Flucht aus Schlesien begann vor 70 Jahren

Herta Gernertmit ihrem kleinen Bilderalbum. Heute vor genau 70 Jahren begann ihre  Flucht von Schlesien über 1200 Kilometer nach Bayern – und das teilweise bei 20 Grad unter Null. Viele Flüchtlinge haben das nicht überlebt.
Herta Gernertmit ihrem kleinen Bilderalbum. Heute vor genau 70 Jahren begann ihre Flucht von Schlesien über 1200 Kilometer nach Bayern – und das teilweise bei 20 Grad unter Null. Viele Flüchtlinge haben das nicht überlebt.
Foto: Heiner Lenze
1945: Die Rote Armee im Nacken, machen sich Herta Gernert und ihre Familie auf eine unfreiwillige Reise, die sie zunächst bis nach Straubing in Bayern führt. Heute lebt die 84-Jährige, die damals 14 war, in Richstein.

Richstein..  Sie weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. „Wir hatten vier Kühe, fünf Schweine, Ziegen und Hühner. 35 Morgen Land wurden bewirtschaftet.“ Herta Gernert, geborene Schreiber, kann sich auch noch sehr genau an den 20. Januar 1945 erinnern. Der Bürgermeister von Schlottau in Schlesien, 40 Kilometer östlich von Breslau, fordert alle Bewohner gegen 8 Uhr morgens auf, den Ort bis 11 Uhr zu räumen, die Rote Armee ist im Anmarsch. Das war heute vor genau 70 Jahren. Da war Herta gerade 14 Jahre alt.

Die Evakuierung sollte nur vorübergehend sein, bis der Feind wieder zurückgeworfen wird. Das haben damals die meisten geglaubt – auch Hertas Vater Hermann Schreiber. Er blieb auf dem Hof, schließlich musste das Vieh gefüttert werden. Der Rest der Familie nahm das Angebot des Nachbarn an. Der hatte ein Federbett auf einem Kutschwagen befestigt. Der war aber nur für Personen gedacht, die nicht laufen konnten.

Mehr als ein Meter Schnee

Neben Hertas Mutter Emma machten sich auch ihre beiden Geschwister auf den Weg – nicht ahnend, was sie erwartet. Als sich die zehn Fuhrwerke aufmachen, liegt über ein Meter Schnee. Noch schlimmer ist die Kälte: Es ist 20 Grad unter Null, aber es ist ja nur vorübergehend.

Genau zwei Tage später fallen die Russen in Schlottau ein – die Gräueltaten beginnen. Der Vater hat aber Glück, obwohl er als Soldat den Polen-Feldzug mitgemacht hat. Denn schon fünf Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wird er aus der Wehrmacht entlassen. Bei einem Arbeitsunfall ist nämlich sein Augenlicht durch eine ätzende Kalkmischung zu fast 90 Prozent zerstört worden.

Nur wenige Kilometer am Tag

Zurück zum Treck, der sich jetzt in Richtung Westen bewegt. Nur wenige Kilometer können pro Tag geschafft werden. Herta Gernert, heute 84 Jahre alt, kann sich ebenfalls noch an den Stau vor einer Oder-Brücke erinnern. Tausende von Flüchtlingen wollten auf die andere Seite. Gernert: „Wir haben wohl zwei, drei Tage gewartet, und das bei eisiger Kälte.“ Irgendwann, so nach 14 Tagen, machte der Treck Station in einem alten Kino. Auch das ist der Seniorin noch sieben Jahrzehnte später im Kopf. Es bestand das Angebot, auf Lastkraftwagen in den östlichen Teil des deutschen Reiches zu fahren. Das wurde abgelehnt, weil es aufgrund der Frontlage bereits zu gefährlich war. Der Treck setzt sich jetzt in Richtung damalige Tschechei in Marsch.

Dann aber taucht ein neues Problem auf: Weil die Gespanne nur für den Gebrauch im flachen Schlesien konzipiert waren, hatten die Fuhrwerke leider keine Bremsen, konnten im Mittelgebirge eigentlich nicht eingesetzt werden. Was haben die Flüchtlinge getan? Gernert: „Zum Abbremsen haben wir einfach Stöcker in die Räder gesteckt.“

Es ging dann Richtung Jungbunzlau (heute Mladá Boleslav), etwa 100 Kilometer vor Prag. Eine traurige Begebenheit hat Herta Gernert noch tief im Gedächtnis: „Es war in Marienbad. Hunderte von Juden bettelten um Lebensmittel, aber wir hatten ja auch nichts.“

Odyssee endet in Straubing

Die Flucht geht weiter, über Furth im Wald, Cham – bis die Odyssee am 20. März im bayerischen Straubing endet. Herta Gernert landet mit Mutter, Bruder Günter und Schwester Ilse auf einem Bauernhof. Wer aber glaubt, die Schlesier seien mit offenen Armen empfangen worden, der irrt. Einen mehr als abwertenden Kommentar eines Bauern hat sie nie vergessen: „Ihr glaubt’s ja nich, deswegen habt ihr fort müssen?“, so die Anspielung auf den protestantischen Glauben der Neuankömmlinge.

Harte Arbeit auf dem Hof

Die Arbeit auf dem Gehöft war unglaublich hart. Im Sommer ging es auf das Feld und im Winter bei jedem Wetter in den Wald. Das war in einem kleinen Dorf bei Straubing. Fünf Jahre, vom 15. bis zum 20. Lebensjahr, hat Gernert so verbracht. „Weil ich nicht lebenslang als Magd schuften wollte, besorgte mir meine Cousine eine Stelle als Hausmädchen in Moers am Niederrhein.“ Mitte der 50er Jahre heiratet Herta ihren Mann Wolfgang Gernert – und Tochter Sigrid kommt zur Welt. Jetzt geht es auch beruflich bergauf. Die beiden leiten einen Getränkevertrieb im Ruhrgebiet und betreiben erfolgreich eine Gaststätte. „100 Liter Bier haben wir jeden Tag verkauft.“ Davon können Gastronomen heute nur träumen.

Seit 1975 in Richstein

Eigentlich durch Zufall kam die Verbindung zu Wittgenstein zustande. Beide haben nämlich damals in Zinse Urlaub gemacht, sich spontan in die schöne Landschaft verliebt und schließlich 1975 in Richstein ein Haus gekauft. Als Ehemann Wolfgang aufgrund eines Rückenleidens nicht mehr voll einsatzfähig war, beschlossen beide in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Wolfgang verstarb vor sechs Jahren.

Jetzt muss nur noch eine Frage beantwortet werden: Was ist aus Hertas Vater geworden? Die Polen haben ihn schon 1946 vertrieben – und die Familie war bereits ein Jahr später wieder komplett. Viele andere Flüchtlinge, Vertriebene oder Verschleppte haben längst nicht so viel Glück gehabt.