In Aue liegen die Straßen voller Leichen

Wittgenstein..  Heute vor 70 Jahren gehen die amerikanischen Truppen im Norden auf breiter Front zum Angriff über. Sie nehmen den Kahlen Asten und marschieren auf Altastenberg. Dort stoßen sie am 4. April 1945 erstmals auf erbitterten Widerstand.

Hier stellt sich die Panzer-Lehr-Divison 130 den US-Soldaten in den Weg. Laut Peter Schneider („Spione am Himmel“) befanden sich hier etwa 400 deutsche Soldaten, die mit Panzern und Sturmgeschützen ausgerüstet waren. Sechs Stunden lang dauert die Schlacht um Altastenberg bis der Deutsche Widerstand endlich erlahmt.

Straßen voller Leichen

Nicht weniger blutig wird es im Süden. Am 5. April, es ist 10 Uhr morgens, versuchen die Amerikaner mit Panzern und Infanterie in Aue einzudringen. Immer wieder werden die US-Soldaten durch deutsches Maschinengewehrfeuer zurückgedrängt. Der Kampf wogt bis zum Abend hin und her. Dabei füllen sich die Straßen mit Gefallenen.

Viele umstehende Häuser gehen in Flammen auf. Feschers, Adams, Briefträgers, Sehlbergers, Schneiders, Weinholds, Debe, Stracks-Müsse und auch das Forsthaus sind am Ende nur noch rauchende Ruinen. Dennoch könnte es noch schlimmer für Aue ausgehen. Aber den Deutschen gelingt es nicht, die Fabrikhallen von Busch-Jaeger zu sprengen, in denen Granatenzünder aus der dortigen Produktion lagern.

Soldaten der 99. US-Infanterie-Division – Spitzname Battle Babies – versuchen die deutschen Stellungen rund um Aue-Wingeshausen zu umgehen.

In Müsse brennen die Häuser

In Müsse brennen die Häuser und Scheunen von Süreths und Stüchs. In Schiere-Haus sterben die Großmutter, Mutter und zwei Töchter durch den Beschuss. In Wingeshausen trifft es weitere Zivilisten durch Granaten. Ein Mann stirbt durch einen Einschlag in Kriegers-Haus. Ein achtjähriges Mädchen wird auf der Brücke vor dem Gasthaus Weber getroffen und eine russische Zwangsarbeiterin bei Gilberts. Einem Evakuierten aus Bochum reißt eine Granate vor Brückes Haus beide Arme ab. Zwei 12 und 14 Jahre alte Jungen wollen helfen und werden ebenfalls verletzt. Der Zwölfjährige stirbt noch auf dem Weg ins Attendorner Krankenhaus.

Ein Hitlerjunge aus Berleburg wird auf der Redder bei Wingeshausen durch amerikanisches Maschinengewehrfeuer im Oberschenkel getroffen. Soldaten versorgen die Wunde, aber der Junge stirbt noch in der Nacht.

Nach Erinnerungen eines Zeitzeugen gehörte er zu einer Gruppe Hitlerjungen, die sich nach der Ausbildung in einem Wehrertüchtigungslager bei Bilstein im Nachbarkreis Olpe auf dem Heimweg nach Berleburg befindet.

Die Ruhe vor dem Sturm

Am 6. April 1945, wird das stark umkämpfte Erndtebrück von der US-Armee eingenommen. Auch Wingeshausen ergibt sich. Fünf Tage lang hat Erndtebrück nun schon unter Geschützfeuer gelegen. Das Eisenbahnerdorf ist ohnehin durch den verheerenden Bombenangriff vom 10. März, bei dem 86 Menschen getötet worden sind, stark zerstörte und jetzt „sturmreif“. Ab Mitternacht schweigen die amerikanischen Kanonen. Das ist die Stille vor dem letzten Angriff, der in den frühen Morgenstunden gegen 6 Uhr beginnt. Zwischen den Häuser stößt die US-Armee aber immer noch auf Widerstand. Ein deutscher Kampfpanzer und zwei gepanzerte Fahrzeuge werden abgeschossen. Dann schweigen die Waffen und die Bevölkerung muss die 68 noch bewohnbaren Häuser für das US-Militär räumen.

In Aue sind die „Amis“ am Kapplerstein lange aufgehalten worden. Jetzt aber stoßen sie in Richtung Wingeshausen vor. Auf der Redder und auf der Helle sterben 14 deutsche Soldaten bei dem Versuch, die Amerikaner erneut aufzuhalten. Während im Ort schon weiße Fahnen aus den Häuser gehängt werden, schießt die Wehrmacht noch auf vordringende US-Panzer. Schließlich aber ergeben sich die Landser in Wingeshausen.

Anders ist die Lage im Casimirstal: Im dortigen Forsthaus ist die weiße Fahne gehisst worden, weil die Bewohner keine deutschen Soldaten mehr gesehen haben. Die Amerikaner rücken vor und holen auch ihren Nachschub ins Tal. Als dieser eintrifft, bricht aus dem umgebenden Wald ein Inferno aus Maschinengewehrsalven los, das zahlreiche Amerikaner tötet oder verwundet. Die US-Soldaten glauben, in einen Hinterhalt gelockt worden zu sein und sperren alle Forsthausbewohner anderthalb Tage im Haus ein, bevor man sie endlich freilässt.

US-Generäle in Wingeshausen

Als in Wingeshausen alles gesichert ist, treffen auch die US-Generäle Lauer, Benjamin Lear und Black ein, um sich ein eigenes Bild von der Lage an der Wittgensteiner Front zu machen.

Während hier und in Erndtebrück der Krieg zu Ende ist, wird in den nächsten beiden Tagen noch um die Ortschaften Zinse und Birkelbach gekämpft.