Hilfestellung in drei Schichten

Seit zwei Jahren muss die Erzieherin Monika Heimann drei Mal in der Woche an die Dialyse. Jede Schicht dauert viereinhalb Stunden.
Seit zwei Jahren muss die Erzieherin Monika Heimann drei Mal in der Woche an die Dialyse. Jede Schicht dauert viereinhalb Stunden.
Foto: WP

Wittgenstein..  Thüringer Weg 4 in Bad Laasphe. Diese Adresse kennt jeder Taxifahrer in Wittgenstein und fast jeder Kollege im benachbarten Biedenkopfer Raum. Fast täglich bringen die Fahrer Menschen an diese Anschrift und holen sie Stunden später wieder ab. Die Fahrgäste – es sind insgesamt zwischen 70 und 80 – haben eines gemeinsam: Sie sind nierenkrank, und sie bekommen im Dialysezentrum Bad Laasphe eine Blutreinigung. Die Maschine übernimmt die Arbeit, die die kranke Niere nicht mehr schafft.

Morgens, mittags und um 16.30 Uhr für Berufstätige beginnen die Schichten für die Patienten, die von insgesamt 22 geschulten und eigens für die Dialyse qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut werden.

Familiäre Gemeinschaft

Mit den Jahren hat sich in diesem Zentrum so etwas wie eine familiäre Gemeinschaft gebildet, die ihr Schicksal eint. Durch die regelmäßigen Termine drei Mal in der Woche treffen sich stets dieselben Gesichter. „Wir haben uns gesucht und gefunden“, beschreibt die 81 Jahre alte Ursula M. aus Bad Laasphe und blickt von ihrer Liege, die sie die nächsten Stunden nicht verlassen darf, in die Runde. Neben ihr liegt Monika H. aus Wallau. Die 51-Jährige Erzieherin in der Kinderkrippe bekam vor zwei Jahren die Diagnose Amyloidose, das bedeutet: Eiweiße haben sich in Organen abgelagert. Bei Monika H. in einer Niere. Dadurch ist die chronische Erkrankung eingetreten. „Dreimal in der Woche, jeweils viereinhalb Stunden bin ich hier“, berichtet die Wallauerin. Sie ist mit einem elektronischen Buch und einem Laptop ausgestattet, liest und surft durchs Internet.

Das Leben ändert sich schlagartig

Aber Langeweile kommt in diesem Behandlungszimmer ohnehin nie auf; denn die Damen reden mitein­ander. „Ja, oft auch über unsere Krankheit“, bestätigt Margret B. aus Wemlighausen. Sie dialysiert bereits seit 1991, früher in Marburg, seit 1997 in Bad Laasphe. Die engagierte Landfrau hatte zwischenzeitlich eine Spenderniere, „aber die hält ja auch nicht ewig!“ berichtet Margret B. und fügt hinzu: „Manche Menschen glauben, wenn man eine neue Niere hat, läuft alles wieder normal; aber das ist kein Spaziergang. Das nimmt einen mit.“

Und zwar vom ersten Tag an. Das Leben ändert sich auf einen Schlag; der Tagesablauf ist nicht mehr derselbe. Monika H. hatte das Glück, dass ihr Arbeitgeber flexible Dienstzeiten ermöglicht, damit sie in Bad Laasphe behandelt werden kann. Die Kolleginnen haben die Team-Sitzung verlegt, um Monika H. dabei zu haben. Sie kann ihren Beruf weiter ausüben. Dafür ist sie dankbar. Anders geworden ist die Ernährung. Die Trinkmengen sind eingeschränkt, und gerade jetzt zu Weihnachten locken Versuchungen, denen sie standhalten muss. Dank der Dialyse, sagt sie, „bleibt mir ein Stück Lebensqualität erhalten.“

Auf der Warteliste für eine Spenderniere steht der Name der Erzieherin derzeit noch als NT. Sie weiß, dass auch nach einer Transplantation das Dialysezentrum meistens Anlaufstelle für die behandelten Patienten bleibt. Das macht auch Dr. Markus Mayweg, Nephrologe, also Facharzt für Nierenerkrankungen, deutlich. Der 42-Jährige Mediziner gehört zu einem Team von fünf Fachärzten. Wochenweise wechseln sich drei Ärzte mit ihrem Dienst in den Dialysezentren Siegen und Bad Laasphe ab. In Wittgenstein hat der Leimstruther sozusagen ein „Heimspiel vor der Haustür“. Und hier sei im Vergleich zum viel größeren Zentrum in Siegen „alles viel persönlicher, mit intensiveren Kontakten.“

Viele Schicksale erlebt

Das bestätigen die Patienten und attestieren gleichzeitig dem Pflegepersonal „hervorragende Arbeit in familiärer Atmosphäre.“ Darüber freuen sich Zentrumsleiterin Birgit Wittig und ihr Vertreter Gerald Kreß. Beide kennen die Patienten seit vielen Jahren. Birgit Wittig ist seit über 30 Jahren als Fachkraft für Nephrologie im Beruf, hat viele Schicksale hautnah miterlebt. „Natürlich sind wir sensibel für jeden einzelnen Patienten. Wir begleiten die meisten ja bis zum Lebensende.“ Ihr Kollege ergänzt: „Das Vertrauensverhältnis zu den Menschen ist wichtig. Irgendwie muss man den Grad finden, dass man nicht oberflächlich oder gleichgültig wird. Andererseits wären wir mit einem aufopferungsvollen Helfersyndrom auch im falschen Job.“ Die Liebe der Mitarbeiterinnen zu ihrem Beruf bekommen natürlich auch die Patienten zu spüren. Hier und da ein nettes Wort, der freundliche Blick, wenn während der unendlichen langen Zeit ein frisches, belegtes Brötchen gereicht wird.

Nicht nur Patienten aus Westfalen oder Hessen dialysieren in Bad Laasphe, sondern seit vielen Jahren ist ein Niederländer Stammpatient, der seinen Urlaub regelmäßig in Alertshausen verbringt. Auch Patienten aus den Reha-Kliniken in Bad Berleburg lassen sich dort regelmäßig entgiften.

Hoffnung auf Organspende

Auf eine neue Niere hoffen können sie nur dann, wenn ausreichend Menschen oder deren Angehörige zur Organspende bereit sind. „Eigentlich müsste jeder Führerschein-Inhaber automatisch einen Spender-Ausweis haben“, wünscht sich Zentrumsleiterin Birgit Wittig. Denn durch solch eine Bereitschaft zu helfen, könne man andere Menschen wieder ein Stück weit zurück ins normale Leben bringen. Und vielleicht erübrigt sich dann die oft gestellte Frage im Dialysezentrum: „Wie oft muss ich denn noch kommen?“ Lesen Sie dazu auch den Bericht auf Lokalseite 3.