Fanatischer Fallschirmjäger will kämpfen

Arfeld..  Es war eine sehr brenzlige Situation für den Besitzer des Hainbachhofes, die Zeitzeuge Joachim Schepper uns beschreibt. Um ein Haar hätte es mindestens einen weiteren sinnlos getöteten Menschen gegeben. Aber der Mut der Verzweiflung, oder sollte man sagen die Zivilcourage, setzte sich durch.

„Am Freitag, 6. April 1945, gegen 15 Uhr erschien auf dem Hainbachhof zuerst ein Fallschirmjäger-Unteroffizier mit zwei Soldaten. Sie waren in voller Ausrüstung und hatten die Maschinenpistolen im Hüftanschlag.“ Die Deutschen Soldaten schauten sich vorsichtig auf dem Hof um und Emil Kühn, der Besitzer des Hofes, fragte sie, was sie dort wollten.

Der Anführer antwortete, sie gehörten zu einer versprengten Gruppe. Sie wollten Pause machen und wissen, wo sich die Amerikaner aufhielten. Außerdem berichteten die Soldaten, dass sie sich nach Erndtebrück durchschlagen wollten. Landwirt Emil Kühn erläuterte den Soldaten die Lage. Sie waren bereits hinter den Linien der amerikanischen Armee, die am 1. April Arfeld besetzt hatte. Genau in diesem Moment „kam ein Fallschirmjäger-Hauptmann mit Ritterkreuz“, samt weiteren sieben Soldaten und einem Panzerabwehrgeschütz um die Ecke. Einige der Männer schleppten Munitionskisten für das Geschütz, schreibt Schepper.

Die Ehefrau von Emil Kühn, Tante Minna, Joachim Scheppers Mutter und der 14-Jährige selbst verfolgten das Geschehen. „Ich war von Anfang an dabei und bot mich an, die Gruppe nachts über den Langen Zaun und Sassenhausen nach Erndtebrück zu bringen“, erzählt Schepper. Anschließend bereiteten die Frauen Essen für die deutschen Soldaten vor.

Freier Blick auf die Straße und Panzer

Vom Hainbachhof war der Blick auf die Straße, die von Richstein durchs Ahle nach Arfeld geht, frei. Als sich auf der Straße amerikanische Fahrzeuge und Panzer zeigten, wurde es hektisch. Der offenbar fanatische Fallschirmjäger-Offizier ließ die Panzerabwehrkanone in Stellung bringen. „Die Soldaten taten alles mit Unlust, sie wollten wohl keinen Krieg mehr führen. Man sah ihnen das Desinteresse an“, erinnert sich Schepper an diesen Moment. Emil Kühn erkannte die gefährliche Situation: Wenn vom Hainbachhof auf die Amis geschossen worden wäre, hätten die den Hof in Schutt und Asche gelegt. Als Kühn den Hauptmann bat, nicht zu schießen, „wurde die Sachlage schlagartig todernst. Der Hauptmann schrie Emil Kühn an, dass er ein Verräter sei und er bis zur letzten Kugel kämpfen werde. Dann forderte er Kühn auf: „Stellen Sie sich an das Scheunentor, ich werde sich hier standrechtlich erschießen“, schildert Joachim Schepper diesen dramatischen Moment aus seiner Erinnerung.

„Die Frauen auf der Treppe schrien vor Angst. Onkel Emil ging langsam auf das Scheunentor zu. Der Hauptmann hatte seine Pistole in der rechten Hand. Ich war mir der Situation gar nicht bewusst, weil alles so schnell gegangen war. Deswegen rannte ich zu Onkel Emil, der schon vor dem Scheunentor stand, und umklammerte seinen Bauch. Ich schrie, so laut ich konnte: Onkel Emil sei doch immer für Hitler gewesen. Mein Vater sei auch Soldat in Russland und ich würde sie nicht nach Erndtebrück bringen. Da könnte er mich gleich mit erschießen.“ Minna Kühn und Scheppers Mutter gingen auch zum Hauptmann und flehten ihn an.

Pistole zurück im Halfter

„Ich schaute mich um, um zu sehen, was passierte und sah, dass der Hauptmann seine Pistole wieder in das Futteral steckte. Er sagte wohl, er wolle noch einmal Gnade vor Recht gelten lassen.“

Anschließend sind die Soldaten in Richtung Langen Zaun abgezogen. „Es war totenstill auf dem Hof und langsam begriffen wir, welche furchtbar unheilvolle Situation hier glimpflich und gut zu Ende gegangen ist.“