Der Junge vom Dorf im Einsatz für eine bessere Welt

Das Erlebte hat sie verändert: Heinrich und Helga Höse blicken auf 14-jährige Erfahrungen in der Entwicklungshilfe zurück.
Das Erlebte hat sie verändert: Heinrich und Helga Höse blicken auf 14-jährige Erfahrungen in der Entwicklungshilfe zurück.
Foto: Björn-Uwe Klein Björn-Uwe Klein

Wallau/Sassenhausen..  Eine wirkliche Wahl hat Heinrich Höse in jungen Jahren nicht gehabt. Schon früh stand für den gebürtigen Sassenhäuser fest, dass er die Schreinerei seiner Eltern übernehmen sollte. „Da gab es kein Mitspracherecht“, schreibt der 62-Jährige in seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Junge vom Dorf“. Der in Wallau lebende Autor beschreibt darin, wie sein Leben schließlich doch eine entscheidende Wende nahm: durch Tätigkeiten im Entwicklungsdienst, die ihn nach Lesotho, ins Kosovo, später nach Südafrika brachten.

„Der Junge vom Dorf“ (209 Seiten) ist ein reich bebildertes und sehr persönliches Werk, das sich wie ein Tagebuch liest: ungekünstelt, oft – aber nicht nur – auf den Moment bezogen. Der Autor gibt sich zu erkennen als jemand, der einen anderen Weg einschlug als den, der von ihm erwartet wurde. Dem dieser Weg nicht leicht fiel. Der an seine Grenzen geriet. Und der nie vergessen hat, wo er herkommt.

Soll das alles gewesen sein?

Heinrich Höse, Jahrgang 1952, wuchs in Sassenhausen mit einer älteren Schwester und einem jüngerer Bruder auf. Fußball wurde zu seiner großen Leidenschaft. Die Lehre machte er im elterlichen Betrieb. 1975 legte er die Meisterprüfung ab. Alles lief, wie es laufen sollte. Doch dann kamen die Zweifel. Sollte es das wirklich gewesen sein – ein Leben für die Schreinerei? „Die Schreinerei auf dem Lande hatte schon längst keine Überlebenschance mehr“, konstatiert der Buchautor mit Blick auf den Siegeszug der Heimwerkermärkte. Der Wittgensteiner merkte: So wollte er nicht bis ins Rentenalter weitermachen.

Die Familie weiß von nichts

Er stieß auf eine Annonce des deutschen Entwicklungsdiensts, der Handwerksmeister für seine Arbeit in anderen Teilen der Welt suchte. Heinrich Höse, mittlerweile verheirateter Familienvater, dachte an sein Vorbild Albert Schweitzer – und bewarb sich. Seiner Familie erzählte er vorerst nichts davon. „Eigentlich habe ich nicht mit einer Antwort gerechnet, aber die kam postwendend.“ Das war 1989. Mit der Antwort kam die Einladung zu einer Vorstellungstagung. Und die galt auch der Familie – für den Fall, dass diese mitkommen sollte. „Meine Geheimniskrämerei wurde jäh gestoppt“, hält Heinrich Höse fest.

Im November 1989 fuhr er mit Ehefrau Helga zur Vorstellung nach Berlin. Die beiden erhielten eine grundsätzliche Zusage, aber noch kein konkretes Projektangebot. Das kam einige Wochen später. Das Einsatzland: Lesotho. Heinrich und Helga Höse nahmen das Angebot an. Außer ihrer dreijährigen Tochter Franziska würde sie niemand begleiten. Nach einem dreimonatigen Vorbereitungsseminar reisten sie im Oktober 1990 ab.

