„Die Linke“ startet Umfrage zur Kinderarmut

Die Linke in Wittgenstein startet Umfrage zum Thema Kinderarmut: WP-Redakteur Eberhard Demtröder (links) im Gespräch mit Diplom-Pädagogen Heiko Boumann (Mitte) und Klaus Thielen von der Linken
Die Linke in Wittgenstein startet Umfrage zum Thema Kinderarmut: WP-Redakteur Eberhard Demtröder (links) im Gespräch mit Diplom-Pädagogen Heiko Boumann (Mitte) und Klaus Thielen von der Linken
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Das Tabu-Thema braucht auch in der Region mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Sagt jedenfalls der Laaspher Di­plom-Pädagoge Heiko Boumann im Gespräch mit unserer Zeitung.

Wittgenstein..  Kinderarmut – die gibt’s auch in Wittgenstein. Davon ist Diplom-Pädagoge Heiko Boumann aus Bad Laasphe überzeugt. Mit einer Umfrage in allen Kindertagesstätten und Grundschulen der Region möchte der 55-Jährige, der als Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche tätig ist, herausfinden: Welche Dimension hat das Problem vor Ort eigentlich?

Gerade hat Boumann seinen Fragebogen an alle 40 Kitas und Schulen in der Region verschickt. Er gehört zu einer Arbeitsgruppe im Wittgensteiner Ortsverband der Linken, die sich mit dem Thema beschäftigt. „Wir beobachten die Entwicklung mit allergrößter Sorge“, macht Boumann für die Partei deutlich.

„Soziale Misshandlung“

Gegen die Kinderarmut als eine Art der „sozialen Misshandlung“ brauche man vermutlich vor Ort „ein handlungsfähiges regionales Netzwerk von Menschen, die sich dagegen engagieren“, schätzt Boumann. Es reiche jedenfalls nicht, betont er, „wie alle anderen Parteien daran mitzuarbeiten, nur den von der Armut betroffenen Familien Veränderungen abzuverlangen“ – Stichwort „Fördern und fordern“.

Doch ehe man hier politisch etwas bewegen könne, da ist sich Boumann mit dem linken Ortsverbandsvorsitzenden Klaus Thielen einig, müsse man erst eine möglichst breite Datenbasis schaffen. Dazu hat Boumann einen Fragebogen entworfen. Was schätzen Sie: Wie groß ist das Ausmaß der Kinderarmut hier in Wittgenstein? Und was, glauben Sie, braucht man, um das Problem zu lösen? Dazu sollen sich die Wittgensteiner Einrichtungen äußern.

Ausgangspunkt ist für Boumann eine aktuelle Armutsstudie des Deutsche Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Danach stieg die allgemeine Armutsquote in NRW 2013 auf etwa 17 Prozent an. Für NRW bedeute das, so Boumann, dass jedes fünfte Kind unter 15 Jahren von Armut betroffen sei. Der Pädagoge schätzt, dass die Quote der Kinderarmut in Siegen-Wittgenstein bei mindestens zwölf Prozent liegt – erfasst man allein jene Kinder, deren Eltern Sozial-Leistungen nach Hartz IV beziehen. Darüber hinaus gebe es aber auch Familien, in denen die Eltern zwar arbeiteten, aber zu wenig verdienten, um nicht doch unter die Armutsschwelle zu fallen – Stichworte: prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Niedriglohn-Jobs.

Dass man sich um das Problem kümmern muss – davon ist Boumann überzeugt. „Aus ersten Gesprächen in Kindertagesstätten vor Ort wissen wir, dass diese Problematik auch hier in Wittgenstein wächst“, sagt er. Betroffene Kinder erkennen die Erzieherinnen laut Boumann zum Beispiel daran, dass sie bei Schnee und Eis keine festen Winterschuhe tragen, weil den Eltern das Geld dafür ebenso fehlt wie etwa für Klassenfahrten oder andere Aktionen der Schule, die mit Kosten verbunden sind.

Lösungsvorschläge nach Auswertung

Dann ist das Kind eben „krank“, wird eine Entschuldigung geschrieben. Und: Gerade um diese Kinder, die oft mit Entwicklungsdefiziten und Lernproblemen zu kämpfen hätten, so Boumann, müssten sich Erzieherinnen und Lehrer auch intensiver kümmern.

Bei der AWO im Kreis Siegen-Wittgenstein, Träger unter anderem mehrerer Kitas in der Region, sei das Problem durchaus bekannt, sagt Boumann. Und dort bedauere man, dass sich die Politik zu wenig darum kümmere. Konkrete Lösungsvorschläge möchte die Linke vom Ergebnis der Umfrage abhängig machen. Boumann und Thielen hoffen, greifbare Ergebnisse im Herbst vorstellen zu können.