In der Badehose zur Absturzstelle des Bombers

Erndtebrück..  Wilhelm Schmidt jun. aus Erndtebrück erzählt über seine Jugendzeit im Zweiten Weltkrieg: Eingeschult wurde Schmidt am 1. April 1940 und wechselte 1944 in die Mittelschule (heute Realschule), die er bis zum 31. März 1947 besuchte. „Ich bedauere noch heute, dass ich dem mehrmaligen Rat meines Klassenlehrers nicht gefolgt bin und noch weitere zwei Jahre die Mittelschule besuchte. Ich wollte mich jedoch mit dem Besuch der Landwirtschaftsschule in Erndtebrück intensiver auf einen land- und forstwirtschaftlichen Beruf vorbereiten.

KInder an der Ernärhungs-Front

Meine gesamte Schulzeit war geprägt durch den Krieg und die damit verbundene Nachkriegs-Notzeit. Wir Kinder wurden damals immer mehr in das Geschehen eingebunden. So mussten wir die „Ernährungsschlacht“ dahingehend unterstützen, dass wir Schädlinge, wie den Kartoffelkäfer und den Schmetterling „Kohlweißling“ sammelten, um diese zu bekämpfen. Hierfür gab es Hausaufgabenfreiheit.

Neben dem Aufsammeln von Flugblättern und Phosphorbrandblättchen, die von feindlichen Flugzeugen abgeworfen wurden, sind wir mit Handwagen losgezogen und die gesamte Schulklasse hat im Wald Fingerhut- und Himbeerblätter gesammelt. Hieraus wurden Medizin und Tee gewonnen. Auch wurden alljährlich die Herbstferien als „Kartoffelausmachferien“ so angelegt, dass wir Kinder den Bauern auf dem Feld helfen konnten, um die Kartoffel zur Ernährung der Bevölkerung zu ernten. Hierfür gab es für jedes Kind pro Lesetag bis zu fünf Reichsmark und die entsprechenden Mahlzeiten. Dieses war, abgestimmt auf den Lesebeginn des Tages, Frühstück, Mittagessen, Kaffeetrinken und Abendessen.

Abenteuer Fliergerabsturz

Von Kriegsereignissen blieb auch Erndtebrück nicht verschont. Während in 1942 zwei deutsche Jagdflugzeuge ohne Schaden für die Piloten notlandeten, wurde in 1943 bei einem Luftkampf über Erndtebrück ein englisches Bombenflugzeug abgeschossen, dessen Besatzung dabei ums Leben kam. Dieses war für uns Jungen eine aufregende Sache. Das Ganze sah so aus als wenn die Absturzstelle des Flugzeuges nicht weit vom Ort entfernt zu finden sei. Da wir gerade um die Absturzzeit unseren Schwimmunterricht in der Erndtebrücker Badeanstalt hatten, gab es für mehrere „mutige“ Mitschüler den Entschluss die Absturzstelle zu suchen. Teilweise barfuß und nur mit Badehose bekleidet ging es auf die Suche.

„Belohnung“ mit dem Krückstock

Verstärkung bekamen wir noch durch einen Marinesoldaten, der gerade Heimaturlaub hatte. Doch die vermeintliche Absturzstelle entfernte sich immer mehr, bis wir diese nach einer Stunde ausfindig gemacht hatten, in einem Waldstück zwischen Ederquelle und Benfe. Doch an die Absturzstelle kamen wir nicht dicht heran, da diese schon von deutschem Militär abgesichert war. Aber wir waren „dabei“ gewesen und traten unseren Heimweg an. Mit dem Gedanken, wie wird man uns morgen in der Schule empfangen, ging es in Richtung Erndtebrück. Richtig, am nächsten Morgen mussten wir uns in einer Reihe aufstellen und ein Donnerwetter unseres Sportlehrers über uns ergehen lassen. Dieses erreichte seinen Höhenpunkt damit, dass jeder der „Dabeigewesenen“ zwei Schläge mit einem Krückstock von hinten in die Kniekehle bekam! Im Vergleich zu unserem ersten Klassenausflug mit unserer Klassenlehrerin Frau Scholten, war das „Schwänzen“ des Badeunterrichts ein Ausflug ganz besonderer Art.