Heinrich Höses Aufgabe in dem afrikanischen Land bestand darin, eine Lehrwerkstatt für Tischler zu leiten – mit dem Ziel, dass sich die Lehrlinge in ihrer Heimat selbstständig machten. Er war für zehn Auszubildende verantwortlich. Die Familie lebte in der Hauptstadt Maseru. Der lesothische Alltag bedeutete für die Höses eine große Umstellung, nicht zuletzt wegen der Sprache. Englisch und Sesotho sind die Amtssprachen in Lesotho. Tochter Franziska hatte es leichter als ihre Eltern: Sie lernte beim Spielen mit den Nachbarskindern schnell, sich zu verständigen.

Tische und Bänke für Schule

Heinrich fuhr auf Messen, brachte in Erfahrung, welche Produkte gefragt waren. Einmal wandte sich die Leiterin einer Gehörlosenschule an ihn. Ihre Einrichtung benötigte Tische und Bänke, doch das Geld war knapp. Heinrich besuchte die Schule, sah schlimme Zustände: Die Schüler schliefen in einer Behausung, die zuvor als Hühnerstall fungierte: Kahler Boden, verrostete Stockbetten, Wellblechdach. Heinrich überzeugte seinen Vorgesetzten von einer Ratenzahlung, lieferte der Gehörlosenschule die Tische und Bänke und war überwältigt von der Dankbarkeit und Begeisterung der Kinder und Jugendlichen.

Er berichtet in seinem Buch von einer Spendenaktion, die 1992 – während seines ersten Urlaubs in Wittgenstein – zugunsten dieser Schule gestartet wurde. Ein Teil des Geldes floss in den Bau eines Schulbrunnens. Das ermöglichte den Anbau von Mais.

Entwicklungshilfe beim Fußball

Heinrich Höse beschreibt auch, wie er sich nach einer Phase des Einlebens schließlich wieder seiner Leidenschaft, dem Fußball, widmete. Wie er als Zuschauer im einzigen Stadion von Lesotho mit dem lesothischen Nationaltrainer Styles Phumo ins Gespräch kam – und eine Aufgabe erhielt: Der Wittgensteiner Schiedsrichter sollte helfen, das lesothische Regelwerk auf internationale Standards zu bringen. Das machte den Mitbegründer der Sportfreunde Sassenhausen in ganz Lesotho zu einer bekannten und geschätzten Sportpersönlichkeit. Er bekam sogar Besuch von einer Schiedsrichter-Delegation aus Siegen-Wittgenstein.

Durch den Fußball entstand eine enge Freundschaft zwischen seiner Familie und dem Fifa-Schiedsrichter Ntate Mosehle. „Er nannte uns seine Ersatzeltern“, schreibt Heinrich Höse. 1997 wurde Mosehle in Johannesburg umgebracht, als er versuchte, einen Streit zu schlichten.

Zweimal verlängerte der Wittgensteiner seinen Vertrag als Entwicklungshelfer in Lesotho. 1996 war endgültig Schluss. Einer seiner ersten Lehrlinge übernahm die Werkstatt, leitet sie noch heute.

„Wir haben uns auf Deutschland gefreut“, sagte Heinrich Höse, der aber bald feststellen musste, dass ihm die Rastlosigkeit der Menschen in seiner Heimat zu schaffen machte. Hatte sich die Gesellschaft während seines sechsjährigen Afrika-Aufenthalts verändert oder eher seine Wahrnehmung? „Wahrscheinlich eine Mixtur aus beidem: veränderte Wahrnehmung und Veränderungen in der Arbeitswelt“, erklärt sich Heinrich Höse sein Empfinden.

Arbeit und Studium in der Heimat

Von 1996 bis 2001 arbeitete er in einem Laaspher Fensterbau-Unternehmen, studierte nebenbei Betriebswirtschaftslehre an der Handwerkskammer Arnsberg. Doch es zog ihn zurück in den Entwicklungsdienst. Seine nächste Station war das Kosovo.

Heinrich Höse kam – zunächst ohne Frau und Tochter – in ein vom Krieg geschundenes Land. Seine Aufgabe war der Aufbau einer Lehrwerkstatt in Pejë, rund 80 Kilometer westlich der Hauptstadt Prishtina. Das Projekt verlief vielversprechend, die Auszubildenden waren in der Wirtschaft gefragt.

