Die Pflicht der Anständigkeit

70 Jahre ist der Zweite Weltkrieg seit gestern vorbei. Gedenkveranstaltungen und Reportagen zur Befreiung Deutschlands von der Nazi-Tyrannei haben die letzten Wochen ebenso geprägt wie Berichte von den vielen aktuellen Konflikten unserer Welt. Die Erschütterung über die unfassbaren Grausamkeiten und das millionenfache Sterben und Leiden durch diesen Krieg ausgehend von unserem Land macht sensibel für die Zerbrechlichkeit des zivilisierten Zusammenlebens von Menschen. Dünn ist das Eis. Schnell bricht man durch in Hass, Gewalt und Brutalität. Um neuen Auswüchsen von Unmenschlichkeit zu wehren, ist es wichtig, der Brüche in der eigenen Geschichte zu gedenken, Schuld zu benennen, für Versöhnung zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Als Christinnen und Christen orientieren wir uns dabei an der Verheißung der Bergpredigt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“


In solchem Erinnern und Gedenken werden die immer wieder vorgeschobenen Fragen „Was haben die Menschen damals gewusst?“ und „Was hätte ein Einzelner denn tun können?“ zur deutlichen Aufforderung an unsere Friedensverantwortung heute: Jeder weiß, was aktuell an Unrecht geschieht und kann sich alle Informationen besorgen. Und jeder Einzelne hat die Pflicht und auch die Möglichkeit, hier etwas zu tun. Weil Gott sich nicht auf fromme Reservate beschränken lässt, sollen alle Bereiche des Lebens vom Glauben her gestaltet werden.


Das beinhaltet eben auch eine politische Verantwortung der Kirche. Auch wenn sich manch einer von solchem kirchlichen Handeln irritiert oder herausgefordert fühlt oder es sogar als „Politpropaganda“ diffamiert, kann Kirche gar nicht anders, als politisch zu sein. Schließlich sind wir gesandt in „alle Welt“. Und weil unser Gott ein Gott des Lebens und der Befreiung ist, müssen wir angehen gegen alle Mächte und alles Geschehen, die Menschenleben einengen oder töten.


„Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ ist zum Leitwort christlicher Friedensethik geworden. Als mit Gott versöhnte Menschen sind wir herausgefordert, zu erinnern, zu versöhnen und zu arbeiten. Frieden bedeutet nicht einfach den Krieg zu lassen. Es heißt auch in der neuen Verantwortung, die gerade Deutschland heute in der Welt hat, etwa für eine Entwicklungspolitik einzutreten, die Krisen und Kriege verhindert, statt sie im Nachhinein militärisch zu bekämpfen.


Und das bringt ganz konkrete Schritte mit sich, auch für unser Leben hier in Wittgenstein: Klimaschutz und fairer Konsum zum Beispiel fangen im eigenen Haushalt an und sind in ihrer Auswirkung Bausteine des Friedens, die Lebensumstände in anderen Ländern verbessern und damit stabilisieren. Und wenn es Menschen durch die unerträglichen Zustände in ihren Herkunftsländern zu uns verschlägt, dann haben wir mindestens die Pflicht der Anständigkeit, sie herzlich willkommen zu heißen. Falls Ihnen eine Idee fehlt, was ein Einzelner dabei konkret machen kann, sprechen Sie mich gern an. Ich habe viele in der Hoffnung aus Psalm 85 „…, dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen“.
Claudia Latzel-Binder,
Pfarrerin in Bad Berleburg