Es geht ganz einfach ums Leben

Liebe Leserinnen und Leser,

in gut einer Woche ist es soweit: da startet die Ostereier-Suche. Fast zeitgleich sind wir im Frühling angekommen. „Es krokust und es primelt im Garten und am Bach“ (James Krüss).


Christen, die mit kirchlichen Traditionen verbunden sind, begehen diese Zeit als Passionszeit. „Sieben Wochen ohne Runtermachen“ ist das Motto der evangelischen Kirche in diesem Jahr für diese Zeit. Nach christlicher Überlieferung zog Jesus in dieser Woche in Jerusalem ein, zusammen mit seinen Jüngern und Anhängern. In Jerusalem wurde Passah gefeiert. Die Gottesstadt wartete auf dieses große Fest. Die Anhänger Jesu verbanden mit seinem Weg nach Jerusalem die Hoffnung auf Befreiung aus der römischen Unterdrückungsherrschaft. Die Sehnsucht danach war mit Händen zu greifen.

Wonach sehnen wir uns? Was ist uns nah in diesen Tagen?


Ich sehne mich nach einem Ende der Kriege, der Bedrohungen, der Anschläge und der Schreckensnachrichten. Ich sehne mich nach einem wertschätzenden, achtungsvollen Umgang der Menschen miteinander.

Jesus wurde ein königlicher Empfang bereitet, diesem Rabbi der Armen. Viele Menschen, die am Wegesrand auf ihn warteten, streuten Palmzweige auf den Weg und riefen ihm Lobesworte zu.


Jesus setzte nicht auf Selbstdarstellung und Gewalt – er kam nicht auf einem Streitross und mit prächtigen Gewändern, sonder ritt auf einem Esel. Was für ein erbärmliches Bild!

Damit setzte er auf Gottes Willen für diese Welt, auf Solidarität mit den kleinen Leuten, auf Menschlichkeit. Er stellte sich zur Verfügung für die Menschen, setzte sich ein für Vertrauen in andere als die gängigen Werte, für Vertrauen in Gott.

Er hielt stand, als die anderen sich gegen ihn stellten, als er verraten wurde von seinen besten Freunden, als die Besatzer kamen und ihn anklagten, als die obersten Priester seiner Religion ihn als Gotteslästerer anklagten und er verletzt, verhöhnt, gefoltert und gekreuzigt wurde. Worin er standhielt? In der Liebe zu den Menschen und im Vertrauen zu Gott. Auch als er sich ganz und gar verlassen fühlte. Deutlich wurde: Nicht mehr den Herrschenden, den Besatzern gehörte das Leben, sondern Gott allein. Das ist die Erfahrung angesichts des Todes.

Wir sind allein – und wenn wir uns dafür öffnen können: mit Gott an unserer Seite.


Deshalb haben wir Christen als Zeichen das Kreuz. Nicht weil wir morbide denken und fühlen oder weil wir keine Lebensfreude kennen. Das Gegenteil ist der Fall: Weil wir uns am Leben freuen, weil wir Leben und Liebe zu anderen als Kern-Erfahrung in uns tragen und weil wir immer wieder versuchen wollen, Jesus im Vertrauen auf Gott nachzufolgen – deshalb ist das Kreuz unser Erkennungszeichen.


Gottes Liebe lebt durch die Gemeinschaft miteinander. Jede und jeder von uns kann aufstehen und etwas Unverwechselbares ins Leben einbringen. Jede und jeder ist und kann etwas Besonderes. Das, warum wir ins Leben gekommen sind, was uns auszeichnet, auch wenn andere es nicht wertschätzen, auch wenn Zerstörung und Missachtung um uns herum sind.


Die Frage ist: Wie gestalte ich das, was mich ausmacht? Wie setze ich das ins Leben um? Bin ich aktiv? Bringe ich es nach außen oder lebe ich „mein Ding“ im Stillen?

Wie ist das, was geschieht da in unserem Leben? Und wer entscheidet für Sie, für mich, was mit meinem Leben geschieht, was für eine Haltung wir darin einnehmen? Menschen haben unterschiedliche Bedingungen, unter denen sie heranwachsen und leben. Ich habe von Schülern in Asien gehört, die alles, was sie hatten dafür eingesetzt haben, lernen zu dürfen. Die drei Stunden am Morgen und drei am Nachmittag durch den Dschungel, durch unwegsames Gelände, unter Gefahren gegangen sind, um die Schule besuchen zu können. Die davor und danach arbeiten mussten, um noch ein bisschen Geld zum Leben zu verdienen. Die es genossen haben, Wissen zu ergattern, lernen zu dürfen. Die Gemeinschaft untereinander pflegten, sich füreinander einsetzten und sich einfach freuten, solch eine Chance im Leben zu bekommen.


Was für eine Haltung zum Lernen, zum Leben, zu dem, was Leben uns anbietet. Lassen wir doch unsere Chancen nicht so selbstverständlich verfliegen! Wie gut wir es doch an vielen Stellen haben! Wie wir gefördert und geliebt und geachtet werden. Nichts von all dem ist selbstverständlich. Es sind Zeichen der Liebe, in der wir wachsen und die wir weitergeben können. Lassen wir nicht zu, dass die Strukturen und Haltungen von Gewalt, Zerstörung und Niedergeschlagenheit uns klein machen und uns lähmen.


Palmsonntag steht dafür, dass Jesus seinen Weg geht – trotz der Geschehnisse, die vor ihm liegen und die er ahnt. Er reitet in Jerusalem ein auf einem Esel und setzt damit das Zeichen des Vertrauens: Liebe ist stärker als Angst, Ohnmacht, Unsicherheit, Gewalt und Bosheit. Liebe und Vertrauen sind stärker. Vielleicht suchen Sie sich in diesen Tagen einen Palmzweig, der Sie daran erinnert, wenn Sie sich niedergeschlagen fühlen. Oder Sie denken an die Kinder in Asien.