Faszinierende Lebewesen am Waldboden

Wittgenstein..  Flechten – ihr Ruf scheint noch schlechter als jener der Moose. Was womöglich daher rührt, dass wir Menschen den Begriff Flechte sofort mit Krankheiten wie Bart- oder Schuppenflechte assoziieren. Dabei sind die den Moosen nahestehenden Flechten fast noch faszinierender als diese.

Flechten wachsen sehr langsam, gehören zu langlebigsten Lebewesen der Erde und können bis zu 4500 Jahre alt werden; sie können manchmal jahrelang völlig austrocknen, in Ruhestarre verfallen und dennoch weiterleben; in Mitteleuropa sind bisher über 2000 Flechtenarten bekannt; sie werden sowohl in der Heilkunde als auch für kosmetische Produkte verwendet; sie sind den Wissenschaftlern bei der Altersbestimmung von Steinen und Gletschern eine große Hilfe und schließlich sind Flechten hervorragende Bioindikatoren wenn es darum geht, unsere Umweltbedingungen, insbesondere Luft und Wasser zu beurteilen. Und schließlich ernähren sich in manchen Gegenden Europas – zum Beispiel in Skandinavien – zahlreiche Tiere wie Elche und Rentiere monatelang von Flechten und Moosen. Auch unsere heimischen Wisente wurden schon beim Verzehr von Moosen und Flechten beobachtet.

Formen- und Farbenvielfalt

Flechten sind eigentlich Doppelwesen aus Pilzen und Algen, werden aber den Pilzen zugerechnet, unter denen sie als eigene Lebensform eine Sonderstellung einnehmen. Um in ihre sagenhafte Formen-, Farben- und Lebensvielfalt eine gewisse Ordnung zu bringen, unterscheiden Fachleute drei Wuchstypen: Krustenflechten (dicht und eng mit dem Untergrund verwachsen, zumeist auf Steinen); Blattflechten (oft flächig wachsend, über Haftorgane locker mit dem Untergrund verbunden); und Strauchflechten (dreidimensional ästig verzweigt, wachsen entweder strauchig nach oben oder bärtig hängend nach unten).

Die attraktiven Becherflechten – zu den Strauchflechten zählend, Gattungsname Cladonia – sind weltweit mit 350 Arten vertreten, in Mitteleuropa kennt man ungefähr 70, wovon einige dieser hübschen Flechten auch in Wittgenstein vorkommen.

Fast ausnahmslos findet man sowohl die Trompeten- als auch die Fingerbecherflechten im offenen Waldboden, an morschem Holz und an den moosbewachsenen Seiten von Bäumen. Insbesondere die überaus attraktive „Rotfrüchtige Säulenflechte“ – Cladonia macilenta – findet man in Wittgenstein in feuchten, zum Teil nassen Tallagen unserer Wälder auf oder in der Nähe von morschem Holz, an der Basis von älteren Bäumen und auf Rohhumus. Sie bildet becherlose Stifte oder kleinere „Säulen“ aus, deren Oberflächen schollig, schuppig oder mehlig beringt und oft mit kleinen Blättern besetzt sind. Wie viele Flechtenarten auch, sind unsere heimischen Becherflechten auf einen jährlich klimatischen Wechsel zwischen Feuchtigkeit und Trockenheit angewiesen.

Weitere rotfrüchtige Becherflechtenarten sind in Deutschland relativ selten und alle Cladonia-Arten stehen in Deutschland unter Naturschutz.