Ein Weg erinnert an den ersten Ehrenbürger

Erndtebrück..  Der Erndtebrücker Unternehmer Jörg Schorge ist der einzige lebende Ehrenbürger der Gemeinde. Es gibt aber noch einen weiteren Mann, dem dieser Titel von der „alten“ Gemeinde verliehen worden ist: Dr. Paul Meißner. Er wurde im Oktober 1876 in Erndtebrück geboren und praktizierte dort über 50 Jahre lang als Landarzt.

Sein medizinisches Engagement für die Bevölkerung ist im März 1953 mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gewürdigt worden; ein halbes Jahr später erfolgte die Verleihung der Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde. Schließlich benannte der Gemeinderat 1981 eine knapp 200 Meter lange Wohnstraße am Köpfchen in „Dr. Meißner-Weg“.

In der Druckerei

An den Namensgeber können sich noch ältere Bürger der Edergemeinde erinnern. Sie wissen von der Praxis in der Siegener Straße, wo Dr. Meißner mit seiner Frau im oberen Geschoss wohnte – und zwar auch noch, als die Familie Friedrich aus Wingeshausen kurz vor 1950 das Gebäude kaufte und eine Druckerei einrichtete. Helga und Horst Friedrich wohnten „mit dem Doktor unter einem Dach“, erinnert sich der heute 85 Jahre alte Senior-Chef der Druckerei. Dr. Meißner sei schließlich zu seiner Haushälterin Hackler im Ederfeld gezogen, wo er bis zu seinem Tod lebte.

„Der hat mir mal ein dickes Buch gezeigt,“ berichtet Horst Friedrich im Gespräch mit der Heimatzeitung. In dem Buch standen die Namen jener Patienten, die ihre Behandlung nicht bezahlen konnten und Schulden bei dem Arzt hatten. „Dr. Meißner war sehr großzügig. Das Geld hat er nie gesehen“, weiß Friedrich. Er hat auch noch eine nette Anekdote parat: „Dr. Meißner hatte eines der ersten Autos in Erndtebrück. Und wenn er Wintertags mal steckenblieb, mussten alle schieben – aber wehe, einer packte das Auto an.“

So lustig der Mediziner im „Wittgensteiner Hof“ bei „Dürsches“ während des abendlichen Kartenspiels mit Lehrer Nollkämper und Sägewerksbesitzer Borghaus sein konnte, so beherzt konnte er als Arzt zupacken. „Der war nicht zimperlich“, behauptet Wilhelm Schmidt (81), langjähriger Vorsitzender des Heimatvereins. Er hat es „als 12-, 13-Jähriger am eigenen Leib erfahren“. Beim Holzmachen mit seinem Papa hatte sich Schmidt den Finger gebrochen. „Operiert wurde das von Dr. Meißner. Der Finger ist heute noch krumm und erinnert mich oft noch an den Arzt“, lacht Schmidt.

Auch Karl-Heinz Völkel (Jahrgang 1937) hat eine Begebenheit über und mit Dr. Meißner nicht vergessen. „Der hatte die Sprechstunde im Haus unten rechts und war nicht nur für Erndtebrück, sondern auch für alle Ortschaften zuständig. Der fuhr bis Zinse, Wingeshausen und in die Benfe. Ich habe ihn in guter Erinnerung. Als der Doktor mal die Frau eines Lokführers nach dem Beruf des Mannes fragte, antwortete diese immer wieder mit ,...der fährt...’, worauf Dr. Meißner schließlich gebrüllt haben soll ,Was fährt der denn? ‘N Ochsenkarren oder Mist?’“

Glocken für Dackel Waldmann

Der Erndtebrücker Schulrektor und Heimatforscher Paul Friedrich (†) hat Dr. Meißner einen Beitrag im Erndtebrücker Heimatbuch, Band II, gewidmet. Unter der Überschrift „Von Leuten, die man in Erndtebrück nicht vergessen sollte“ zeichnet Friedrich ein Bild des Arztes. Darin schildert der Autor auch die besondere Zuneigung Dr. Meißners zu seinem Langhaardackel „Waldmann“. Als der kleine Vierbeiner gestorben war, wurde er mit Glockengeläut morgens um 11 Uhr auf dem privaten Grundstück hinter dem Haus feierlich zu Grabe getragen. Paul Friedrich würdigt abschließend: „... Dr. Meißner ist in einem halben Jahrhundert zu einer wahren Persönlichkeit in Erndtebrück und im Wittgensteiner Land geworden. Er war ein volkstümlicher Arzt, der in seiner bescheidenen Art der große Helfer vieler Menschen war...“.

Früh Mitglied der NSDAP

In dieser Eigenschaft sieht die Kreisvereinigung der Verfolgten des Naziregimes Siegerland-Wittgenstein den Erndtebrücker Arzt eher nicht. Bei der Erforschung von Entnazifizierungsbögen ist der Historiker Dr. Ulrich Opfermann auf Dr. Paul Meißner gestoßen und hat ihn aufgenommen in das „Regionale Personenlexikon zum Nationalsozialismus“ im heutigen Kreisgebiet.

Im Gespräch mit unserer Zeitung betont Dr. Opfermann: „Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass es auch in unserer Region in großer Zahl Frauen und Männer gab, die den Faschismus von Anfang an unterstützten und seine Macht nach 1933 bedingungslos festigten.“ Bei Dr. Meißner sei für Opfermann „bemerkenswert“ gewesen, dass der Arzt bereits 1931 Mitglied der NSDAP geworden“ sei und ihm nach 1945 zunächst ein Berufsverbot gedroht habe.

Die Politiker der Gemeinde Erndtebrück dürften bei der Ernennung Meißners zum Ehrenbürger sowie bei der Straßenbenennung wohl den Einsatz des Mediziners für die Gesundheit der Erndtebrücker höhe eingeschätzt zu haben, als die Tatsache, dass ihr Landarzt wie die allermeisten Wittgensteiner auch „in der Partei“ waren.