Entspannung kann man lernen

Bad Berleburg..  Entspannung tut gut und ist gesund. Diese Aussage ist unbestritten. Doch für wen? Für den Körper? Bestimmt. Auch für den Geist? Jedenfalls sind Entspannungsverfahren fester Bestandteil somatischer wie psychosomatischer Rehabilitationseinrichtungen, damit liegt eine gewisse Wirksamkeit nahe. Dass Entspannung auf den Körper und die Seele wirkt und warum, haben wir mit der Yogalehrerin Ingeborg Klotz und dem Chefarzt der Psychosomatik und Dermatologie am Helios Rehazentrum Bad Berleburg – Rothaarklinik, Dr. Jochen Wehrmann, besprochen. Die Empfehlungen sind zum Nachmachen bestens geeignet.

Zwei Stunden üben

Einen Sonnengruß macht Ingeborg Klotz an diesem Abend nicht. „Der ist nicht für alle die richtige Einstiegsübung“, sagt die Yogalehrerin und Kunsttherapeutin. Heute steht Yoga für Menschen mit körperlichen Einschränkungen auf dem Plan. Zwei Stunden üben, atmen und entspannen die Patienten und Patientinnen der Rothaarklinik während der Yoga-Session. Vorsichtig, sie sollen sich nicht überlasten. Sie hören Mantras, spüren ihre Energie und lauschen entspannenden Texten: „Yoga wirkt nicht nur eindimensional. Körper, Geist und Seele werden mit in die Übungen einbezogen. Achtsamkeit ist hier das Zauberwort.“

Achtsamkeit, das bedeutet, dass der Mensch im wahrsten Sinn des Wortes auf sich Acht gibt. Dass er in sich hineinhört und wahrnimmt, was er in einer Situation empfindet und wie er sich verhalten möchte. „Gerade psychisch kranke Menschen verlernen, auf sich und ihre Bedürfnisse zu hören. Sie ignorieren häufig ihre Grenzen“, bestätigt Chefarzt Dr. Wehrmann. Der Facharzt für Dermatologie und Psychosomatik ist seit über 24 Jahren an der Rothaarklinik tätig und weiß, dass eine fachübergreifende Therapie für Patienten sinnvoll ist. „Viele Patienten haben zunächst keinen Zugang zu ihrem Körper und ihren Gefühlen oder möchten nicht mit anderen Menschen darüber sprechen. Entspannungsübungen in Verbindung mit Gesprächstherapie kann sie damit wieder in Kontakt bringen.“

Wie in der Psychotherapie, lernen Patienten bei den Entspannungsverfahren, zu denen Yoga an der Rothaarklinik gehört, ihren eigenen Körper zu respektieren: Um zu entspannen, müssen sie auf ihn und seine Signale achten: Was spüre ich, wo ist er verkrampft, tauboder schmerzhaft? Wohin will meine Energie, was täte mir gut? Es geht also nicht nur um die Abgrenzung von schädlichen Einflüssen, sondern auch das Erspüren und Umsetzen von Bedürfnissen. Das geht über ein „Nein“ hinaus zu einem „Ja, das ist mir wichtig“ und dies dann auch zu tun. „Da lassen sich Parallelen zum Berufs- oder Privatleben ziehen. Auch dort sagen Menschen oft viel zu selten was sie denken. Sie vermeiden die Auseinandersetzung, das Gespräch. Darunter leidet nicht nur ihr Selbstwert, bei anhaltender Überforderung und Unzufriedenheit können Schmerzen, Ängste oder Burn-out bis hin zu Depressionen folgen.“

Die Yogagruppe liegt derweil zur Abschlussentspannung auf den Yogamatten – schön eingekuschelt in flauschige Decken, damit die Teilnehmer sich geborgen fühlen. Ingeborg Klotz singt bei gedämpftem Licht ein Heil- und Segensmantra, Gänsehautstimmung. Nach den anderthalb Stunden verlassen die Patienten sichtlich gelöst den Gruppenraum. „Yoga bewegt und entspannt zugleich. Wer es schafft sich darauf einzulassen, der ist in seiner Therapie schon einen großen Schritt weiter“, erklärt die Yogalehrerin und sagt: „Yoga oder Entspannungsmethoden überhaupt, sind nicht nur heilend. Sie können auch schützen.“ Wer lernt den Stress herunterzufahren und sich zu entspannen, reduziert unter anderem das Risiko an einer psychischen Störung zu erkranken und wirkt auch körperlichen Leiden wie Kopfschmerzen oder Migräne entgegen.

Stresslevel regulieren

Die gute Nachricht ist, dass man Entspannung lernen kann: Techniken, die Sie in Kursen oder einer Reha lernen, können Sie jederzeit zuhause durchführen und ihr Stresslevel so in belastenden Situationen selbst regulieren. Denn nur wer entspannen und abschalten kann, sorgt gut für sich und seinen Körper – und lässt sich auch im Alltag nicht so leicht aus der Ruhe bringen.