Unvergessen bleiben auch für mich die Erlebnisse der letzten beiden Kriegsjahre, wo wir unter ständiger Bedrohung durch feindliche Flugzeuge unterrichtet wurden. Dieses führte auch dazu, dass wir des Öfteren Fliegeralarmübungen praktizieren mussten, um uns in den Kellerräumen in Sicherheit zu bringen. Ein geregelter Schulbetrieb war nicht mehr möglich, da es auch an Lehr- und Lernmaterial fehlte. Der Bleistift wurde solange angespitzt, bis dieser nur noch eine Länge von drei bis fünf Zentimeter hatte. Dann steckten wir diesen in einen Bleistift-Halter und konnten weiter damit schreiben. Fehlendes Papier wurde aus Büchern der Eltern oder der älteren Geschwister herausgetrennt und in Form eines Heftest mit einem Bindfaden zusammen gebunden.

Erster Schülerstreik in Erndtebrück

Mit dem Bombenangriff auf Erndtebrück am 10. März 1945 wurde unsere Schule beschädigt, so dass diese am 14. März geschlossen wurde. Nach Kriegsende musste das Schulgebäude gesäubert und wieder hergerichtet werden. Am 18. September konnte die Volksschule (Grundschule) ihren Unterricht wieder aufnehmen, am 2. November die Mittelschule (Realschule). Durch die Zerstörung des alten Rathauses hatte man die Gemeindeverwaltung im Schulgebäude untergebracht. Hierdurch fehlte es an Räumen für den Unterricht, so dass einige Klassen an unterschiedlichen Tagen in der evangelischen Kirche im Konfirmandensaal unterrichtet wurden. So auch meine Klasse.

Wir mussten in den Werkraum der Schule ausweichen, der für normalen Unterricht gar nicht hergerichtet war. Es fehlte an einer funktionsfähigen Heizung. Diese wurde durch einen Ofen ersetzt, für den wir jeden Tag vier bis fünf Stücke Buchenholz mitbrachten.

Da der Winter 1945/1946 ein Strenger war, und der Ofen wegen der undichten Fenster nicht in der Lage war den Raum aufzuheizen, saßen wir mehrere Tage in unseren Wintermänteln der Kälte trotzend in der Schulbank und sollten unterrichtet werden. Da regte sich bei meinen Mitschülern der Widerstand diesen Missstand nicht länger hinzunehmen. Wir wurden uns einig in der großen Pause nach Hause zu gehen. So geschah es, dass wir den ersten Schulstreik vollzogen.

Einer unserer Mitschüler, der offenbar nicht so mutig war, hatte sich nicht beteiligt. Er wurde beauftragt die andere wieder einzusammeln; Ohne großen Erfolg. Am nächsten Tag wurde nach verhaltener Standpredigt unseres Klassenlehrers der Unterricht wieder fortgeführt, aber in einem anderen Klassenraum.

Da die Ernährungssituation der Bevölkerung, Hauptsächlich bei den Kindern, nicht die allerbeste war, wurde Anfang des Jahres 1947 eine tägliche Schulspeisung eingeführt. Diese Schulspeisung war für Kinder bestimmt, die zu Hause keine Landwirtschaft hatten und sich nicht selbst versorgen konnten.

Ich gehörte zu der Gruppe der „Selbstversorger“ und musste jeden Tag zusehen, wie sich die „Normalverbraucher“ die begehrten Milchsuppen mit Rosinen, Schokolade- und Nudelsuppen und Reis mit Zucker und Zimt einverleibten. Auch Sonderzuteilungen von Schokolade und Keks waren nur für „Normalverbraucher“ bestimmt. Das ganze weckte auch bei mir Begehrlichkeiten, die gelegentlich von guten Freunden gemildert wurden.

All dieses sind Erinnerungen an eine Schulzeit, die wie Anfangs schon erwähnt, die Handschrift einer Kriegs- und Nachkriegszeit trägt.“

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