Die Angst vor dem Gabelschwanzjäger

Arfeld/Berleburg..  Es fehlte nicht viel und Waltraud Keune (damals Hartmann) hätte den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt, dabei war sie doch erst 16 Jahre alt. Am 22. Februar 1945 erlebt die Schülerin einen folgenschweren Fliegerangriff auf einen Zug, bei dem ein Mädchen aus Elsoff tödlich verletzt wurde und Waltraud Keune ihren ersten Kriegstoten sah.

Es ist ein klarblauen Frühlingstag. Der Schnee ist schon fast überall geschmolzen, erinnert sich die heute 86-Jährige. Und wenn nicht Krieg wäre, könnte sich die junge Arfelderin über den Frühling freuen. An diesem Tag haben Fliegeralarme die Menschen in Berleburg immer wieder aufgeschreckt. Auch wenn es immer wieder Entwarnung gegeben hat, wollen ihre Klassenkameradinnen nicht mit dem Zug fahren. „Ich indes ging zum Bahnhof und hoffte, die kurze Strecke bis Arfeld gefahrlos fahren zu können“, berichtet Waltraud Keune. Sie hat ihre Erinnerungen mit der Schreibmaschine festgehalten.

Als das junge Mädchen auf dem Bahnsteig steht, ertönt der nächste Alarm. Eine kurze Zeit des Zögerns. Soll sie in den Zug steigen oder nicht. Waltraud Keune steigt ein und setzt sich ans Fenster. Zusammen mit fünf meist jüngeren Mädchen sitzt sie in einem Abteil. Der Personenwagen ist an den Güterzug angehängt worden und rollt an. „Kaum hatte der Zug den Bahnhof verlassen, kamen Doppelrumpfjäger und beschossen den Zug. Eine Bombe fiel hinter dem Zug auf das Gelände der Schmiede Belz. Hinter der Fabrik Winckel hatte der Kessel der Lokomotive so viele Einschüsse, dass der Wasserdampf nur so zischte.“

Zug bleibt in Berleburg stehen

Der Zug kam nicht viel weiter. „Der Packwagen war in Brand geraten. Alle Personen suchten Schutz. Einige sprangen aus dem Zug. Andere zögerten zuerst. Zu den Letztgenanten gehörte ich. Ich suchte Schutz unter einer Sitzbank und hielt den Schulranzen schützend über meinen Kopf. Eine Milchkanne, die ich von Frau Guntermann ihrer Tochter Johanne Hartmann mitnehmen sollte und die neben mir gestanden hatte, bekam einen Schuss mit ab.“

Schülerin mit Bauchsteckschuss

Viel schlimmer erwischte es ein junges Mädchen aus Elsoff, das mit Waltraud Keune im Zug saß: „Sie sprang aus dem Zug und erhielt einen Bauchsteckschuss“, erinnert sich unsere Zeitzeugin an Martha Althaus. „Klassenkameraden haben sie bis in den Arfelder Ohrenbach geschleppt. Von dort wurde mein Vater angerufen, ob er das Kind ins Krankenhaus bringen könnte.“ Waltraud Keunes Vater, der Fabrikant Heinrich Hartmann, besaß ein eigenes Auto. Doch der Vater war mit der Feuerwehr in Wemlighausen im Einsatz, wo durch die Luftangriffe mehrere Scheunen brannten. Also leitete ihre Mutter den Notruf an den Arzt Dr. Koch in Schwarzenau weiter. Der versorgte das Mädchen, doch es starb drei Wochen später an den schweren Verletzungen.

Nachdem die erste Welle der amerikanischen Flugzeuge vorbei war, wagte sich Waltraud Hartmann aus dem Zug. Sie sprang den Bahndamm hinab und versuchte die ersten Häuser in der Schützenstraße zu erreichen. Doch der Luftangriff war noch nicht zu Ende. Sie erreicht einen schmalen Fußweg an einer Unterführung vom Wiesenweg in die Schützenstraße als der Bordwaffenbeschuss wieder von neuem beginnt.

„Man konnte die Piloten in ihren Kanzeln sehen. Mit Mühe erreichte ich eines der Häuser auf der Oberseite der Schützenstraße.“ Gemeinsam mit den Hausbewohnern sucht Waltraud Keune im Keller Schutz. Keinen Moment zu spät. „Kaum im Luftschutzkeller angelangt fiel eine Bombe hinter das Nöllingsche Grundstück. Dadurch fielen einige Gläser und Flaschen aus einem Regal. […] Als alles vorbei war, und ich mich erhob, hatte ich ganz rote Hände. Ich glaubte zuerst, es sei Blut. Doch es war Himbeersaft aus einer Flasche, die aus dem Vorratsregal gefallen war.“

Die Leiche des Luftschutzwartes

Als Entwarnung gegeben wurde, machte sich die 16-jährige Arfelderin sofort auf den wage nach Hause. Als sie zur Eisenbahnunterführung an der Lenne kommt, sieht sie ihren ersten Kriegstoten. „Es war Herr Schmidt aus Schwarzenau. Er war Kreisluftschutzwart und hatte nur wenig zuvor mit mir in diesem Eisenbahnwagen gesessen. Er lag auf dem Rücken. Seine Aktentasche daneben. Mich packte Panik und ich hetzte nur so die Lenne hoch.“

Auf dem Weg bis nach Arfeld entdeckt das völlig verängstigte junge Mädchen noch einmal Flieger am Himmel und verkriecht sich bei Meckhausen in ein Wasserrohr und sucht später in der Räucherkammer eines Hauses direkt vor der Eisenbahnbrücke Schutz. Später schlug sie sich durch den Wald oberhalb der Bahntrasse bis nach Hause in den Stedenhof durch.

„Von da an hatte ich furchtbare Angst beim Gebrumm feindlicher Flugzeuge.“