Am 17. April 2004 – Helga und Franziska waren inzwischen nachgekommen – wurde das Kosovo von einer Welle der Gewalt erschüttert. Ausschreitungen zwischen Serben und Albanern forderten Dutzende Tote. Franziska und ihre Mitschüler wurden an diesem Tag sicherheitshalber aus der Schule zu ihrem Internat gebracht, wo bereits Helga wartete. Heinrich holte sie ab, zwei Mitschülerinnen, die ebenfalls in Pejë lebten, fuhren mit. Die Fahrt nach Pejë war für alle ein schlimmes Erlebnis. Sie hörten Maschinengewehre rattern, sahen Brände. Die Erlebnisse dieses Tages belasten Heinrich Höse noch heute.

Engagement und Enttäuschungen

2007 kehrte die Familie nach Wallau zurück. Seine dritte große Herausforderung in der Entwicklungshilfe nahm Heinrich Höse vier Jahre später an: Die Leitung einer Berufsschule in Soweto/Südafrika. Diesmal reisten er und Helga allein. Mittlerweile waren sie Großeltern geworden. Südafrika hatten die Höses schon zu ihrer Zeit in Lesotho kennen gelernt, anfangs noch als Apartheidsstaat.

Das Projekt, für das sich Heinrich diesmal engagierte, hielt für ihn große Enttäuschungen bereit. „Es ist sehr schwer, alte Strukturen aufzubrechen“, notierte er am 27. September 2012 mit Blick auf die Einstellungen und Verhaltensweisen einiger Kollegen. Kollegen, mit denen er sich stritt. Nachhaltigkeit, die Unabhängigkeit der Schule von Spenden – daran sei offensichtlich nicht allen gelegen gewesen.

Zweimal erhielt Heinrich Höse an seinem Arbeitsplatz in Soweto prominenten Besuch aus Deutschland: Einmal vom damaligen Wirtschaftsminister Philipp Rösler, einmal von Bildungsministerin Anette Schavan.

Zu Besuch bei Walter Walle

Zu den Begebenheiten abseits der Entwicklungshilfe-Tätigkeit zählte für Heinrich und Helga Höse ein mehrtägiger Aufenthalt in Bloemfontein. Dort besuchten sie im Dezember 2012 den gebürtigen Laaspher Walter Walle, der vor mehr als 50 Jahren nach Südafrika auswanderte.

Die verbleibenden Monate in Südafrika waren für das Ehepaar eine schwere Zeit. Meinungsverschiedenheiten in Sachen Geldverwendung brachten Heinrich Beschimpfungen und Drohungen durch einen südafrikanischen „Kollegen“ ein. Eine für ihn schmerzhafte Erfahrung nach 14-jährigem Einsatz für benachteiligte Menschen. Die Bedrohung nahmen er und Helga als sehr konkret wahr. Diese Situation und sein Pflichtbewusstsein setzten Heinrichs Gesundheit zu. Seinen Vertrag verlängerte er diesmal nicht. Am 6. Juli 2013 kehrte das Ehepaar nach Deutschland zurück.

„Die Auslandstätigkeiten veränderten uns“, stellt Heinrich Höse fest. „Wir leben sehr viel bewusster und unser Blick für bedürftige Menschen wurde sensibilisiert“, verdeutlicht er in seinem Fazit. Nach wie vor beobachtet er die Ergebnisse seiner Arbeit, hält sich durch Briefe, Telefonate und E-Mails auf dem Laufenden.

Seit Mai vergangenen Jahres ist Heinrich Höse im „Unruhestand“. Das Ehrenamt ist für ihn ein wichtiger Lebensinhalt. Seit Kurzem engagiert er sich im Vorstand des Bad Laaspher Freundeskreises für christlich-jüdische Zusammenarbeit.