Ein paar Minuten zwischen Tod und Leben

Können wieder lächeln: Die beiden Bad Berleburger Elke und Wolfgang Lückert berichten nach ihrer Rückkehr, wie sie das schwere Erdbeben in Nepal überlebt haben. Das Beben der Stärke 7,9 erwischte den pensionierten Gymnasiallehrer (66) und die Physiotherapeutin (52) unterhalb des Kala Patthar kurz vor dem Basis Camp des Mount Everest.
Können wieder lächeln: Die beiden Bad Berleburger Elke und Wolfgang Lückert berichten nach ihrer Rückkehr, wie sie das schwere Erdbeben in Nepal überlebt haben. Das Beben der Stärke 7,9 erwischte den pensionierten Gymnasiallehrer (66) und die Physiotherapeutin (52) unterhalb des Kala Patthar kurz vor dem Basis Camp des Mount Everest.
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Was wir bereits wissen
Die beiden Bad Berleburger Elke und Wolfgang Lückert berichten nach ihrer Rückkehr, wie sie das schwere Erdbeben in Nepal überlebt haben. Das Beben der Stärke 7,9 erwischte den pensionierten Gymnasiallehrer (66) und die Physiotherapeutin (52) unterhalb des Kala Patthar kurz vor dem Basis Camp des Mount Everest.

Bad Berleburg..  Es waren nur ein paar Minuten oder ein paar Meter, die über Leben und Tod entschieden haben. Der gefährliche Wetterwechsel im Hochgebirge hatte diesmal sein Gutes. Das Bad Berleburger Ehepaar Elke und Wolfgang Lückert überlebte das schwere Erdbeben in Nepal mit schier unfassbarem Glück, weil es zur rechten Zeit am rechten Ort langsam war.

Jetzt, nach ihrer (fast) gesunden Rückkehr, erinnern sie sich auf der Bank vor ihrem Blockhaus in Stünzel im Gespräch mit der Westfalenpost an die wohl aufregendsten Minuten ihres mit Sicherheit unvergesslichen Nepal-Urlaubs.

Der pensionierte Gymnasiallehrer und die Physiotherapeutin wollten den Mount Everest einmal ganz aus der Nähe sehen. Das wurde ihnen fast zum Verhängnis. In Gorak Shep auf dem Khumbu-Gletscher, kurz vor dem Basislager des höchsten Berges der Welt, wurden die beiden von dem Beben der Stärke 7,9 überrascht.

„Es hat angefangen zu schneien. Ich wollte noch mein Regencape überziehen und habe rumgetrödelt“, erzählt der 66-Jährige. Seine Ehefrau Elke (52) und der Rest der Reisegruppe wartet mit den Sherpas auf ihn. Dann geht es los. Sie wollen am knapp 5700 Meter hohen Kala Patthar vorbei in Richtung Basis Lager marschieren. Den Aussichtspunkt, von dem man ein wunderbares Panorama auf das Dach der Welt genießen kann – hier zeigen sich der Mount Everest, Lhotse und Nuptse in all ihrer Schönheit, müssen sie wegen des schlechten Wetters links liegen lassen. Es sind ein paar Höhenmeter weniger, aber auch die sind beschwerlich. Auf dem Weg zum Basis Lager, auf dem steilen Hang einer Gletschermoräne, erwischen die zwei gewaltigen Erdstöße die Bergwanderer: „Auf einmal machen die Steine einen Satz“, erinnert sich Wolfgang Lückert. Er brüllt der Gruppe „Das ist ein Erdbeben!“ zu, packt seine Frau und drückt sie gegen die Felswand. Keinen Moment zu früh: „Oben aus der Wand sprangen Steine, so groß wie Findlinge,

senkrecht raus“. Die tonnenschweren Brocken stürzen zu Boden. Ein paar Meter weiter vorn und hinten springen diese Felsstücke wie Bälle vom Boden wieder hoch. Dort hat niemand eine Chance, sich zu schützen. Nur da, wo die Lückerts und ihre Reisegruppe auf einem kleinen Plateau an einer Felswand Schutz suchen, gibt es eine kleine Mulde, in der die Brocken sofort liegen bleiben. Sie sind zur rechten Zeit am rechten Ort, vielleicht auch weil der 66-jährige getrödelt hat.

Die Gruppe duckt sich hinter den Felsbrocken und warten ab. „Das Ganze hat etwa 40 Sekunden gedauert“, schätzt Wolfgang Lückert. Doch es ist noch nicht vorbei. Als er sich umsieht, hört er ein tiefes Grollen. „Ich dachte, da ist irgendetwas in Bewegung. Und als ich mich umdrehte, sah ich eine gut 300 Meter hohe Staubwolke auf uns zu rasen. Da haben wir uns alle hinter die Steine geduckt.“ Der Staubwolke folgt noch eine zweite Welle. Diesmal sind es Eis und Schnee, die die Bergwanderer mit einer 40 Zentimeter dicken Schicht zudecken. „Uns hat ein Ausläufer der Eislawine erwischt, die den rechten Teil des Everest-Basislagers gestreift und 18 Menschen getötet hat“, weiß Lückert im Nachhinein.

Panik bricht aus

Dann ist alles vorbei und Panik bricht aus. Selbst erfahrene Bergsteiger wollen nur noch runter nach Gorak Shep und wieder zurück nach Namche Bazar, um ausgeflogen zu werden. Auch diese „Hauptstadt der Sherpas“ hat etwas abbekommen, aber laut Lückert sei es dort sicherer und besser gewesen als am Flugplatz Lukla oder in Kathmandu. „Ich hab’ denen allen gesagt, sie sollen sich gedulden. Da unten ist Chaos. Da sitzt Ihr erst recht im Dreck“. Aber das Beben hat die Gruppe erschüttert: „Da erlebst Du die Menschen ganz anders als vorher.“ Diejenigen, die bisher nur rauf auf die Berge wollten, hätten jetzt dem Nepaltourismus oder dem Reiseveranstalter die Schuld gegeben. „Eine bestand sogar darauf, mit einem Hubschrauber ausgeflogen zu werden, obwohl sie nicht einmal verletzt war“, erinnert sich Elke Lückert.

Für das Ehepaar war das keine Option. Sie wollten abwarten, bis sich die Lage entspannt und die größte Not gelindert war. Solange nutzten sie die Zeit in Nepal. „Wir haben Tagestouren gemacht“, berichtet Wolfgang Lückert.

Staub des Bebens auf den Bronchien

Aber dann, als die Situation ein bisschen geordneter ist, wollen auch die Lückerts nach Hause. Vom Flugplatz Lukla aus geht es in die stark zerstörte Hauptstadt Kathmandu und zwei Tage später weiter über Delhi und Frankfurt nach Wittgenstein. Im Flieger fällt auch bei den beiden der Stress der vergangenen Wochen ab und Elke Lückert bekommt hohes Fieber. Beide haben sich eine Bronchitis eingefangen. Der Staub und das Eis vom Khumbu-Gletscher liegen bei beiden noch nach Tagen fest auf den Bronchien. Dennoch sind sie vergleichsweise gut davon gekommen.

„Für mich ist die Natur nicht gefährlich. Wenn man sich mit ihr arrangiert, kann man in der Natur überleben“, sagt der ehemalige Sport- und Biologielehrer. „Aber es gibt auch so etwas wie Schicksal“, ergänzt seine Frau. So gesehen, waren die vertrödelten Minuten vielleicht das Schicksal der beiden.