weg. Wir hatten ein großes Problem. Unser Opa war 79 Jahre alt und aus gesundheitlichen Gründen mussten wir ihn zu Hause lassen. Er lag in seinem Bett und wir mussten ihn einschließen. Das war ganz, ganz schlimm. Wir konnten nur alles in Gottes Hände legen. Uns stand eine schlimme Nacht bevor.

Die Kämpfe waren in vollem Gange. Über unseren Köpfen war nur Geratter. Unsere Nachbarn waren im Keller geblieben, aber sie kamen angelaufen, weil das Nachbarhaus „Koch“ brannte. Das Haus nannte man Feisels. Das Ehepaar mit drei Kindern und der alten Oma waren nach Meckhausen zu Verwandten geflüchtet. Als wir von dem Brand hörten, machte sich der Jörges Onkel sofort auf den Weg. Sein Haus war unter den Feisels. Er konnte noch bei den Feisels die Kühe losbinden, so dass die nicht verbrannten. Dann sah er, dass die Amis den nächsten Brandsatz ins Nachbarhaus Leihe warfen. Da hat er eine Leiter geholt und ist ins Haus und hat das Feuer gelöscht. Es war nur ein kleiner Schaden entstanden. Dann ging er in sein Haus, die Amis mit dem Gewehr hinter ihm. Die sahen an der Wand zwei Bilder hängen von seinen Söhnen in Uniform. Die waren gefallen. Die Amerikaner wollten wissen, ob dass seine Kinder wären. Er sagte später zu mir, ich musste die eigenen Kinder verleugnen, aus Angst vor dem Erschießen. Das war ganz schlimm.

Zwei oder drei deutsche Soldaten hatten sich eingefunden, die wollten sich den Amerikanern ergeben.

Kugel im Kopfteil des Bettes

Ein neuer Tag brach an. Dotzlar war von den Amis besetzt. Im Ganzen waren drei Häuser und ein Stall mit Scheune abgebrannt. Wir trauten uns nicht ins Freie. Endlich gingen wir alle raus. Meine Schwester und ich gingen mit angstvollem Herzen den Berg hinauf. Von weitem sahen wir schon, das Haus war schwer beschädigt. Wir hatten eine Treppe vor dem Haus, da lag Schutt drauf. Die Haustür lag auf der Treppe, wir mussten ums Haus zur Hintertür gehen. Das erste, was wir sahen, war unser Opa. Er lebte; ein Wunder Gottes. Alle Fensterscheiben waren kaputt, nur die in Opas Zimmer waren ganz. Ein Schuss war ins Kopfteil des Bettes abgegeben worden. Es war wirklich ein Wunder.“