„Die Schule war ein Himmelbett für mich“

„Atemlos“ im Pausenhof der Realschule Erndtebrück: Schüler der Klasse 5a präsentieren ihren Flashmob für „König“ Bernd Weiskirch. Klar, dass er sich als passionierter Tänzer gern zum Mitmachen auffordern lässt.
„Atemlos“ im Pausenhof der Realschule Erndtebrück: Schüler der Klasse 5a präsentieren ihren Flashmob für „König“ Bernd Weiskirch. Klar, dass er sich als passionierter Tänzer gern zum Mitmachen auffordern lässt.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Bernd Weiskirch verabschiedet sich nach 27 Jahren als Realschulleiter in Erndtebrück. Die Schüler feierten ihn gestern als „König“ – und boten ihm auf dem Schulhof Unterhaltsames dar.

Erndtebrück..  „Atemlos“ hat sich die Klasse 5a der Realschule Erndtebrück am Mittwochmorgen von ihrem scheidenden Rektor Bernd Weiskirch verabschiedet – und ihn bei ihrem Flashmob mitten auf Schulhof auch gleich zum letzten Tanz aufgefordert. Zu den Klängen von Helene Fischer. Weiskirch ist bekennender Fan. Kurz vor seinem Ruhestand machten ihn seine rund 300 Schüler aber noch zum „König“. Warum der 63-Jährige, der im August 64 wird, so einen guten Draht zu ihnen hat – auch das erklärt er in unserem Interview.

Rente mit 64 – wie fühlt man sich?

Ich war jetzt 27 Jahre lang Schulleiter in Erndtebrück und davor zwei Jahre stellvertretender Leiter der Realschule am Oberen Schloss in Siegen. Das ist einer meiner Lebensabschnitte gewesen. Punkt. Und meinen privaten Lebensstil werde ich nun nicht ändern. Mit Sicherheit werde ich aber mehr über den Tellerrand schauen.

Über den Tellerrand schauen – was bedeutet das für Sie?

Als passionierter Mountainbiker habe ich mit zum Beispiel ein ernsthaftes Projekt vorgenommen: Ich möchte gerne mit fremden Menschen, mit Asylsuchenden, mit Flüchtlingen eine Mountainbike-Gruppe gründen, wahrscheinlich in Bad Berleburg. So mit zwölf bis 15 Teilnehmern. Kumpel von mir würden dafür auch die Räder zur Verfügung stellen. Für mich ist wichtig, dass Integration auch Sport heißt. Das berühmte Loch, in das ich als Rentner fallen soll, sehe ich nicht.

Was sagt die Familie?

Für die bleibt natürlich jetzt mehr Zeit. Meine Frau ist selbstständige Kosmetikerin und möchte das auch noch zehn Jahre machen. Da können wir uns jetzt noch schöner über ihren und meinen Beruf unterhalten. Und: Ich kann jetzt endlich mal meine Töchter besuchen. Sina (33) ist Lehrerin in Dortmund, da habe ich schon Enkel. Und Nina (34) ist Juristin in Berlin. Da muss ich nun nicht mehr nur per Internet skypen.

Blick zurück aus Ihrer Berufserfahrung heraus: Wie hat sich das „System Schule“ bis heute verändert?

Insgesamt haben Smartphones die Situation sehr verändert. Dass Schüler heute ohne Handy oft geradezu unter Entzugserscheinungen leiden, finde ich schon schlimm. Bei uns dürfen die Schüler ihr Handy zwar mitbringen, es aber nur im Notfall oder für eine Recherche im Unterricht benutzen. Wir brauchen einfach mehr persönliche Kommunikation. Das Thema „Mobbing“ haben wir vorher nicht gekannt. Früher gab’s einen Ringkampf auf dem Schulhof, da konnte man leicht streitschlichtend eingreifen. Heute sägen die Schüler den Stuhl einer etwas beleibteren Mitschülerin an – und stellen gleich mehrere Videos dazu ins Internet. Zugleich sind Kinder heute anscheinend nicht mehr so belastbar wie früher, weil sie das zuhause nicht lernen.

Wie sind Sie im Schulalltag mit Konflikten umgegangen, sei es mit Schülern oder Lehrer-Kollegen?

Natürlich gibt es da zum Beispiel manche Schüler, die besonders aggressiv sind. Da laufen dann viele Gespräche. Ich habe ein Faible für Schüler, die ein seelisches Problem haben – denen möchte ich helfen. Dabei ist aus meiner Sicht Selbstreflexion das A & O. Auch wenn zum Beispiel schwule Schüler ihr Coming out planen, stehe ich sofort dahinter, wenn sie sich mit dieser Entscheidung schwer tun.

An welche Momente erinnern Sie sich, wo Sie sagen: Ja, wirklich sehr gut gelaufen?

Also, auf jeden Fall an das Musical vor drei Jahren von Schülern für Schüler in der Pulverwaldhalle. Das hat in Erndtebrück damals viel Zuspruch gefunden. Ich selbst habe dabei die Choreografien gemacht, bin ja schon jahrelang Discofox-Tänzer mit Familie und Freunden. In unserer Discofox-AG vermittle ich das meinen Schülern auch gerne weiter. Denn ich finde, dass ein Lehrer nicht nur starr unterrichten sollte, sondern auch seine Hobbys lebt. Und bei mir ist das eben der Sport.

Überhaupt war meine Zeit hier an der Realschule ein Himmelbett für mich – mit toller Schüler- und Elternschaft, die auf dem Land noch eine ganz andere Werte-Vorstellung hat als in der Stadt. Und das hat mir auch Energie gegeben.

Welche Zukunft hat aus Ihrer Sicht die Realschule in Erndtebrück?

Mit Blick auf sinkende Schülerzahlen hat die Realschule noch für ein paar Jahre Luft – aber die Luft wird dünner. Mit 57 Anmeldungen für das nächste Schuljahr reicht es noch für zwei fünfte Klassen.

Ihre Nachfolgerin wird Ihre Kollegin Darjana Sorg. Was geben Sie ihr mit auf den Weg?

Sie sollte – ihren Ressourcen entsprechend – die Schule mit einem Schwerpunkt leiten. Meiner war der Sport mit Tanz-AG und Schul-Triathlon, sie möchte ihren auf Sozialarbeit und Musisches legen, mehr mit Chören und Musikschulen zusammenarbeiten.

Was meinen Sie: Werden die Schüler ihren Rektor Bernd Weiskirch vermissen? Wenn ja: Warum?

Ich glaube, dass es weniger die Schüler sind, die binnen sechs Jahren unsere Schule durchlaufen. Wer mich eher vermissen wird, ist der ein oder andere Lehrer-Kollege.