Ein Wappentier, das sich sehen lassen kann

Bei Eintracht Frankfurt ist es ein Adler, bei 1860 München ein Löwe und beim 1. FC Köln ein Geißbock: Tiere im Vereinswappen, mit denen ein Fußballverein etwas über sein Selbstverständnis zum Ausdruck bringen möchte. Wenn man sich mal die Turmspitzen verschiedener Kirchen anschaut, findet man auch dort ein Tier: Den Hahn, sozusagen als „Wappentier“ der Kirche.


Ich frage mich: Warum ist das so und was hat das zu bedeuten? Die Geschichte in der Bibel, in der der Hahn vorkommt, ist für die Jünger, besonders für Petrus, kein Ruhmesblatt: „Ich sage dir, Petrus, der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.“, sagt Jesus dort. (Lk 22, 34) Diese Entdeckung ist bitter: Die Spur des Verrats führt bis in den innersten Jüngerkreis hinein.


Vor diesem Hintergrund erinnert mich der Hahn auf der Kirchturmspitze an meine menschlichen Schwächen. Das mag unbequem sein, denn diese darf es in unserer „Leistungs“-Gesellschaft eigentlich gar nicht geben: „Deutschland sucht den SUPERSTAR“, das „TOP-Modell“ und den „DschungelKÖNIG“. In der Werbung muss alles glänzen, faltenfrei, streifenfrei und pikobello sauber sein – und in unserem Inneren spüren wir, dass das nicht der Realität entspricht.


Von Jesus lerne ich: Unter dem Hahn und in seiner Gegenwart haben Menschen mit Ecken und Kanten ihren Platz. Bei ihm kann ich zu meinen Schwächen stehen und bin trotzdem angenommen.


Das unterstreicht auch der zweite Satz, den Jesus zu Petrus sagt: „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ (Lk 22, 32) Dieser Satz ist für mich wie ein kostbarer Diamant, wenn ich mal das Experiment wage und für Petrus meinen eigenen Namen einsetze: Jesus faltet für mich seine Hände. Er betet für mich. Er steht bei Gott für mich ein. Er hält zu mir.


Jesus sagt: Meine gefalteten Hände sind es, die dich Petrus, die dich Menschenkind ‚durchbeten’ auch da, wo du auf die Nase fällst, dein Glaube ins Wanken kommt und du den Boden unter den Füßen verlierst. Das finde ich eine ungeheure Ermutigung, an die ich mich durch den Hahn auf der Kirchturmspitze gerne erinnern lassen möchte. Außerdem gilt der Hahn als Frühaufsteher unter den Tieren: Mit seinem lauten Krähen kündigt er in der Morgendämmerung den neuen Tag an. In dieser Funktion wird der Hahn für mich zu einem Boten für die Nachricht von der Auferstehung Jesu: Die dunkle, bedrückende Macht des Todes kann mich nicht mehr festhalten; trotz Scheitern, trotz Pleite und Niederlage ist ein Neuanfang möglich.


Der Hahn auf dem Kirchturm sagt mir: Alles das, was uns niederdrückt an Schicksalsschlägen, an Begegnungen mit dem Tod oder Schreckensmeldungen in den Medien hat nicht das letzte Wort: Jesus als der Auferstandene trägt den Sieg davon und schenkt uns die Kraft zum Neubeginn.


So wird der Hahn auf den Kirchtürmen für mich zu einem ausdrucksstarken Zeichen, das sich sehen lassen kann – und wenn Sie ihn demnächst auf einer Kirchturmspitze entdecken, möge er Sie an einen der o.g. Gedanken erinnern.
Pfarrer Steffen Post, Evangelische Kirchengemeinde Bad Laasphe