Einander annehmen hat viele Facetten

Z Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

Das schreibt Mitte des ersten Jahrhunderts Paulus an die Christengemeinde in Rom. Der Römerbrief ist Teil des Neuen Testaments und aus ihm stammt die Jahreslosung für 2015. Wie schon bei der Jahreslosung vor vier Jahren aus dem Römerbrief – „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ – ist die Botschaft auch diesmal wieder eindeutig. Aber während wohl jeder die Jahreslosung vor vier Jahren sofort unterschrieben hätte, gibt es diesmal Fragen. Etwa: Will ich jemanden annehmen, der in Dresden an einer Pegida-Demonstration teilnimmt und Weihnachtslieder instrumentalisiert, indem er sie gegen das Fremde singt? Die konkrete Antwort für einen selbst, muss sich wohl jeder selbst geben. Aber vielleicht hilft es dabei, wie die folgenden vier Menschen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein die Jahreslosung verstehen.

Aufnehmen wer kommt

Der Raumländer Vikar Tim Elkar hat schon in den vergangenen Wochen für die Jahreslosung geworben. Alle Menschen, die beim Lebendigen Adventskalender der Raumländer Kirchengemeinde ein Fenster für die Anderen öffneten, bekamen ein Windlicht mit dem Satz „Nehmt einander an, so wie euch Christus angenommen hat zu Gottes Lob“ geschenkt. Tim Elkar erläutert: „Für mich bedeutet dies, dass ich andere Menschen aufnehmen soll, weil ich zuerst von Christus angenommen bin. Aufnehmen heißt auf den anderen zugehen, ihn in seiner Art und Weise respektieren und ihm helfen, wo ich es kann. An Weihnachten beginnt durch die Menschwerdung Gottes die Annahme des Menschen durch Gott und sie ist nicht ohne Ostern zu denken.“ Deshalb habe die Jahreslosung so gut zum Adventskalender gepasst, weil die Fensteröffner an den jeweiligen Abenden die Gemeinde an- und aufgenommen hätten: „ Die Gastgebenden wissen vorher nicht, wer alles kommt, sie lassen sich darauf ein, wirklich alle Menschen, die kommen wollen, aufzunehmen. Dies ist für mich gelebte Jahreslosung.“ Der große Erfolg des Lebendigen Adventskalenders in den acht Dörfern der Raumländer Kirchengemeinde gibt dem Vikar wohl Recht, dass er das nicht allein so sieht.

Annehmen in der Diakonie

Das Einander-Annehmen begegnet Stephanie Eyter-Teuchert ständig in ihrer Arbeit als Diakoniepfarrerin des Wittgensteiner Kirchenkreises. Für sie wird die Jahreslosung als Grundgedanke von den Mitarbeitenden in allen Arbeitsbereichen der Diakonie umgesetzt: bei Beratung, Betreuung, Familienpatenschaften, Kinder- und Jugendarbeit, Pflege, Hospiz- und Palliativarbeit, Diakonischer Gemeindemitarbeit, Flüchtlingshilfe, Arbeit bei den Tafeln, Arbeit mit Behinderten und vielem mehr. Dabei weiß sie aber, dass für das Einander-Annehmen zuvor ein anderer Schritt sein muss: „Einander annehmen setzt voraus: sich selbst annehmen, als Geschenk Gottes.“ Stephanie Eyter-Teuchert ermutigt zum Leben. Es wirke sich auf die Umwelt aus, wenn jemand durch sein Leben deutlich mache, dass er gern lebe: „Das ist unsere Aufgabe: bewusst jeden Tag zu leben, aufzustehen und das tun, was gerade ansteht.“ Und gerade weil die Realität in der Welt, aber auch an manchen Stellen in Deutschland Anlässe zur Verzagtheit oder gar Verzweiflung böten, rief sie auf: Einander anzunehmen bedeute, den Anderen zu würdigen, ihm mit Achtung zu begegnen, ihn überhaupt wahrzunehmen.

Respektvoll begegnen

Seit Anfang Dezember ist Barbara Lenz-Irlenkäuser mit einer halben Stellen beim Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein für die unabhängige Verfahrensberatung in der Flüchtlingsunterkunft am Berleburger Spielacker zuständig: „Ganz neu im Dienst für die Flüchtlinge in unserer Zentralen Unterbringungseinrichtung in Bad Berleburg erlebe ich jetzt täglich, welch’ große Herausforderung es ist, zu der die Jahreslosung uns auffordert. Wenn so viele Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen, Erwartungen, Hoffnungen und Ängsten aus den verschiedensten Ländern dieser Erde plötzlich auf begrenztem Raum zusammen sind, ist es einfach notwendig, einander anzunehmen - auch wenn dies ganz und gar nicht immer einfach ist. Und nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner müssen Mittel und Wege finden, tolerant und friedfertig miteinander umzugehen, auch all’ die verschiedenen Berufsgruppen, die dort arbeiten und für einen reibungslosen Ablauf sorgen, stehen vor dieser Aufgabe - es kann nur klappen, wenn wir uns alle respektvoll, freundlich, höflich und hilfsbereit begegnen. Das funktioniert nicht immer, jeder hat Kollegen, Klienten oder Mitbewohner, die ihm eben nicht so liegen, mit denen die Zusammenarbeit oder das Zusammenleben sich ganz schön schwierig gestalten. Auch ich mag nicht jedermanns Fall sein, auch mit meiner Art kommt bestimmt nicht jeder gut zurecht. Da setzt für mich ganz klar die Jahreslosung an: Mag ich sein wie ich will, mit allen Licht- und allen Schattenseiten - ich darf gewiss sein, dass Christus mich angenommen hat. “

Möglichkeiten hinterfragen

Für den Esloher Pfarrer Jürgen Rademacher, seine Kirchengemeinde Dorlar ist die nördlichste im Wittgensteiner Kirchenkreis, ist die Jahreslosung Anlass, die Möglichkeiten der Menschen zu hinterfragen. Die Kirchengemeinde hatte sich vor drei Jahren auf eine ihrer vier Kirchen konzentriert: „Annehmen ist besonders schwer, wenn einem zuvor etwas weggenommen wurde. Als wir uns vor nicht allzu langer Zeit von drei Kirchen trennen mussten, stand die bange Frage im Raum: Werden wir diese veränderte Situation annehmen können, uns auch einander annehmen, trotz tiefster Einschnitte? Heute wissen wir, obgleich wir uns miteinander intensiv um Annahme bemüht haben, dass gelingendes Miteinander am Ende nicht von uns machbar ist, sondern von der Gnade Gottes lebt.“